„Der Staat bin ich!“
Premiere des Stückes „Antigone“ in einer Bearbeitung von Michael Köhlmeier am Kosmos Theater in Bregenz
Annette Raschner · Feb 2024 · Theater

Die Qualität eines Kunstwerks zeigt sich auch in dessen zeitloser Gültigkeit. Seine Tragödie „Antigone“ hat der griechische Dichter Sophokles vor mehr als 2.500 Jahren geschrieben, und immer noch versteht es der dramatische Stoff, zu berühren und zu bewegen. Vor allem, wenn ein Ausnahmekönner wie Michael Köhlmeier eine Neubearbeitung wagt. Die erfolgreiche Uraufführung seiner „Antigone“ fand im September letzten Jahres am Schauspielhaus Salzburg statt. Nun ist auch die Vorarlberg-Premiere im Theater Kosmos in Bregenz geglückt.

Von der Decke regnet es Sandfontänen auf die ansonsten leergefegte Bühne. Antigone streut Staub auf den toten Körper ihres Bruders Polyneikes und erweist ihm die letzte Ehre. Und das, obwohl der neue Herrscher von Theben, ihr Onkel Kreon, den Befehl erlassen hat, den Leichnam Hunden und Vögeln zum Fraß zu überlassen, während der andere, ebenfalls tote Bruder Eteokles in allen Ehren bestattet werden soll. Es ist allein die Willkür, die ihn antreibt. Aber „ich bin der Staat“, sagt er und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass diejenige, die sein Wort in Frage stellt, mit dem Schlimmste zu rechnen hat. Also Antigone. 

Individuum oder Staat?

Michael Köhlmeier, Meister in der Neuerzählung und Neubearbeitung antiker Stoffe, hat den Kern, den Grundkonflikt der Tragödie, an der sich so gut wie alle Tragödien des Abendlandes gemessen haben, herausgeschält; Und der besitzt nach wie vor brennende Aktualität. Es ist die Frage, ob sich der Mensch nach seinem Gewissen oder nach einem allgemeinen Gesetz richten sollte. Antigone steht für das Gewissen, König Kreon für das geltende Gesetz. Und weil Antigone das Gesetz nicht befolgt, muss sie – quasi aus Prinzip – sterben. 

Differenziertes Spiel

Olaf Salzer gibt überzeugend einen König Kreon, der mit sanfter Stimme spricht, aber mit aller Härte regiert, um nur ja keine Schwäche zu zeigen. Sein Mienenspiel ist entlarvend, er ist sichtlich der Rolle des Herrschers nicht gewachsen. Magdalena Lermer setzt ihm als Antigone die geballte Kraft der Emotionen entgegen, an einer Stelle im Stück lacht sie ihn sogar lauthals aus. Ismene, ihre Schwester, besitzt keinen derartigen Mut, aber sie liebt Antigone und bittet sie um Verzeihung. 

Inszenierung ohne Dekor

Regisseur Robert Pienz hat sich auf den ungemein klugen, klaren und dennoch niemals vordergründigen Text von Michael Köhlmeier verlassen und auf jegliche Opulenz verzichtet. Die Schlichtheit macht durchaus Sinn, und doch hätte man sich im Rahmen der rund zweistündigen Inszenierung hin und wieder über einen Bildwechsel gefreut. Umso größer ist die Freude über das burleske Buffo-Trio (Rene Eichinger, Michael Zehentner und Michael Graf), das die so notwendige Prise Humor in das tragische Geschehen bringt und das – mal kommentierend, mal berichtend, mal parodierend – den Ersatz für den antiken Chor darstellt, über dessen Funktion, so Michael Köhlmeier, wir heute nicht mehr wirklich Bescheid wüssten. 
Ein stimmiger Abend, ein berührender Abend, ein Abend, den all jene noch erleben sollten, die das Stück noch nicht gesehen haben!

Theater Kosmos in Kooperation mit dem Schauspielhaus Salzburg: „Antigone“ von Michael Köhlmeier nach Sophokles
weitere Vorstellungen: 10./17./22./23./24.2. sowie 2.3, jeweils 20 Uhr; 18.2.,3.3. jweils 17 Uhr
Theater Kosmos, Bregenz

www.theaterkosmos.at

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