Dalia Stasevska und die Kunst des differenzierten Klangs
Zwischen Spektralklang, Seelendrama und „Neuer Welt“
Silvia Thurner ·
Jul 2026 · Musik
Das erste Orchesterkonzert der Bregenzer Festspiele war aus mehrerlei Hinsicht ein herausragendes Ereignis. Eine außergewöhnlich sinnreiche Werkauswahl verband im ersten Konzertteil das Werk „Ciel d’hiver“ von Kaija Saariaho mit Lili Boulangers lyrischer Episode „Faust et Hélène“. Abgerundet wurde der spannende Konzertabend mit Antonín Dvořáks berühmter Symphonie Nr. 9 „Aus der Neuen Welt“. Mit bewundernswerter Energie dirigierte Dalia Stasevska die Wiener Symphoniker und modellierte mit ihren Händen die musikalischen Gestalten der Werke. Die Orchestermusiker:innen wirkten präsent und brachten sowohl die feinsinnig verwobene spektrale Klangpracht als auch die psychologisch deutende Tiefe der ganz unterschiedlichen Kompositionen zur Geltung.
Die finnische Komponistin Kaija Saariaho war eine Klangmagierin, die Natur, Naturbetrachtung, kosmische Klangsphären und spektrale Obertonreihen in atmosphärischen Klangwelten transferierte. „Ciel d’hiver“ aus dem Jahr 2013 ist eigentlich der herausgelöste Mittelsatz des dreiteiligen Orchesterwerkes „Orion“, aus dem Jahr 2002. Die feingliedrige Tonsprache mit ihren nuanciert schillernden Farben und der schwebende Duktus der in sich kreisenden melodischen Bögen spannten einen weiten musikalischen Raum auf. Allmählich verdichtete sich der Klangfluss und in einem atmenden Duktus wurden Tonschichtungen übereinander gelagert, aus denen sich sphärenhaft zueinander in Beziehung tretende Intervalle herauskristallisierten.
Bereits mit diesem Stück zeigten sich die besonderen Qualitäten der 1984 in Kiew geborenen Dirigentin Dalia Stasevska, die zum ersten Mal am Pult der Wiener Symphoniker stand. Mit großer Ausdruckskraft formte sie die Musik und brachte die Schwingungsverhältnisse der Töne innerhalb der Klangflächen und in den kraftvoll aufgebauten Tonsäulen bewundernswert klar ausgelotet zum Klingen.
Intensive Deutung eines Geniestreichs
1913 komponierte die erst 19-jährige Lili Boulanger die lyrische Episode „Faust et Hèléne“. Bezugnehmend auf Goethes Faust II verfasste Eugène Adenis den Text, der der Komponistin als Grundlage diente. Mit diesem Werk gelang der sehr jung verstorbenen Komponistin ein Geniestreich. Als erste Frau gewann sie mit dieser Komposition den renommierten Prix de Rome. Allein, dass diese bedeutende, aber sehr selten aufgeführte Komposition nun bei den Bregenzer Festspielen präsentiert wurde, verdient Anerkennung.
Die Kantate für Mezzosopran, Tenor und Bariton besitzt eine eindrückliche Klangsprache, die die Zuhörenden sofort in ihren Bann zieht. Mit schwergewichtigen dunklen Klängen entwickelt sich ein musikalisches Drama, das in pastoraler Atmosphäre spielt und gleichzeitig tiefe Seelenlandschaften öffnet. Die Themencharaktere sind plastisch instrumentiert und dicht verwobenen. Verbunden mit der vielsagenden Harmonik, die traditionelle Ankerpunkte verlässt, entwickelt sich eine enorme Intensität. Die drei Protagonisten Faust (Andrew Staples, Tenor), Hélène (Emily D’Angelo, Mezzosopran) und Mephisto (Rafael Fingerlos, Bariton) wirkten musikalisch hervorragend ausgeformt. Die unterschiedlichen Charaktere sowie die überwältigende Emotionalität kamen mit extremen Kontrasten und lyrisch weit gespannten Linien zur Geltung.
Andrew Staples verkörperte das Begehren und die große innere Unruhe des Faust mit großer Expressivität. Sein Timbre und die Spannkraft seiner Stimme ermöglichten ihm extreme Wechsel zwischen Leidenschaft und lyrischer Innerlichkeit. Ihm zur Seite begeisterte die Mezzosopranistin Emily D’Angelo mit ihrer intensiven Stimmgebung und ihrem dunklen Timbre. Faszinierend deutete sie das widerstrebende Erwachen, dann machte sie ihre Gefühle für Faust intensiv erlebbar und deutete ihr tragisches Schicksal aus. Der Bariton Rafael Fingerlos gestaltete den Part des Mephisto als bedeutende dramaturgische Figur plastisch und brachte die sarkastischen Charakterzüge des Mephisto zur Geltung. Allerdings war für seine Stimmlage der Orchesterpart zu dominant. Dalia Stasevska ließ dem Orchester phasenweise (zu viel) freien Lauf, sodass die Balance empfindlich gestört wirkte und dem Bariton eher wenig Freiraum zur Stimmentfaltung gegeben wurde.
Die Darbietung zeigte über die musikalische Gestaltungskraft hinaus, wie wirkmächtig es ist, wenn Gesangssolist:innen ihre Partien auswendig singen. Emily d’Angelo hatte ihren Gesangspart auswendig gelernt und konnte auf ein Notenpult verzichten. So trat sie in einen unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum und agierte in enger Abstimmung mit der Dirigentin und dem Orchester. Demgegenüber waren Rafael Fingerlos und Andrew Staples auf Noten angewiesen und dadurch (zu) viel mit dem Umblättern beschäftigt.
Leidenschaft und Leuchtkraft
Die Spannung stieg in der zweiten Konzerthälfte, denn mit Dvořáks berühmter Symphonie Nr. 9, „Aus der Neuen Welt“ war es nach den eher unbekannten Werken von Saariaho und Boulanger möglich, Dalia Stasevska als Dirigentin mit all ihrer musikalischen Persönlichkeit zu erleben und zu bewundern. Gleich mit der Eingangsphrase der Symphonie wurde klar, dass sie eine nicht alltägliche Werkdeutung entwickelt. Mit ihrer energiegeladenen Körpersprache setzte die finnisch-ukrainische Dirigentin im Orchester Kräfte frei, die Dvořáks Musik spannungsreich ausdeuteten. Dalia Stasevska lotete sämtliche Tonbeziehungen genau aus, sodass die harmonischen Spannungen eindrücklich zur Geltung kamen. Leuchtende und stabil in sich ruhende Klangsäulen wurden aufgebaut, die verbunden mit den bewusst gesetzten Pausen eine enorme Wirkmacht verströmten. In dynamischen Schüben formten die Wiener Symphoniker die Musik und öffneten mit Mut zur Agogik ungewöhnliche Klangräume. Diese Musizierhaltung setzten die Dirigentin und die Musiker:innen auch im berühmten Largo fort. Das berückend schöne Solo des Englischhorns wurde wunderbar artikuliert und erhielt viel Entfaltungsraum.
Im Saal entfaltete sich eine konzentrierte Ruhe, die das gemeinsame Hörerlebnis intensivierte. Spannende rhythmische Akzentuierungen und ein tänzerischer Duktus zeichneten den dritten Satz aus. Im Finale steigerten sich die Orchestermusiker:innen und die Dirigentin weiter in den aufgewühlten Klangfluss hinein. Mit funkelnden Schattierungen wurden die Stimmen ausgeführt und die Themen der vorangegangenen Sätze transparent in den Klangvordergrund gestellt.