Denkwürdig. Aus Bauschutt wird Kunst
Cäcilia Brown: Betongold – ein Solidaritätsprojekt für die Aktion „Hunger auf Kunst und Kultur“ im Theater KOSMOS
Martina Pfeifer Steiner ·
Dez 2025 · Aktuell
Bruchstücke vom Abriss der Luxusimmobilie Lamarr in der Wiener Mariahilfer Straße verwandelt die Künstlerin Cäcilia Brown in ein Stück österreichische Zeitgeschichte, in ein künstlerisches Unikat, in einen funktionalen Gebrauchsgegenstand. Mit dieser ungewöhnlichen Charity-Aktion zugunsten der Initiative „Hunger auf Kunst und Kultur“ legt der Klub KOSMOS die Edition „Betongold“ auf.
„Mit dieser Solidaritätsbekundung wird die Verschwendung von Ressourcen und Steuergeldern durch den Signa-Konzern zumindest im kleinsten Teil wieder zu etwas Sinnvollem“, erklärt die Mitinitiatorin und Obfrau des Vereins, Martina Feurstein. Sie kennt Cäcilia Brown – 2024 mit dem renommierten Msgr. Otto Maurer Preis ausgezeichnet – aus ihrer Tätigkeit im Kunsthaus Bregenz. Die in Wien lebende Bildhauerin befasst sich oft mit historischen Schichten im urbanen Raum, findet in ihren Stadtschürfungen Versatzstücke aus der Infrastruktur oder Materialien wie Lehm vom U-Bahn Bau, Beton, Stahl, Ziegel, Holz, Keramik, die in ihre Kunst einfließen. So blieb auch der omnipräsente, dramatische Abriss vom Prestigeprojekt des gefallenen Immobilieninvestors René Benko in ihrem Fokus. Brown nimmt Betonbrocken, die die Baumaschinen-Monster aus der Rohbau-Ruine in der Mariahilfer Straße nagen, und macht daraus brauchbare Objekte: „Die Betonuntersetzer bringen uns ein Stück allgegenwärtiges Baumaterial auf den Tisch, das auch zum Symbol geworden ist für unseren zu großen gesellschaftlichen Appetit nach Ressourcen, nach Boden, nach Wachstum – in diesem Fall trifft dieser auf den ‚Hunger auf Kunst und Kultur‘“. Hier geht es um gesellschaftliche Umverteilung und Gerechtigkeit. Der Verkaufserlös – von insgesamt 300 Stück – fließt direkt an diese Initiative, die mit einem Kulturpass den niederschwelligen Zugang für sozial benachteiligte Menschen ermöglicht.
Abriss – Neubau – Abriss
Für nur zwanzig Euro Spendenvorschlag könne man ein Kunstwerk mit nach Hause nehmen, bemerkt KUB-Direktor Thomas D. Trummer in seiner Rede, und „gute Kunst trifft vor ihrer Zeit, es braucht die Zukunft, um unsere Gegenwart abzubilden“. Jede Scheibe sei ein Stück Zeitgeschichte, ein Stück Benko, ein Unikat, verdichtet und politisch brisant, „ein Ready-made, ein recyceltes Stück, ein Relikt der Vergangenheit, Spuren der Hybris“. Der Ex-Leiner musste für den nunmehrigen Ex-Signa weichen, und bald sind alle Spuren dieser Ungeheuerlichkeit verschwunden. Doch Kunst verändert die Wahrnehmung, wir spüren die Verantwortungslosigkeit und den Verwertungsdruck.
Zuerst wurde ein traditionsreiches Warenhaus für das Luxuskaufhaus „Lamarr“ abgerissen, um nach Insolvenz der Signa-Gruppe vom neuen Investor wieder abgebrochen zu werden. Die Tragödie spielt sich an prominentester öffentlicher Stelle mitten in Wien unter reger, fassungsloser Anteilnahme der zahllosen Passant:innen ab. Doch „Benko war es nicht allein!“ Man muss die Wiener Stadtregierung in die Pflicht nehmen, die einstimmig den Abriss des „Leiner“-Möbelhauses zuließ, obwohl sich der guterhaltene Gründerzeitbau perfekt für ein modernes Wiener Kaufhaus geeignet hätte. Auch wenn die Fassade in der Nachkriegszeit stark vereinfacht wurde, waren die ausgewogene Gliederung, die Grundrissqualitäten und das alte Stiegenhaus in Originalzustand. Im Frühjahr 2021 begann der Abriss. Trotz Schutzzone.
Ein „innovatives Traditions-Warenhaus“, nach dem Entwurf des weltbekannten Architekturbüros O.M.A von Pritzker-Preisträger Rem Koolhaas, sollte entstehen, eine Begegnungsstätte mit Mix aus Shopping, Gastronomie, Hotel und konsumfreien Zonen, auf dem Dach ein großer öffentlich zugänglicher Garten. Und wieder wird nach der Signa-Pleite vom neuen Investor der Stumpf-Gruppe verklickert, dass der in kurzer Zeit hochgezogene Rohbau abgerissen werden muss. Mit „Teilabriss“ ist hier nicht zu trösten, es handelt sich wohl eher um einen Groß-Teilabriss! Die genehmigte Gebäudehülle bleibt bestehen (betrifft das den Fassadenentwurf?!), das Volumen wird jedoch reduziert, dafür mit Innenhöfen gegliedert. Zusätzlich zu Verkaufsflächen, Hotel und öffentlicher Dachterrasse entstehen zweihundert Wohnungen. Fertigstellung im Sommer 2028.