Das Leben lässt sich nicht zurückspulen Daniel Furxer · Okt 2026 · Theater

Das Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung inszeniert in der Maurachgasse 1 in Bregenz das bekannte Einmannstück „Das letzte Band“ von Samuel Beckett (Uraufführung 1958 in London). Regie führt Stephan Kasimir.

Ein Mann tritt auf, findet in seiner Büroschublade eine Banane und macht sich daran, diese zu schälen. Ein Schmatzen und leises Stöhnen ist aus seinem Mund zu hören, während er die Banane zärtlich liebkost. Er steckt sie als Ganzes in den Mund und verspeist sie, ohne dass er in der Folge seine Hände verwendet. Das Stöhnen wird lauter, die Bewegungen ausladender. Die Erotik dieser Szene und deren orgiastisches Ende sind faszinierend und verstörend zugleich. Man wird Voyeur einer intimen Handlung, die weit über das Verspeisen einer Banane hinausreicht. Verstörend vielleicht deshalb, weil Sexualität und Alter ein Tabu sind, das auch auf der Bühne wirkmächtig ist.
Diese Szene bildet die erste Innensicht des 69-jährigen Schriftstellers Krapp (gespielt von Felix Römer), der verwahrlost und alleine in seiner Wohnung haust. Gemeinsam mit seinen Tonbändern, die er jedes Jahr zum Geburtstag bespricht. In Schachtel Nummer 3, Spule 5, findet er auf Magnetband die Erinnerung seines 39-jährigen Ichs. Er hört die Passagen widerwillig an und kommentiert diese leise. Eine verflossene Liebschaft hängt ihm besonders nach. Die Beschäftigung mit seiner Vergangenheit nimmt ihn ein und zieht ihn immer weiter in den Strudel hinab.

Der voyeuristische Blick

Römer spielt im Fenster des Erdgeschosses (Maurachgasse 1), das von WGN (Verein für Kunst und Kultur) kuratiert wird. Die Zuschauer:innen sitzen auf Stühlen in der Gasse. Tee, Heizstrahler und Decken sorgen für Wärme. Mit einem Kopfhörer wird der Ton geliefert, sowohl das gesprochene Wort als auch die Tonbandaufzeichnungen. Die Fensterscheibe ist bewusst als trennendes Element gewählt und verstärkt das voyeuristische Mitverfolgen. Bühnengestalterin Caro Stark schafft es, den Raum so zu arrangieren, dass man sich in die Zeit der 1950er Jahre versetzt fühlt, als dieses Stück geschrieben wurde. Bewusst wurde wohl auf technische Aktualisierung verzichtet. Das einprägsame Geräusch des Vor- und Zurückspulens der Bänder bleibt hängen und wird nicht – wie in anderen Inszenierungen – durch einen Computerfile ersetzt.
Durch die strengen Auflagen der Erben und der Verlage, wie Beckett-Stücke zu spielen sind, kann Regisseur Stephan Kasimir kaum gestalterisch eingreifen. Braucht es aber auch nicht. Das Stück wirkt als Kammerspiel so, wie es geschrieben wurde. Die Beklemmung und Einsamkeit des Protagonisten sickern aber erst nach dem Stück langsam ins Gehirn, lange nachdem der imaginäre Vorhang gefallen ist.
Das Theaterwerk, das oft als Glanznummer an bekannte Schauspieler vergeben wird, findet mit Felix Römer einen würdigen Darsteller. Er schafft es hervorragend, den beklemmenden Charakter des gescheiterten Autors Krapp nach außen zu stülpen und uns an seiner Misere teilhaben zu lassen. Gleichzeitig macht sich in einem das mulmige Gefühl breit, dass wir als Zuschauer:innen selbst einmal in die Lage kommen könnten, unsere nicht zurückspulbare Vergangenheit zu bereuen. Es ist somit ein Stück mit Memento-mori-Appell: Bedenke, dass du sterben musst!

Weitere Vorstellungen:
31.10. und 6./13.11., 20 Uhr sowie 8./15.11., 17 Uhr
EG, Maurachgasse 1, Bregenz
Eintritt frei, beschränkte Plätze, um Reservierung wird gebeten!
www.unpop.at/karten

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