Das JOV brillierte mit abwechslungsreichen Stücken, sattem Band-Sound und exzellenten Solist:innen
Das Jazzorchester Vorarlberg feiert sein 20-Jahr-Jubiläum unter anderem auch mit einer spannenden Wiederbelebung seines ersten Albums.
Peter Füssl ·
Dez 2025 · Musik
Alljährlich gastiert das Jazzorchester Vorarlberg rund um den Jahreswechsel am Dornbirner Spielboden und kehrt somit an jenen Ort zurück, an dem es – nach der Gründung im Jahr 2005 durch Martin Eberle und Martin Franz – am 15. September 2006 im Rahmen der Jazz&-Reihe seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte. Ein Jubiläum, das ein ganzes Jahr lang mit 10 verschiedenen Programmen in 20 Konzerten ausgiebig gefeiert wird – 10 davon als Stage-Band im renommiertesten Jazzclub Österreichs, dem Porgy & Bess in Wien. Auch der 2010 veröffentlichte Album-Erstling „Introducing the Jazzorchester Vorarlberg“, die höchst gelungene musikalische Visitenkarte des damals noch jungen Orchesters, erfährt dieser Tage in zwei Konzerten – am Spielboden und im Porgy & Bess – eine spannende Wiederbelebung, die eindrucksvoll zeigt, wie zeitlos die von Phil Yaeger eigens für das JOV komponierten Stücke sind.
Maßgeschneiderte Kompositionen
Der US-Amerikaner zog 2004 nach Graz, wo er an der Kunstuniversität ein Masterstudium bei Ed Neumeister und kurzzeitig auch bei Georg Friedrich Haas absolvierte. Anschließend landete Phil Yaeger in Wien, wo er den JOV-Mastermind Martin Eberle kennenlernte, der ihn nicht nur als Posaunist, sondern auch als Komponist und Arrangeur ins Jazzorchester holte. Mittlerweile hat er – als Haus- und Hof-Komponist im besten Sinne – die Programme „Petit Mal“, „Egypt Road“ und Projekte mit Aja, Fatima Spar oder Orges Toçe gestaltet. „Introducing the Jazzorchester Vorarlberg“ war aber sein erstes wirklich großes Jazzorchester-Projekt, wie er im Rahmen seiner witzigen Ansagen am Spielboden erzählte. Damals hat er auf Wunsch und mit Hilfe von Martin Eberle das Programm den JOV-Akteur:innen auf den Leib geschrieben, und es zeugt von seiner Qualität, dass diese Notenkleider immer noch zeitlos aktuell wirken und auch den alten, aber auch einigen neuen Träger:innen perfekt sitzen.
Stilistische Vielfalt und Abwechslungsreichtum
Den Auftakt bestreitet Tobias Vedovelli ganz allein am Kontrabass – origineller kann man einen Jazzorchester-Abend wohl kaum einleiten! – das Solo beginnt immer mehr zu swingen und Drummer Christian Eberle und Keyboarder Benny Omerzell gesellen sich dazu, ehe Andreas Broger mit einem kraftvollen, von satten Bläsersätzen aufgepeitschten Tenorsaxophon-Solo erstmals für begeisterte Gesichter im bis auf den letzten Platz ausverkauften Spielboden-Saal sorgt. Das Stück heißt „Piece de Resistence“ und hält geschickt die Balance zwischen Experimentierfreude und Reminiszenzen an die Bigband-Tradition. Es zählt zu den drei Yaeger-Stücken in diesem Programm, die nicht auf dem „Introducing“-Album zu finden sind, aber schon öfters auf den Setlists des JOV standen und an diesem Konzertabend die außergewöhnliche stilistische Vielfalt und den Abwechslungsreichtum demonstrieren. Denn für das zweite Stück „Largo“ ließ sich Yaeger von Dmitri Schostakowitsch inspirieren. Die Saxophonisten wechseln auf Querflöten, Klarinette und Bassklarinette und sorgen so für gänzlich neue Soundfarben in dieser in wundervollen Harmonien schwelgenden Ballade. Und auch das der lebhaft pulsierenden, von Handelszentren und Kultureinrichtungen geprägten New Yorker Straße „50 6th Avenue“ gewidmete, brodelnde Funk-Stück öffnet ganz zuletzt als Zugabe neue musikalische Räume – eine absolut mitreißende, aber sehr spezielle Party-Nummer, wie es Yaeger treffend forumuliert.
(Re)introducing ... weitere Solist:innen
Das spannungsgeladene, sich wie ein aufziehendes Gewitter entwickelnde „Persistance“ eröffnet den Reigen jener Stücke, die auf der „Introducing“-CD zu finden sind, und bietet mit seinem Fusion-artigen Background die ideale Basis für ein intensives Sopransax-Solo von Martin Franz und ein rockiges Drum-Solo von Christian Eberle. „Eternally Collapsing Object“ entfaltet – laut Yaeger „epic but weird“ – wie schon vor 15 Jahren seinen gespenstischen Charme.
