Der Wald rettet sich selbst
Österreichische Erstaufführung des Stücks „Wald“ von Miriam V. Lesch
Sieglinde Wöhrer · Okt 2025 · Theater

Im Rahmen des Komsodroms überzeugten die jungen Darsteller:innen der Athanor Akademie Passau in Leschs Theaterstück zu aktuellen Problemen wie Klimawandel und Bodenversiegelung auf der Bühne des Theater Kosmos.

Die Bäume wachsen. Auch im Stück „Wald“ der österreichischen Autorin Miriam Lesch, aber dort eben etwas zu schnell, findet Frau A., die mit einer zweieinhalb Meter großen Buche auf ihrem Balkon völlig überrumpelt wurde. Diese ersten Symptome werden noch belächelt, doch kurze Zeit später wird nur noch geflucht.
Nach „60 Jahren mit baumfreundlichem Wetter“ wachsen Bäume auf ihre eigene Weise, in ihrer eigenen Zeit und auch über alle Zeiten hinweg. Sie schleichen sich an und sind dann da – in fantasievoll niedlichen Kostümen (von Christina Milea), jung, naiv und mit einer leicht erschrockenen Wesensart und in der Verkörperung der Schauspieler:innen der Athanor Akademie Passau. Sie bewegen sich in Zeitlupe, reagieren oft wortlos auf die Menschen und sind als nervöse zittrige Wesen auch schnell wieder von der Bühne verschwunden.

Hyper-Pflanzenwachstum bis Rom

Leschs Geschichte ist in der Gegenwart angesiedelt und thematisiert aktuelle Probleme wie Klimawandel und Bodenversiegelung, die mit drastischen Maßnahmen gelöst werden. Im Theater Kosmos muss der Wald nicht von Umweltaktivist:innen gerettet werden, denn der Wald rettet sich selbst. Über Nacht wachsen plötzlich Bäume in rasantem Tempo durch den Beton durch, sie breiten sich in der ganzen Stadt aus, auf Hochhäusern genauso wie im Römischen Reich zur Zeit Cäsars, der mit Plinius zusammen seine Straßen sucht, bis er am Ende doch zur Erkenntnis kommt: „Bäume sind uns an Verbündeten weitaus überlegen.“
Die Autorin lenkt in ihrem Stück den Fokus weg von den Menschen und ihren Bedürfnissen nach Natur und Gebäuden hin zum Anliegen der Bäume, die sich etwas vermenschlicht während des ganzen Stücks in einzelnen Wörtern und kurzen Sätzen über ihr biologisches Wachstum austauschen. Die Bäume sprechen gleichzeitig roboterhaft mit ihren ständigen Wiederholungen, aber auch auf eine kindliche Weise, die sehr im Moment verhaftet ist: „Nach außen Rinde erzeugen, nach innen Holz“, „Wasser suchen“, Kohlenstoffdioxyd aufnehmen, Sauerstoff abgeben.“

Überdrehte Figuren in origineller Mischung

Die Inszenierung von Florian von Hoermann schafft ein völlig abstruses Setting mit originell-witzigen Figuren, die in absurden Szenen aufeinandertreffen. Frau A. hat sich mit ihrer Buche angefreundet: „ich sitz den ganzen Tag nur da und schau ihr beim Wachsen zu. Ich weiß gar nicht, was ich früher gemacht hab.“ Ein verblödeter Gartenzwerg als Mitarbeiter der städtischen Gartenbaufirma hängt bei ihr in der Wohnung ab und hadert mit seiner Umschulung zum Forstarbeiter. Der Umbruch beschäftigt auch die Tiere, etwa eine begeisterte Ameisenkönigin auf High Heels oder das überdrehte Reh Bambi, das als Verfechterin des Waldes alle begrüßt. Die Bäume zittern, wuseln nervös herum und wachsen Cäsar an den Knöcheln hinauf. „Wie weit will er sich noch ausbreiten, der Wald?“
So weit bis der Holzpreis sinkt, eine Großgrundbesitzerin und Holzfäller in Streit geraten und eine Forstmitarbeiterin den Arm verliert und in ihrer vielschichtigen Rolle auch damit überzeugt. In grellem Licht und ständig wechselnder, an die Charaktere angepasste Musik, bringen die jungen talentierten Darsteller:innen ihre Figuren auf überzeichnete Weise auf die Bühne und können mit viel Witz manche Schwächen und Längen im Stück ausgleichen.

Weitere Vorstellungen:
Fr, 17./Sa, 18.10., 20 Uhr
So, 19.10., 17 Uhr
Theater Kosmos, Bregenz
www.theaterkosmos.at

 

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