Den Elfenbeinturm verlassen Ingrid Bertel · Sep 2026 · Aktuell
Baumwolle und Sklaverei – Was hat der Kolonialismus mit Vorarlberg zu tun? Dieser Frage widmete das Wirtschaftsarchiv Vorarlberg eine Tagung. In der Schweiz ist das Thema in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sagt Hans Fässler. Für Österreich könne man das nicht behaupten, sind sich seine Historikerkolleg:innen einig. Das soll sich ändern.
2024 wurde der Bestand „Herrburger & Rhomberg“ des Wirtschaftsarchivs Vorarlberg von der UNESCO-Kommission in das nationale Dokumentenerbe aufgenommen. Seither sind mehrere hundert Rechnungen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinzugekommen und werden nun beforscht. Zum Beispiel von Améziane Gouali. 110 Geschäftsbriefe an „Herrburger & Rhomberg“ hat er analysiert und zeichnet ein Bild der Informationsbroker, Finanzintermediäre und Logistiker, die im Auftrag der Textilfirma tätig waren. So entsteht ein Bild von den Netzwerken der Dornbirner Unternehmer, deren Baumwollimporte etwa von Triest über Chur und Feldkirch nach Dornbirn oder aber über Liverpool, Rotterdam und Salzburg nach Fußach führten. Ab 1844 stammte die Baumwolle vorzugsweise aus den amerikanischen Südstaaten. Damit „Herrburger & Rhomberg“, aber auch „Rhomberg & Lenz“ rechtzeitig von Preisschwankungen oder Transportschwierigkeiten erfuhren, brauchte es vertrauliche Marktanalysen, ein flexibles System für Frachtumleitungen und Kreditgeber als Risikopuffer zum Weltmarkt.
„Baumwollhungersnot“
Das Geschäft boomte – bis zur Krise 1861, dem Beginn des Sezessionskriegs. Der Preis für Baumwolle aus den USA verzehnfachte sich und stürzte die Vorarlberger Textilindustrie in eine tiefe Krise. Die Zahl der Beschäftigten ging um 80 % zurück. Sophie Schasiepen, Karoline Mayer und Marianna Nenning – alle drei im kuratorischen Team am „Haus der Geschichte Österreich“ tätig – widmen sich diesem Thema. Etwa indem sie die Geschichte der Feldkircher Firma Ganahl untersuchen. Wie betraf die Krise Josef Ganahl? Er war nach Savannah/Georgia ausgewandert, hatte dort in eine der angesehensten Familien der Südstaatengesellschaft eingeheiratet und die Firma „Ganahl & Woolhopter“ gegründet. Man stehe mit der Erforschung der Firmengeschichte noch ziemlich am Anfang, gestehen die drei, und hoffe auf neue Erkenntnisse aus dem Wirtschaftsarchiv. Das gelte auch für ein weiteres Familienmitglied, den Leiter des Familienunternehmens, Carl Ganahl.
„Feldkircher Zeitung“
Er hat unter anderem die „Feldkircher Zeitung“ gegründet und finanziert, und gerade diese Zeitung erweist sich als wertvolle Quelle. „Sie legte den Fokus auf Sklavenemanzipation“, sagt Marianna Nenning, „und behielt ihn den gesamten Krieg über bei.“ Das ist insofern erstaunlich, als Carl Ganahl die Baumwolle aus Plantagenwirtschaft und Sklavenarbeit bezog. Österreich war überdies seit einem entsprechenden Auftrag von Kaiserin Maria Theresia in den Sklavenhandel einbezogen. „Aber um 1861“, so der Historiker Laurin Blecha, „war klar, der Zwischenhandel hat viel größere Auswirkungen auf den Preis als die Sklavenarbeit. Von ihr profitierten die Plantagenbesitzer, und zu denen gehörten die Vorarlberger nicht.“ Österreich gab sich im Sezessionskrieg neutral, erachtete die Sklaverei für problematisch, sah sie aber von der Verfassung geschützt. Die eigentliche Kriegsursache wurde nicht in der Sklaverei, sondern im Verfassungsbruch der Konföderierten gesehen.
Was die Auswirkungen der Bauwollkrise für Vorarlberg angeht, was die Missstände – von Arbeitslosigkeit bis hin zur Kinderarbeit – angeht, „die wurden von der ‚Feldkircher Zeitung‘ ausgeblendet“, sagt Karoline Mayer.
Kamingespräch
Einen umfänglichen Fragenkatalog legte Hans Fässler im anschließenden Kamingespräch vor. Die Antworten: „Vorarlberg war, wie viele andere Regionen, schon damals in ein globales Wirtschaftssystem eingebunden“, sagt der Lustenauer Historiker Oliver Heinzle. „Die Strukturen sind im Schweizer Verlagswesen mit dem Brennpunkt St. Gallen gelegt worden, und Vorarlberg war das Billiglohnland.“ „Karl Marx hätte von Lohnsklaverei gesprochen“, meint trocken der Moderator Hans Fässler. „Natürlich hat Österreich eine koloniale Vergangenheit“, betont Laurin Blecha und verweist etwa auf Richard Payer, der noch Mitte des 19. Jahrhunderts auf Gebietserweiterungen Österreichs in Südamerika pochte. Österreich brauche Kolonien. „Patschert“ war das, so Fässler, denn die beiden Amerikas waren da bereits postkolonial. „Und wie ist das mit der afrikanischen Mittäterschaft am Sklavenhandel?“ fragt ein Herr aus dem Publikum. Diese Thematik werde schon lange erforscht, bei uns aber wenig wahrgenommen, sind sich die Historiker:innen einig.
Dann lenkt die Afrikahistorikerin Katharina Oke den Blick auf eine andere Frage: Was sind die westafrikanischen und lateinamerikanischen Perspektiven auf die Geschichte? Welche Rolle spielen die Disparitäten im Handelskapital, Transportwesen und der industriellen Produktion? „Sie haben die Entwicklung lokaler Wirtschaften gehemmt“, sagt der Historiker Clemens Pfeffer, „und die Länder auf die Produktion von Rohstoffen reduziert.“ Eine wertvolle Datenquelle dazu liege wohl in den Missionsarchiven, vermutet Oke.
Forschungslücke
Einig sind sich die Historiker:innen, dass es eine große Forschungslücke gebe, dass die Arbeit aus der Zivilgesellschaft wertvoll sei, dass eine Trennung zwischen aktivistischer Analyse und Geschichtsforschung wenig bringt und dass die Perspektive afrikanischer und lateinamerikanischer Historiker:innen unbedingt einbezogen werden müsse. „Sie haben oft nicht das Privileg, österreichische Quellen zu studieren“, klagt Blecha. Und wie seine Kolleg:innen setzt er auf gegenseitiges Lernen und auf Allianzen wie jene mit dem Wirtschaftsarchiv Vorarlberg.