Bill Frisell: In My Dreams Peter Füssl · Apr 2026 · CD-Tipp
Anlässlich seines 75. Geburtstags beschenkt Bill Frisell sich selber und seine zahlreichen Fans rund um den Globus mit seinem schätzungsweise 50. Album, das er mit seinem Working Trio – bestehend aus Kontrabassist Thomas Morgan und Drummer Rudy Royston – und mit seinen Lieblingsstreicher:innen – Jenny Scheinman an der Violine, Eyvind Kang an der Viola und Hank Roberts am Cello – 2025 live bei Konzerten in Brooklyn, Denver und New Haven aufgenommen hat.
Die Mitschnitte wurden allerdings im Nachhinein zusätzlich mit im Studio realisierten Klanglandschaften kombiniert, was in einer Live-Feeling und Hightech-Feinschliff perfekt kombinierenden Hybridaufnahme resultiert. Frisell sprach von einem „Familientreffen“, und in der Tat schienen die Streicher:innen erstmals schon auf den Alben „Unspeakable“ (2004) und „Richter 858“ (2005) auf, und mit den beiden Rhythmikern arbeitet er mittlerweile auch schon seit zehn Jahren zusammen. Wenn auch alle gemeinsam zum ersten Mal auf derselben Bühne standen, so kannte man sich doch schon bestens, was zu einer Atmosphäre aus entspannter Vertrautheit sowie lustvollen banddienlichen Klangerkundungen führte. Gemeinsam schwelgte man in Bill Frisells einzigartigem musikalischen Kosmos aus Jazz und Americana, Filmscore- und kammermusikartigem, aus Tradition und Avantgarde, zauberte Stimmungen, feilte an ausgefallenen Soundkombinationen und ließ durchaus Kompliziertes wundervoll einfach erklingen.
Der Albumtitel „In My Dreams“ bezieht sich auf einen gleichermaßen seltsamen wie wegweisenden Traum, den der Gitarrist vor dreißig Jahren träumte. In einem uralten Gebäude traf er in einer reich ausgestatteten Bibliothek auf mystische Kapuzenmänner, die versprachen, ihm zu zeigen, wie echte Musik klinge. „Und es war der unglaublichste Klang, den ich je gehört hatte. Nino Rota, Thelonious Monk, Sonny Rollins, Charles Ives, Jimi Hendrix, Hank Williams, Andrés Segovia, Robert Johnson – all diese Musik liebe ich, aber hier waren alle Teile kristallklar zu hören. Und dann bin ich aufgewacht“, erinnert sich Frisell, der seither diesem Ideal näherzukommen versucht – regelmäßig auch mit der Hilfe seines Freundes Lee Townsend, der dieses und rund vier Dutzend weiterer seiner Alben produzierte. Bill Frisell hat sechs neue Eigenkompositionen beigesteuert: das wie der Soundtrack für einen imaginären Noir-Streifen klingende Titelstück, das als Opener fungierende, düstere Violine-Viola-Duett „Trapped in the Sky“, und die zuerst gedankenschwere, dann in einen lässigen Groove umschlagende Hommage „Curtis (a year and a day)“ an den 2023 verstorbenen, experimentierfreudigen Posaunisten Curtis Fowlkes, die zur Spielwiese für Eyvind Kangs Viola wird. „Why?“ ist als impulsives Zwiegespräch zwischen Gitarre und Streichern inszeniert, während sich bei „Never Too Late“ eine mit dramatischen Akzenten gespickte, sehnsuchtsvoll-melancholische Atmosphäre ausbreitet. Einige seiner Kompositionen hat Frisell geschickt wiederverwertet, etwa seinen erstmals auf dem 1985er-Album „Rambler“ (ECM) erschienenen Klassiker „When We Go“, der auf knapp acht Minuten Länge gezupfte Experimentierfreude und vergnügt groovende Country-Seligkeit vereint. Aus derselben Zeit stammt das abwechslungsreiche „Small Hands“, das Frisell erstmals auf dem Duo-Album „Smash & Scatteration“ gemeinsam mit Vernon Reid sehr synthi-lastig realisiert hatte. Und „Again“ – vor 25 Jahren auf einem Trio-Album mit Dave Holland und Elvin Jones aufgenommen – hat er nun in eine zu dieser außergewöhnlichen Instrumentierung passende, unorthodoxe Form gebracht. Die drei Fremdkompositionen auf dem neuen Album liefern interessante Rückschlüsse auf Bill Frisells Inspirationsquellen. Beim knapp sechzig Jahre alten Strayhorn/Ellington-Klassiker „Isfahan“ schwelgt er im Trialog mit Bass und Schlagzeug in Melodienseligkeit, ehe das Stück in eine von den Streicher:innen mit lässigen Ausschmückungen versehene Swing-Nummer umschlägt. Nochmals hundert Jahre älter ist das in unzähligen Cover-Versionen (von Cash bis Dylan, von Springsteen bis Guthrie) aufgenommene volkstümliche Lied „Hard Times“ von Stephen Foster, das mit seiner einprägsamen Melodie und seinem nachdenklich-wehmütigen Country-Feeling wundervoll demonstriert, wie schön Traurigkeit sein kann. Vielleicht sogar noch populärer ist die Anfang der 1870-er Jahre von Higley/Kelley geschriebene, inoffizielle Hymne des amerikanischen Westens „Home on the Range“, die Bill Frisell gleich zweimal auf diesem Album realisiert – einmal relativ nah am Original und einmal (unter dem Titel „Give Me a Home“) anhand seiner typischen ästhetischen Kriterien umgemodelt. „In My Dreams“ kann man als hervorragend zusammengestellte und eindrucksvoll musizierte musikalische Zwischenbilanz von Bill Frisell sehen, dem die guten Ideen auch jenseits des 75-ers sicher noch lange nicht ausgehen werden.
(Blue Note/Universal)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR April 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.