„Coal Mine Birds“ – Künstler:innen als gesellschaftspolitische Seismographen
Liquid Loft & PHACE begeisterten beim tanz ist Festival am Dornbirner Spielboden
Peter Füssl · Jun 2026 · Tanz

Auf dem Vorplatz des Spielbodens wurde das tanz ist-Publikum mit einer kleinen Installation überrascht – ein an einem Gerüst verkehrt aufgehängter, riesiger Blumentopf, aus dem kopfüber ein mit langen Haaren bestückter Schaufensterpuppenkopf hing. Alle paar Minuten war Glockengeläute zu vernehmen. Unschwer zu erkennen eine kleine ironische Anspielung auf den aktuellen Florentina Holzinger-Hype in Venedig. Zugleich aber auch ein Hinweis darauf, dass die Hauptakteure des Festivals Chris Haring/Liquid Loft vor mittlerweile auch schon 19 Jahren bei der Biennale ebenfalls mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet wurden. Die in Wien ansässige Tanzkompagnie zählt längst zu den vielbejubelten Stammgästen des von Günter Marinelli gegründeten und kuratierten Alternativ-Festivals, erstmals am Spielboden zu sehen und zu hören waren hingegen die experimentierfreudigen Neue Musik-Spezialist:innen des Wiener Ensembles PHACE. Im Gepäck hatten sie die im Herbst 2025 uraufgeführte Koproduktion „Cole Mine Birds“.

Die „Kanarienvogel-in-der-Kohlemine“-Theorie

Aus Sicherheitsgründen nahmen die Bergleute früher Kanarienvögel in Käfigen mit in die Minen, deren Tod sie rechtzeitig auf die tödliche Gefahr ansteigenden Kohlenmonoxids und anderer Giftgase aufmerksam machte. Zur Metapher für sensible Geister im Kunst- und Kulturbereich, die wie Seismographen vor gefährlichen politischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Verwerfungen warnen, hat sie 1973 US-Autor Kurt Vonnegut in einem Interview gemacht: „Früher nahmen die Bergleute Vögel mit in die Minen, um Gas zu erkennen, bevor die Männer krank wurden. Die Künstler taten das im Fall von Vietnam ganz sicher. Sie zwitscherten und kippten um, nur niemanden, der wichtig war, kümmerte das. Aber ich bin weiterhin der Meinung, dass Künstler – alle Künstler – als Alarmsysteme geschätzt werden sollten.“ Angesichts der zunehmenden Gefährdung des Planeten durch Allianzen von skrupellosen, größenwahnsinnigen Milliardären mit macht- und geldgeilen Egozentrikern in höchsten politischen Ämtern werden solche „Alarmsysteme“ so dringend gebraucht wie schon lange nicht mehr. Im Gegensatz zu den Bergleuten, die die Warnungen ernst nahmen und entsprechend handelten, reagiert die Gesellschaft auch heute noch tendenziell eher mit Ignoranz und Unverständnis.

Die künstlerische Umsetzung durch Liquid Loft

„Wir haben uns ehrlich gesagt auf der Bühne immer wenig um Tagespolitik gekümmert, das heißt nicht, dass unsere Kunst unpolitisch ist. Jede Liquid Loft-Performance ist in gewisser Weise eine Reflexion gesellschaftlicher, sozialer oder umweltpolitischer Umbrüche, die nicht nur unser künstlerisches Dasein beeinflussen. Wir liefern Bestandaufnahmen im Bühnenkontext, und der Körper ist dabei hochpolitischer Indikator. Leider übernehmen immer mehr populistische Schreihälse die Rolle des Rufers auf den politischen Bühnen der Welt und verdrängen sensible Menschen, ob Künstler oder nicht, zum Zwitschern in die Wüste“, erklärte Liquid Loft-Mastermind Chris Haring dazu im aktuellen KULTUR-Interview. Die Umsetzung dieser unerquicklichen Thematik passiert in einer sublimierten Form, die der unverwechselbaren Bild- und Formensprache entspricht, die Liquid Loft in den vergangenen Jahren für ihre gleichermaßen unterhaltsamen wie nachdenklich stimmenden Multimedia-Performances erarbeitet hat. Das heißt im Fall von „Coal Mine Birds“, dass jede:r der drei Tänzerinnen und zwei Tänzer in einer Art abgekapselter, regelmäßig über den Saal verteilter Homebase, die man als Symbol für den Vogelkäfig deuten kann, agierte. Sie besteht aus einer als Leinwand fungierenden vertikalen Stellwand, auf die mittels Kameras Phantasielandschaften projiziert wurden, die aus von den Akteur:innen immer wieder neu arrangierten, unterschiedlich gemusterten, farbenfrohen Textil-Collagen entstanden. Diese projizierten Bilderfindungen dienten den Tänzer:innen dann wiederum als Hintergrund für ausdrucksstarke Posen und Tanzbewegungen. Sie räkelten sich aber auch direkt vor den Kameralinsen und projizierten dadurch einzelne sich bewegende Körperteile, beispielsweise überdimensionale Augen, auf die Stellwände. Oder die Tänzer:innen agierten vor blanken Tafeln in scherenschnittartigen Bildern mit ihrem eigenen Schatten.
Dazu Chris Haring: „Oft ist es so, dass visuelle Medien und der alltägliche Gebrauch von Technik die Wahrnehmung der Selbst- und Fremdbilder von Körpern verformen und sogar körperlich isolieren. Es werden widersprüchliche und instabile, aber auch vielfältigere und veränderbare Identitätsentwürfe produziert. Dem begegnen wir in der choreografischen Arbeit gleichermaßen analytisch wie spielerisch. Mit Dekonstruktion und Rekonstruktion. Der Tanz kann uns aus der dieser Isolation befreien, während das gesprochene Wort bei Liquid Loft auf der Bühne oft nicht mehr als nur eine Rauminstallation ist.“
Mit Letzterem spielt Haring auf ein weiteres typisches Liquid-Loft-Ausdrucksmittel an, nämlich mehr oder weniger verständliche, vom Band abgespielte Texte, zu denen die Performer:innen auf verblüffende Weise lippensynchron sprechen. Im konkreten Fall war damit wohl das „Zwitschern in der Wüste“ gemeint.

