Chamber-Jazz-Trio der Extraklasse – Puschnig / Shilkloper / Sass brillierten am Spielboden
Die 3 Horns sorgten für einen erfolgreichen Start der Jazz&-Saison unter dem neuen Kurator Tobias Vedovelli
Peter Füssl ·
Jän 2026 · Musik
Ein nagelneues Trio, das am Spielboden erst seinen zweiten öffentlichen Auftritt hatte – und dennoch ein Wiedersehen mit lauter guten, alten Bekannten! Denn in den Anfängen der Jazz&-Reihe am Spielboden zählten der aus Kärnten stammende Saxophonist/Flötist Wolfgang Puschnig, die in Moskau geborene und mittlerweile in Berlin lebende Koryphäe auf Waldhorn, Alphorn und diversen anderen Hörnern Arkady Shilkloper und der aus New York stammende und seit Jahrzehnten in Wien lebende Tuba-Großmeister Jon Sass zu den oftmals eingeladenen Stammgästen. Allerdings standen damals niemals alle drei gleichzeitig auf der Bühne – was übrigens auch für ihre langjährigen Aktivitäten als Mitglieder beim legendären Vienna Art Orchestra gilt. Den Jazz-Fans dieses absolute Genusspaket zu präsentieren, blieb dem neuen Jazz&-Kurator Tobias Vedovelli vorbehalten. Mittlerweile in Ehren ergraut – Puschnig und Shilkloper feiern heuer ihren 70-er, Sass wird 65 – sorgten die 3 Horns für ein absolut zeitloses, von Kreativität, Virtuosität und Witz geprägtes Chamber-Jazz-Ereignis der Extraklasse.
„Kleiner Kammermusikabend“
Mit „Herzlich willkommen zu unserem kleinen Kammermusikabend!“ begrüßte der niemals um einen Schmäh verlegene Wolfgang Puschnig das Publikum, und in der Tat sah man schon lange nicht mehr so wenig technische Gerätschaft bei einem Jazz-Konzert am Spielboden. Das trug wesentlich zur anheimelnden Atmosphäre bei – drei Männer, ihre teils exotischen Instrumente und der Spaß am gemeinsamen Musizieren. Sass war einer der ersten, der das Spiel auf der Tuba wirken ließ, als hätte man es hier mit einem besonders leichtfüßigen Instrument zu tun. Seine Rhythmusarbeit ist dermaßen solide und abwechslungsreich, dass wohl niemand das Fehlen von Drums und Bass bedauerte. Puschnig demonstrierte seine Könnerschaft auf Querflöte und Altsaxophon, denen er technische Gustostückchen wie Multiphonics entlockte, aber auch warme und farbenreiche Melodielinien, die sich ins Ohr schmeichelten. Dasselbe gilt auch, vielleicht sogar noch in verstärktem Maße, für Arkady Shilkloper, der mit seinem technisch brillanten, flüssigen und variantenreichen Spiel auf dem Waldhorn daran erinnerte, dass er einstmals bei den Moskauer Philharmonikern unter Vertrag stand. Er hat auf diesem Instrument überhaupt erst die Standards im zeitgenössischen Jazz gesetzt. Am Spielboden überraschte Shilkloper nun aber auch mit zwei Instrumenten, die wahrscheinlich kaum jemand im Publikum kannte. Er gilt ja als einer der ersten Alphorn-Virtuosen im Jazz, mittlerweile spielt er aber auf dem vom experimentierfreudigen Nürnberger Instrumentenbauer Robert Vogel entwickelten Vogelhorn, einem leichten und kostengünstigen Alphorn aus Plastik, das in Form eines riesigen Saxophons gebogen ist. Der Klang ist exzellent, und Shilkloper gelingt es mühelos, auch diesem neuen Instrument Virtuoses zu entlocken. Optisch weniger spektakulär, aber im Jazz ebenso selten zu hören ist das Kuhlo-Horn, eine Art Flügelhorn mit einem sehr warmen und weichen Klang, das auf Johannes Kuhlo zurückgeht, der gegen Ende des 19. Jhdts. die evangelische Posaunenchorbewegung mitinitiierte. (Nebenbemerkung: Und als Hitler-Verehrer während der NS-Zeit eine Fassung des Horst-Wessel-Lieds für Posaunenchöre schrieb)
Gleichberechtigtes Trio
Wenngleich man es hier natürlich mit ausgeprägten Individualisten zu tun hat, herrschen im Trio durchwegs demokratische Verhältnisse. Die drei Musiker steuerten in etwa gleich viele Kompositionen bei, die durch einen fein herausgearbeiteten und präzisen Gruppen-Sound geprägt waren, interessante Dialoge und Trialoge ermöglichten, aber auch genügende Raum für solistische Glanzlichter boten. Natürlich war Jon Sass weit mehr für die rhythmische Grundierung zuständig als seine Kollegen, und er erinnerte lachend daran, dass kaum jemand wisse, dass selbst beim berühmten „Bolero“ die Snare-Drums, also die Rhythmiker, den härtesten Part zu spielen haben. Shilkloper und Puschnig schufen manchmal aber auf einfallsreiche Weise durch Klappen- und Ventilgeräusche etc. rhythmische Strukturen, die wiederum Sass als Basis für einen virtuosen solistischen Tuba-Ausflug dienten.
