Dem Affen Zucker geben
Die Pianistin Claire Huangci gab einen ungewöhnlichen Klavierabend bei der Chopin-Gesellschaft im Pförtnerhaus.
Michael Löbl ·
Jul 2026 · Musik
Zu Vorarlberg und dem Bodenseeraum hat Claire Huangci eine jahrzehntelange Beziehung. Schon als ganz junge Pianistin ist sie in Friedrichshafen aufgetreten, anschließend war sie mehrmals im Rahmen von Peter Vogels Internationalem Klavierfestival junger Meister zu hören, 2012 erhielt sie in Friedrichshafen den ZF-Musikpreis. Das Symphonieorchester Vorarlberg hat sie bereits fünfmal als Solistin verpflichtet, sie spielte Rachmaninoff, Prokofieff, Ravel und Gershwin. Besonders in Erinnerung geblieben ist die Aufführung des Klavierkonzertes op. 48 des Feldkircher Komponisten Ferdinand Andergassen, das sie für die Eröffnung des neuen Montforthauses 2015 extra einstudiert hatte. Auch die Chopin-Gesellschaft hat Claire Huangci bereits zweimal nach Feldkirch eingeladen.
Claire Huangci stammt aus den USA, wo sie am renommierten Curtis Institute in Philadelphia studierte. Ihr Lehrer Gary Graffman hatte auch Lang Lang unterrichtet, die drei Jahre ältere Yuja Wang war ihre Studienkollegin. Später setzte Claire Huangci ihr Studium an der Musikhochschule Hannover bei Arie Vardi fort. Zwei wichtige Preise gaben den Startschuss für ihre internationale Karriere: 2011 ein zweiter Preis beim ARD-Wettbewerb in München, 2018 der erste Preis beim Concours Géza Anda in Zürich. Mittlerweile spricht Claire Huangci perfekt Deutsch und lebt mit ihrem Partner und zwei Kindern in der Nähe von Frankfurt. Ihre 14 CDs erhielten zahlreiche Auszeichnungen und wurden in der Fachpresse hervorragend rezensiert.
Mit einem Augenzwinkern
Das Konzert der Chopin-Gesellschaft Vorarlberg im Pförtnerhaus Feldkirch stand unter dem Titel „Welten“. Die Programmgestaltung bot eine willkommene Abwechslung, da es außer einem dreiteiligen Chopin-Block fast nur Unbekanntes zu hören gab. Gleich zu Beginn eine „Fantasie brillante“ über Themen aus Mozarts Figaro, das Opus 493 (!) von Carl Czerny, der ja wegen seiner unzähligen Übungen für die Fingertechnik bei Pianist:innen nicht unbedingt beliebt ist. Czerny war aber eine äußerst einflussreiche Figur im Wiener Musikleben des 19. Jahrhunderts, Beethoven-Schüler und später auch Lehrer von Franz Liszt. Hier war Claire Huangci gleich in ihrem Element, das unglaublich virtuose Stück bereitete ihr keinerlei Probleme, alle halsbrecherischen Passagen wurden nicht nur gemeistert, sondern ganz locker und mit einem Augenzwinkern serviert. Das war schon einmal ein gelungener Auftakt. Spätestens bei der As-Dur Polonaise op. 58 des folgenden Chopin-Teils war klar: Claire Huangci wird an diesem Abend nichts „normal“ spielen. Ihr ausuferndes musikalisches Temperament treibt sie an, verleitet sie dazu, Schnelles noch etwas schneller anzulegen, immer wieder Rubati einzubauen und in jeder Passage ein kleines Feuerwerk abzubrennen.
Es folgten vier unterhaltsame Stücke von Ignaz Jan Paderewski, einer schillernden Figur der Zwischenkriegszeit. Paderewski war sowohl gefeierter Klaviervirtuose als auch Komponist, Kämpfer für ein unabhängiges Polen, später sogar polnischer Außenminister und Ministerpräsident.
