Den klassischen Gesang gefeiert
Corinna Scheurle erhielt den Vorarlberg Kulturpreis 2025, Veronika Dünser und Lea Elisabeth Müller die beiden Anerkennungspreise
Silvia Thurner ·
Nov 2025 · Musik
Zum elften Mal stifteten das Casino Bregenz und die Dornbirner Sparkasse in Zusammenarbeit mit dem Land Vorarlberg und dem ORF den insgesamt mit € 15.000 dotierten „Vorarlberger Kulturpreis“. In diesem Jahr stand der klassische Gesang im Mittelpunkt des Auswahlverfahrens. Im Rahmen eines Konzertes präsentierten sich die fünf Nominierten Veronika Dünser, Lea Elisabeth Müller, Isabel Pfefferkorn, Corinna Scheurle und Achim Schurig mit Kurzkonzerten im ORF Funkhaus in Dornbirn. Am Klavier bzw. Cembalo wurden sie vom Pianisten Clemens Müller begleitet. Der Saal konnte die vielen Interessierten und Freunde des Gesangs kaum fassen, denn ein einzigartiges Konzert mit sehr individuellen künstlerischen Zugängen war zu erleben. Im Casino Bregenz fand nun die feierliche Preisübergabe an die ausgezeichneten Sängerinnen statt.
Im voll besetzten Publikumsstudio herrschte eine aufgewühlte Stimmung mit freudvoller Erwartung auf die fünf nominierten Künstler:innen. Mit herzlichem Applaus wurden sie gefeiert und es stellte sich im Saal eine angenehme Atmosphäre ein, die zeitweise sogar vergessen ließ, dass hier Sänger:innen in einem Wettbewerb gegeneinander antraten.
Die Jury war prominent besetzt: Antonia Frey und Stefan Ritzenthaler kamen von der J.S. Bachstiftung aus St. Gallen. Susanne Schmidt arbeitete 15 Jahre lang als Operndirektorin bei den Bregenzer Festspielen und ist jetzt als Casting-Direktorin bei der flämischen Oper in Antwerpen und Gent tätig. Das Juryteam vervollständigte Jaakko Kortekangas, seit 2024 künstlerischer Betriebsdirektor und stellvertretender Intendant der Bregenzer Festspiele.
Veronika Dünser: Ausdruckskraft und warmes Timbre
Veronika Dünser interpretierte bei ihrem Auftritt die Arie „Mon cœur s'ouvre“ aus der Oper „Samson et Dalila“, das Wesendonck-Lied „Schmerzen“ von Richard Wagner und rundete ihre Werkauswahl mit „O don fatale“ aus der Oper „Don Carlo“ von Giuseppe Verdi ab. Mit warmem Timbre ließ sie die melodischen Linien fließen und gestaltete die Wesenszüge der drei unterschiedlichen Werke hervorragend heraus.
Isabel Pfefferkorn: Künstlerische Vielseitigkeit und Experimentierfreude
Einen individuellen Zugang wählte Isabel Pfefferkorn für ihre Performance. Ihr Medley „Farbrausch“ begann mit Purcells berühmtem „Cold Song“ aus „King Arthur“, führte über Tom Waits und Astor Piazzolla zu einem Schumann-Lied und mündete in der Eigenkomposition „Painting My Chest“. Ihre Darbietung verwies ausdrucksvoll auf die künstlerische Vielseitigkeit der Sängerin.
Achim Schurig: Junger Tenor mit humorvoller Ausstrahlung
Achim Schurig war der Jüngste in der Runde der Nominierten. Während die Sängerinnen ihre Ausbildungen bereits abgeschlossen haben und ihre Karrieren erfolgreich verfolgen, befindet er sich noch in Ausbildung am Mozarteum Salzburg. Seine gelenkige Stimme mit einem hellen Timbre führte er im Lied „Heimliche Aufforderung“ von Richard Strauss sowie in der Donizetti-Arie „Una furtiva lagrima“ aus „L’elisir d’amore“ hervorragend. In Franz Lehárs „Gern hab’ ich die Frau’n geküsst“ kam sein humorvolles Naturell gut zur Geltung.
Corinna Scheurle: Bühnenpräsenz und stimmliche Nuancen
Corinna Scheurle beeindruckte mit ihrer Bühnenpräsenz. Sie phrasierte die Linien in der Händel-Arie „Sta nell’Ircana“ sowie „Wie du warst! Wie du bist!“ aus dem „Rosenkavalier“ von Richard Strauss mit Leichtigkeit und formte das Lied „Morgen“, ebenfalls von Richard Strauss, mit nuancierter Aussagekraft.