Stilistische Vielseitigkeit
Das Trio scherte sich nicht um stilistische Grenzen und präsentierte ein farbenreiches Programm voller rhythmischer und melodischer Raffinesse, das nicht nur durch Kreativität und Virtuosität geprägt war, sondern gelegentlich auch durch eine ordentliche Portion Witz. So klang „Cobra“, der Opener aus der Feder Shilklopers, fallweise wie ein schräges Ragtime-Stück, das sich zu einem James Bond-Soundtrack mauserte. Puschnigs eigens für dieses Trio geschriebene „Stara Baška“ ist dem gleichnamigen Ort auf der Insel Krk gewidmet und mit schönen Urlaubserinnerungen aus seiner Jugendzeit verbunden, die ihn kammermusikalisch genüsslich, aber auch nachdenklich in mediterranen Sphären schwelgen lassen. Shilklopers „Pilatus“ ist eine Hommage an den Berg bei Luzern, die er einstmals umgehend verfasst habe, nachdem er den Berggipfel endlich einmal ohne Wolken und Nebel gesehen habe – eine wahre Spielwiese für das Vogel-Horn, das von einer Jodler-Einlage Puschnigs unterbrochen, schließlich für ein flott groovendes und spieltechnisch eindrucksvolles Finale sorgte. „Take a Breath“ startete witzigerweise fast ton- und atemlos auf Flöte und Kuhlo-Horn, bis die Tuba dazustieß und der Zug in Richtung gutgelaunten Soul-Jazz abfuhr. „Cross-Culture“ ist ein Puschnig-Klassiker, den er im Duo Gemini Gemini mit dem Bassisten Jamaaladeen Tacuma 1991 erstmals auf Platte aufgenommen und seither in unterschiedlichsten Besetzungen realisiert hat – und das nun Raum für emotionale Altsax- und Vogelhorn-Soli bot. Der ultralässige „Blues in Moll“ stammt nicht aus der Feder des New Yorkers, wie man annehmen könnte, sondern aus jener des Moskauers. Auch der durch afrokubanische Rhythmen geprägte Song „Nassa“ vom Hit-Album „Spanish Grease“ (1965) des amerikanischen Latin-Jazz-Perkussionisten Willie Bobo wurde im Arrangement von Jon Sass zum idealen Vehikel für die Bläserkunst der 3 Hörner. Aber auch der Oriental Look steht den drei Ausnahmekönnern ausgezeichnet, wie sich bei der Zugabe „Towards East“ herausstellte, die mit ihren orientalischen Rhythmen und Melodien verzauberte und in der Stille endete, als den Bläsern buchstäblich die Luft ausging. Viel Applaus für einen großartigen Abend!
... und wie geht’s weiter mit der Jazz&-Reihe?
Ein Interview mit Tobias Vedovelli.
Tobias Vedovelli hätte gerne am ersten Abend seiner Kuratorenschaft das Publikum persönlich am Spielboden begrüßt, hatte aber an diesem Termin selber einen Auftritt mit dem Jazzorchester Vorarlberg bei der Winter-Edition des Jazzfestival Saalfelden. Zeit für ein kleines Interview des ersten Jazz&-Kurators am Spielboden (1999-2013) mit dem aktuellen blieb aber dennoch.
Peter Füßl: Du hast die Jazz&-Reihe am Spielboden einmal als „so etwas wie die Einstiegsdroge in den Jazz-Kosmos“ bezeichnet. Was sind deine Erinnerungen an diese Zeit und welche Bedeutung hat es für dich, jetzt selber Kurator dieser Reihe zu sein?
Tobias Vedovelli: Absolute Einstiegsdroge! Ich bin während der Schulzeit im BORG Schoren, wann immer es möglich war, zu den Jazz&-Konzerten gegangen und konnte dadurch unendlich viel entdecken und live hören, was die Faszination für diese Musik so richtig geweckt hat. Ich bin mir recht sicher, dass diese Nähe, dieser Live-Zugang zu dieser Form der Musik – abseits vom Hören auf CDs – und das Erleben ganz, ganz wesentlich dazu beigetragen hat, dass ich mich so sehr in diese Musik verliebt habe und diesen beruflichen Weg dann auch eingeschlagen habe. Für mich waren diese Abende absolute Highlights und gehören zu den prägendsten Erinnerungen, die ich an meine Teenager-Zeit habe. Das Ganze jetzt selber mitgestalten zu können, ist ein großes Privileg, und ich bin mir dessen sehr bewusst. Ich versuche mein Bestes und werde mich voll anstrengen, um dem auch gerecht zu werden.
Ein breites Spektrum abdecken
Füßl: Gibt es eine besondere konzeptionelle Idee oder stilistische Ausrichtung für die Jazz&-Reihe?