Natürlich darf auch das Kernstück des Albums, die dreiteilige, drei unterschiedlichen musikalischen Einflüssen entsprechende „BitterSuite“ nicht fehlen. Im ersten Satz „Chimurenga“ verarbeitet Phil Yaeger seine langjährigen Erfahrungen mit Afro-Pop als Mitglied einer Band mit Musiker:innen aus den USA und aus Simbabwe und einer Fela Kuti-Cover-Band. Die Spannung schraubt sich immer höher und findet in einem exzellenten Trompeten-Solo von Martin Eberle zum Höhepunkt. Unglaublich mit welcher Virtuosität, aber auch mit wie viel Gefühl er seine Improvisationen von zarten, lyrischen Tönen zu ekstatischen Eruptionen führt. Jedes seiner Soli zählte zu den bejubelten Höhepunkten des Abends. Ein wunderbares Kontrastprogramm dazu stellt das seinem Titel alle Ehre machende „Lento“ mit seinen gewagten Harmonien und impressionistischen Klangmalereien dar, die in ausdrucksstarken Soli von Keyboarder Benny Omerzell und Klaus Peter an der Bassklarinette gipfeln. Im dritten – ebenso selbstredend betitelten – Satz „Rock & Roll“ lässt dann der Trompeter Jodok Lingg die Funken sprühen, angetrieben von davonpreschenden Drums und kontrastierenden, fetten Bläsersätzen.
Veronika Morscher – eine vielversprechende neue Stimme beim JOV
Auf „Introducing“ sind auch drei Gesangsstücke zu finden, die 2010 von Aja Zischg interpretiert wurden. Sie war damals die erste Gesangslehrerin der aus Lauterach stammenden Veronika Morscher, die mittlerweile nach Studien in Köln, Wien und am Berklee College of Music in Boston längst eine erfolgreiche Karriere gestartet hat. Zuletzt überzeugte sie etwa mit dem erfolgreichen, mit einer hochkarätigen Band eingespielten, zwischen Singer-Songwriting und Jazz angelegten Album „Blooming“ oder ihrem Solo-Programm „Solitary Bird“ aber auch mit dem a-cappella-Trio Of Cabbages and Kings, das sich im Spannungsfeld von Jazz, Pop, Folk, Spoken-Word und experimentellen Soundfindungen bewegt. Angesichts ihrer Kreativität, aber auch vom Stimmlichen her drängen sich nicht zufällig Erinnerungen an die geniale musikalische Grenzensprengerin Joni Mitchell auf. Veronika Morscher vermag mit ihrer geschmeidigen, wandlungsfähigen und ausdrucksstarken Stimme Emotionen zu wecken und findet sich in unterschiedlichsten musikalischen Konstellationen zurecht. In großformatigen Jazz-Ensembles war sie hierzulande, mit Ausnahme eines Konzertes der Bludenz Big Band Union vor acht Jahren, aber kaum einmal zu hören. Folglich wurde ihre Premiere mit dem Jazzorchester Vorarlberg mit einiger Spannung erwartet. Morscher hat die drei bekannten Yaeger-Nummern, das poppige „Not About Love“, die emotionsgeladene Ballade „Untitled (I Know)“ und das bereits erwähnte „Eternally Collapsing Object“ in der Nachfolge von Aja mit durchaus neuem Leben erfüllt. Und sie hat als Einstandsgeschenk gleich auch zwei Eigenkompositionen mitgebracht, die sich – von Phil Yaeger fantasievoll arrangiert – wunderbar ins JOV-Konvolut einfügen. Auf „Growing Up“ trägt sie das Orchester mit einer ungemein gefühlvollen und farbenreichen Begleitung sozusagen auf Samthandschuhen, und Martin Eberle bläst ein wundervoll verhalltes, äußerst intensives Solo. In „Follow The Line“ geht es um generationenübergreifende Traumata – Morscher ist auch studierte Psychologin –, wobei sie in der Saxophonistin Viola Falb eine ideale Dialogpartnerin findet. Man darf gespannt sein, ob die interessante Kombination „JOV & Morscher“ in der Nachjubiläumszeit, wenn wieder Platz für Neues ist, eine Fortsetzung finden wird.
Konzert-Tipps:
3.1.2026: Porgy & Bess, Wien, „(Re)Introducing the Jazzorchester Vorarlberg“
31.1.2026: Montforthaus Feldkirch: JOV meets SOV
1.2.2026: Festspielhaus Bregenz: JOV meets SOV
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