Tanz als Möglichkeit zur Befreiung

Immer wieder verließen die Akteur:innen zwischendurch auch ihre Stationen und vollführten in den Zwischengängen – allein oder in kleineren Gruppen – ausdrucksstarke Tanzbewegungen. Zeitlupenbewegungen wechselten mit rasanten Passagen. Tatsächlich wirkte der Tanz als Mittel der Kontaktaufnahme und versuchter Kommunikation und führte zumindest vorübergehend aus der Isolation heraus. Allerdings gefror er auch zu Stills und die Performer:innen landeten letztlich immer wieder an ihren abgekapselten Ausgangspunkten. Der Individualismus scheint letztlich doch zu dominieren.

PHACE – außergewöhnliche Neue Musik von exzellenten Musiker:innen gespielt

Auch wenn hier erst zuletzt die Sprache auf die Musik kommt, muss klar sein, dass diese von allem Anfang an bei „Coal Mine Birds“ eine ganz zentrale Rolle spielte, und alle oben genannten visuellen und tänzerischen Aspekte erst im künstlerischen Zusammenfluss mit ihr zur vollen Entfaltung kamen.
Das 2010 gegründete Ensemble PHACE bespielt unter dem künstlerischen Leiter Reinhard Fuchs nicht nur regelmäßig das Wiener Konzerthaus, sondern mit 25 bis 30 Konzerten pro Jahr auch die wichtigsten internationalen Konzerthäuser und Festivals für Neue Musik – stets bemüht um neue Konzertformate, Musiktheaterproduktionen und spartenübergreifende Projekte mit Tanz, Theater, Performance, Elektronik, Video, Installationen, DJs oder Turntablists.
PHACE und Liquid Loft arbeiten bereits seit 2013 zusammen. „Coal Mine Birds“ gehört zur gemeinsam entwickelten Reihe „Soirée Dansante“, die aus Musiktheaterprojekten jenseits der herkömmlichen Opern besteht. „Der Schwerpunkt liegt dabei im Spannungsfeld von Choreographie und Neuer Musik, insbesondere auf performativen und medialen Aspekten jenseits des traditionellen Konzertsettings“, erklärt Chris Haring. In das Sound-Konzept des Liquid-Loft-Mitbegründers Andreas Berger wurden zeitgenössische Werke aus dem PHACE-Repertoire von Simon Steen Andersen, Alessandro Baticci, Jérôme Combier, François Sarhan und Agata Zubel eingepasst, aber auch experimentell aufbereitete Zitate aus der Musikhistorie, von Mozarts „Zauberflöte“ bis zu Henry Purcells Klagelied „Dido’s Lament“ aus der Barockoper „Dido and Aeneas“. Schlagwerker Manuel Alcaraz Clemente, Kontrabassistin Alexandra Dienz, Pianistin/Keyboarderin Mathilde Hoursiangou, Klarinettist Walter Seebacher und Cellist Roland Schueler, der auch die berühmte Arie der Königin der Nacht in einer elektronisch verfremdeten Version zu Gehör brachte, agierten keineswegs nur am Bühnenrand, sondern wurden auch choreografisch miteinbezogen. Ein zu perfektem Zusammenspiel befähigtes Ensemble aus exzellenten, die üblichen Hörgewohnheiten sprengenden Individualist:innen, die ihren Instrumenten mittels experimenteller Spieltechniken außergewöhnliche Töne und viel Geräuschhaftes entlockten. Die Kombination von akustischen Instrumenten mit Bergers vielfältigen elektronischen Sounds führte zu effektvollen Ergebnissen, manche Passagen wirkten wie Soundtracks zu Horrorthrillern. Der Thematik entsprechend war die Grundstimmung – von wenigen Ausnahmen abgesehen – eher düster angelegt.
Zum Abschluss der eindrucksvollen Vorstellung wurden die Videowände umgelegt und erschienen plötzlich wie Totenbahren in einer ausgestorbenen Welt, denn alle Akteure hatten sich zuvor blitzartig von der Tanzfläche entfernt. Das Publikum blieb im verdunkelten Raum in der Stille zurück, und der begeisterte Schlussapplaus brandete erst nach einer respektvollen Phase der Nachdenklichkeit auf.     

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