Vedovelli: Stilistisch möchte ich mich da nicht zu sehr in eine Ecke drängen lassen. Jazz und alles was man darunter versteht deckt (und deckte immer) ein großes, weites Spektrum ab – und so soll es auch bleiben. Genau das möchte ich mit der Reihe auch abbilden.
Füßl: Das erste Konzert deiner Reihe hat für mich einen ganz besonderen Anstrich, weil ich in den 15 Jahren als Kurator Wolfgang Puschnig mit elf verschiedenen Projekten, Arkady Shilkloper mit fünf und Jon Sass mit zwei am Spielboden hatte. Was fasziniert dich an diesen drei Musikerpersönlichkeiten?
Vedovelli: Es gibt kaum eine zweite Persönlichkeit in der österreichischen Musiklandschaft, die diese schon so lange, so divers und bunt und so stark prägt wie Wolfgang Puschnig. Sei es als Leader in den unterschiedlichsten Konstellationen, als Sideman bei unzähligen Groß- und Kleinformaten, oder als Lehrender an der Uni oder bei Workshops. Insofern kann es auch gar nicht anders sein, als dass auch er mit einem Projekt auf der Booking-Agenda steht. Die besondere Besetzung mit so langgedienten Kollegen wie Sass und Shilkloper ist eine derart spannende und außergewöhnliche, dass die Entscheidung für dieses Konzert sehr schnell klar war. Witzig ist es auch, weil Wolfgang für mich ebenfalls eine dieser ganz, ganz starken Erinnerungen an die Jazz&-Spielboden-Abende ist. Später durfte ich ihn dann auch als Kollegen bei verschiedensten Projekten kennenlernen.
Bands mit einer spürbar relevanten Dringlichkeit, Aussage und Aktualität
Füßl: Weiters sind im ersten Zyklus das Rebecca Trescher Quartett, das András Dés Quartet, Spaeman & Bakanic sowie die Echoboomer zu hören. Hauptsächlich Musiker:innen, die in den 1980-er und 1990-er Jahre geboren wurden. Macht es für dich die Kuratorentätigkeit einfacher, dass du selber eine starke Stimme dieser Musikergeneration bist und sozusagen selber mitten drinnen stehst?
Vedovelli: Man muss vorwegnehmen, dass das Programm für 2026 noch nicht zu 100 % nur von mir kuratiert wurde. Es sind noch zwei, drei Konzerte darunter, die ohnehin bereits gebucht und geplant waren, bevor ich das Kuratieren übernommen habe. Ich habe tatsächlich nicht vorsätzlich eine bestimmte Generation in den Fokus genommen, das ist ein reiner Zufall, und ich finde, dass da das Premierenkonzert ganz gut aus der Reihe fällt. Was aber vermutlich stimmt, ist, dass man zu einer bestimmten Generation möglicherweise einen stärkeren Bezug hat, einfach weil man sich als aktiver Musiker natürlich auch in bestimmten Gefilden und Strömungen selbst wiederfindet. Ich finde tatsächlich auch, dass diese Szene gerade eine sehr starke, urgierende Stimme innerhalb des Jazz einnimmt und sich diesen Platz auch verdient - nicht nur am Spielboden, sondern das ist international gerade auch sehr spürbar. Das Jazz&-Programm wird jedenfalls einen möglichst großen, weiten, offenen Zugang zum Jazz abbilden. Für mich ist wichtig, dass Bands, Ensembles oder Orchester, die ich buche, eine spürbar relevante Dringlichkeit, Aussage und Aktualität in ihrer Musik verkörpern und diese auch vermitteln. Gleichzeitig steht die künstlerische Integrität an allererster Stelle. Ich finde, dass die Acts, die ich bisher gebucht habe, genau dafür auch stehen.
Musikvermittelnde Elemente
Füßl: Gibt es besondere Pläne für den Herbst?
Vedovelli: Das Programm für heuer ist bereits fertig gebucht. Es wird weiterhin sehr spannende, sehr aktuelle und gewichtige Jazz&-Abende geben – darunter etwa ein bekanntes, wiederkehrendes groß besetztes Orchester, oder ein super hippes, brandheißes Quartett mit Rap. Ich möchte die Jazz&-Reihe wirklich gerne weiterentwickeln und sprießen lassen. Dazu versuche ich auch, musikvermittelnde Elemente zu entwickeln. In Zukunft sollen etwa auch wieder Workshops für und mit Schüler:innen stattfinden, um die Kommunikation und Relevanz der Musik zu verstärken und zu entwickeln.
Füßl: Na, dann: toi, toi, toi!
Weitere Jazz&-Konzerte am Spielboden
12.2.26 Rebecca Trescher Quartett
26.3.26 András Dés Quartet
30.4.26 Marie Spaemann & Christian Bakanic
20.5.26 Echoboomer
außerhalb der Jazz&-Reihe
17.4. Raoul Schrott liest aus „Zeitgeist“, Musik: Wolfgang Muthspiel
www.spielboden.at