Brückenschlag von der Mehrchörigkeit in Venedig zum Barock
Frithjof Smith und das Concerto Stella Matutina machten spitze Ohren
Silvia Thurner ·
Apr 2026 · Musik
Das Concerto Stella Matutina lud zum zweiten Abonnementkonzert der Saison den deutschen Musiker Frithjof Smith ein und bot dem Publikum einen tiefen Einblick in die Musik an der Schwelle zwischen Renaissance und Barock. Frithjof Smith spielt den Zink, ein Blasinstrument mit Kesselmundstück und einem kräftig hellen, warmen Klang, der an die menschliche Stimme erinnert. Virtuos, sympathisch und kenntnisreich führten er und das Concerto Stella Matutina die Zuhörenden nach Venedig zu Giovanni Gabrieli und machten von dort ausgehend die Entwicklung der Mehrchörigkeit in der Instrumentalmusik hin zu den Affekten der Barockmusik mit prachtvollen, sinnlichen und ausgefallenen Werken erlebbar.
Bereits 2018 begeisterte Frithjof Smith das Publikum in der Kulturbühne AmBach, als er gemeinsam mit den Musiker:innen des Concerto Stella Matutina den Zink, ein heute kaum mehr bekanntes Instrument, vorstellte. Im Zuge der Aufführungspraxis der Alten Musik erlebt das Blasinstrument ein Revival.
Die Werkauswahl, die der Zinkist Frithjof Smith nun für das Konzert mit dem Concerto Stella Matutina zusammen gestellt hat, machte eine faszinierende Zeitreise möglich. Ende des 16. Jahrhunderts war der Komponist und Organist Giovanni Gabrieli am Markusdom in Venedig tätig. Dort entwickelte er die Mehrchörigkeit, die die instrumentale Kompositionsgeschichte von der Renaissance in den Barock führte. Als Kompositionslehrer hatte er großen Einfluss, namhafte Komponisten wie Schütz, Hassler oder Praetorius waren seine Schüler. Darüber hinaus prägte er viele andere Künstler, die nach Venedig kamen, um dort kompositorische Erfahrungen zu sammeln.
Neben zahlreichen anderen stellte das CSM auch zwei besonders experimentierfreudige Komponisten vor, Giovanni Priuli und Giovanni Valentini. Die Mehrchörigkeit kam in Priulis „16. Canzone prima à 12“ beeindruckend zur Geltung. Zwei Zinken, vier Posaunen, zwei Violinen und zwei Violen mitsamt einem starken Basso Continuo stellten Motive in den Raum, reichten sie von einer Stimmgruppe in die andere, wetteiferten mit Imitationen und Echowirkungen und zelebrierten den Klangreichtum dieser Musik.
Kompositorisch unglaublich fassettenreich war die „95. Sonata à 5“ von Giovanni Valentini für zwei Violinen, zwei Violen, Violoncello und Basso Continuo angelegt. Das Stück begann mit einer homophonen Passage und wurde sodann mit Tonskalen und rhythmischen Mustern, die spitze Ohren machten, aufgefächert und mit großen dynamischen Kontrasten, plastisch ausgeformt.
Reizvolle Klangfarbenvergleiche
Das gesamte Programm beinhaltete nicht weniger als fünfzehn Kompositionen, die auch aufschlussreiche Instrumentalklangvergleiche ermöglichten. Beispielsweise lenkte die Toccata aus „L'Orfeo“ von Claudio Monteverdi die Aufmerksamkeit auf die ähnlichen Klangcharaktere der Trompeten und des Zinks, auf die Gegensätze der Streicher und der Bläser sowie die Verbindungen zum Posaunen-Consort. Mit viel Profil und Raffinesse lotete das Orchester die Themencharaktere aus, schuf große dynamische Kontraste und mischte den Gesamtklang durch die Positionierung der Streicher:innen in unmittelbarer Nähe zu den Blechbläsern. Klangfarben strahlten und wirkten gleichzeitig mit viel Bedacht abgemischt.
In Erinnerung blieb unter anderem Stefano Bernardis „Sonata à 12“ und auch Antonio Bertalis „Sonata à 13“. In dieser Werkdeutung konnte man sich die Wirkmächtigkeit der durch die Räumlichkeit der Musik entstehende Polyphonie in einem halligen Kirchenraum besonders gut vorstellen.
Von der Klangfarbenpracht zu Affekten der Barockmusik
Feingliedrige Dialoge und Kommunikationsmuster, auch mit solistischen Passagen, zeichneten den kompositionsgeschichtlichen Weg von der Renaissance hin zur Affektenlehre des Barock nach, unter anderem in der fantasievoll ausgestalteten „Sonate à 8“ von Alessandro Poglietti sowie in Massimiliano Neris „Sonata Decimaquinta à 12“ oder in Giovanni Valentinis „Sonata à 5 Voci“ und besonders gelungen in „Mummum à 6“ von Philipp Jakob Rittler. Klangsinnlich entfalteten darin die beiden Trompeten ihre Stimmen über dem Posaunenquartett.
Einen festlichen Bogen zum Beginn spannten die abschließend dargebotene „Sonata XVIII à 14“ von Giovanni Gabrieli und die „Sonata à 13“ von Johannes Baptista Tolar. In diesen beiden Werken formte das Concerto Stella Matutina die Fortspinnungstechniken dieser Musik zugleich kraftvoll und transparent aus.