Lea Elisabeth Müller: Glanz der historischen Aufführungspraxis
Lea Elisabeth Müller konzentriert sich in ihrer Gesangskunst auf die historische Aufführungspraxis. Sie brachte, am Cembalo von Clemens Müller begleitet, die Bachkantate „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ und die humorvolle Arietta „Amor Dormiglione“ von Barbara Strozzi mit einer feinfühligen Linienführung zum Strahlen.
Galaabend und Preisverleihung im Casino Bregenz
Im Rahmen einer Gala wurden nun im Casino Bregenz die Preisträgerinnen bekannt gegeben. Die Wertschätzung für die Künstler:innen formulierten die Stifter Bernhard Moosbrugger (Casino Bregenz) und Martin Jäger (Sparkasse Dornbirn) den Sänger:innen im Gespräch mit Christiane Schwald-Pösel. Darüber hinaus betonte Martin Jäger, dass es wichtig sei, in Kultur und Kunst zu investieren, denn die Kulturszene komme im Land zu kurz. Die Kulturlandesrätin Barbara Schöbi-Fink stellte heraus, dass der Vorarlberger Kulturpreis Künstler:innen eine einmalige Möglichkeit biete, für eine große Öffentlichkeit sichtbar zu sein.
Die Leiterin der Kulturabteilung des Landes, Claudia Voit, erklärte das Prozedere der Findung der Preisträgerinnen im Diskurs der Jurymitglieder. Einfach war es nicht, denn alle fünf Sänger:innen stellten eine große Bandbreite an Ausdrucksformen des Gesangs dar. Schließlich konnten sich Veronika Dünser und Lea Elisabeth Müller über die Anerkennungspreise in der Höhe von jeweils € 2.500 freuen. Der mit € 10.000 dotierte Vorarlberger Kulturpreis wurde mit viel Zustimmung der Mezzosopranistin Corinna Scheurle überreicht.
Laudationes der Jury
Stefan Ritzentaler hob in der Laudatio für Veronika Dünser ihre warme Stimme hervor. „Schmerzen“ von Wagner sang sie mit feinfühliger Dramaturgie und außergewöhnlicher stimmlicher Wandlungsfähigkeit, betonte der Juror, und die Arie der Dalila bestach durch Wärme und Ausdruck, einer glanzvollen und stilvollen Interpretation sowie mit bemerkenswerter Höhe.
Antonia Frey überreichte Lea Elisabeth Müller den Anerkennungspreis und betonte in ihrer Laudatio, dass sich die Arie von Barbara Strozzi in der Interpretation der Mezzosopranistin durch eine „stilgerechte Lebendigkeit, musikalische Klarheit und ausdrucksstarke Textverbundenheit“ ausgezeichnet habe.
Kulturelle Relevanz des Gesangs
Jaakko Kortekangas hielt die Laudatio für die Hauptpreisträgerin Corinna Scheurle. Dabei stellte er den Gesang und die Stimme in einen kulturellen und gesellschaftspolitischen Zusammenhang. Gerade in dieser Zeit, in der Kommunikation zunehmend digital, Beschleunigung zur Norm und technische Optimierung alltäglich geworden seien, besitze diese Kunstform eine besondere kulturpolitische Bedeutung, betonte er. Denn sie zeigt, „dass authentischer Ausdruck nicht automatisierbar ist. Sie erinnert daran, dass nicht jede menschliche Fähigkeit in Daten überführbar ist. Nicht jede Emotion kann man algorithmisch reproduzieren. Der klassische Gesang ist längst nicht nur Klang, sondern voller Bedeutung. Er erzählt Geschichten und verdichtet Emotionen. Vielleicht liegt darin seine größte gesellschaftliche Relevanz, dass er eine Ausdrucksform bewahrt und erneuert, die im Kern unverzichtbar menschlich ist. Stimmen können uns in ein vertrautes Zuhause entführen, uns in Bewegung versetzen oder uns in eine Ferne tragen, von der wir gar nicht wussten, dass sie in uns existiert.“
Wie insbesondere die Hauptpreisträgerin überzeugte
Schließlich beantwortete er die Frage, warum Corinna Scheurle mit dem diesjährigen Vorarlberger Kulturpreis ausgezeichnet worden ist, mit einer klaren Aussage: „Weil sie bei der Präsentation im ORF nicht nur einfach gesungen hat, sondern gestaltet hat. Wir bemerkten schnell die herausragende Gesangstechnik, aber auch ihre Interaktion mit dem Pianisten, aufmerksam, korrektiv und geprägt von gemeinsamem Musizieren. Ihre Kommunikation mit dem Publikum war von einer vermittelnden Persönlichkeit geprägt. Das ergibt das Bild einer professionellen Karriere, die nicht erst beginnt, sondern bereits voll in Fahrt ist.“