Piano Heroines
Nach der Pause kamen zwei Komponistinnen zu Wort. Zunächst Fanny, die Schwester von Felix Mendelssohn, mit einem flirrenden Capriccio, das jede:r beim ersten Hören ihrem Bruder zuschreiben würde. Anschließend daran drei Werke von Florence Price, die in letzter Zeit vor allem durch die Wiederentdeckung ihrer großartigen Ersten Symphonie international Aufsehen erregte. Alle vier Stücke sind auch auf Claire Huangcis CD „Piano Heroines“ zu finden. Die CD hat übrigens nichts mit illegalen Rauschmitteln zu tun! Durch Florence Price war man musikalisch in den USA angekommen und blieb auch gleich dort. Zwei Etüden des bekannten Pianisten und Komponisten Earl Wild nach Liedern von George Gershwin leiteten über zum Finale, der Klavierfassung von Gershwins „Rhapsody in Blue“.
Claire Huangci ist eine technisch ungewöhnlich brillante Pianistin, ihre Virtuosität ist fast grenzenlos, verleitet sie aber manchmal dazu, zu viel zu tun. Die „Rhapsody in Blue“ beispielsweise besteht ohnehin aus ständigen Rhythmus- und Stimmungswechseln. Wenn man da noch eins draufsetzt, noch mehr beschleunigt und abbremst, dem Affen immer weiter Zucker gibt, kann das für die Zuhörer:innen auch schon mal anstrengend werden.
Master Class
Claire Huangcis Besuch in Feldkirch war jedoch nach dem Konzert im Pförtnerhaus noch nicht zu Ende. Am Montag gab sie noch eine Meisterklasse an der Stella Musikhochschule. Alle, die dabei waren, werden sich noch länger an diesen Vormittag erinnern. Zwei Studenten und zwei Studentinnen präsentierten Werke von Debussy, Beethoven, Isaac Albéniz und „Bacchanale“ des rumänischen Komponisten Constantin Silvestri. Debussy und Beethoven sind Teil von Claire Huangcis Repertoire. Blitzschnell analysierte sie Probleme, bot Lösungen an, gab Anregungen zur klanglichen Differenzierung und zu technischen Schwierigkeiten. Die Stücke von Albéniz („Iberia“) und Silvestri waren ihr allerdings vollkommen unbekannt, sie hatte sie vorher weder gehört noch gespielt. Nach kurzem Durchblättern der Noten schien sie aber bereits den vollen Überblick zu haben, denn alle ihre Ideen und Vorschläge bezüglich Tempo, Phrasierung, Anschlag oder Rhythmus hatten Hand und Fuß und ergaben sofortige Verbesserungen im Spiel der Studierenden. Besonders faszinierend war zu beobachten, dass sie sämtliche Passagen der ihr nicht bekannten Klavierwerke nur einmal kurz anspielen musste, um sie anschließend fast konzertreif wiederzugeben. Das war wirklich beeindruckend.
Claire Huangci wird vermutlich in den nächsten Jahren als Professorin an eine große europäische Musikhochschule berufen werden. Jede:r angehende Pianist:in sollte sich dann um einen Platz in ihrer Klasse bemühen. In Weimar hätte es vor vier Jahren fast geklappt, die Berufungsvereinbarung war bereits unterschrieben, eine Verkettung unglücklicher Umstände führte jedoch im letzten Moment zur Auflösung des Vertrages.
Claire Huangci befindet sich auf dem Höhepunkt ihrer pianistischen Karriere. Möge sie den Musikfreunden dieser Welt noch viele aufregende Stunden bescheren, bevor sie ihr Wissen an die nächste Generation weitergibt. Dass sie das zu einem geeigneten Zeitpunkt ebenso hervorragend machen wird, darüber gibt es keinen Zweifel.
www.chopin-gesellschaft.at
www.clairehuangci.com/de