Begegnung mit Gott
Manfred Honecks sehr persönliche Fassung von Mozarts Requiem in Lustenau.
Michael Löbl · Mär 2026 · Musik

Man könnte fast von einer Kultveranstaltung sprechen, wenn der international gefeierte Vorarlberger Dirigent Manfred Honeck in der Osterzeit zu seiner sehr persönlichen Deutung des Requiems von W. A. Mozart in die Lustenauer Erlöserkirche einlädt.

Wie oft hat Manfred Honeck Mozarts Requiem in Vorarlberg bereits dirigiert? Waren es 12 oder 15 Mal? Begonnen hat diese Tradition 1998 in Honecks Heimatgemeinde Altach. Seit einigen Jahren ist nun die Pfarre der Erlöserkirche Lustenau Gastgeber dieses – ja, was ist es eigentlich? Ein Konzert, eine sakrale Abendgestaltung, ein Ritual?

Ein sehr persönliches Konzept

Manfred Honeck hat dieses außergewöhnliche, sehr persönliche Programm im Laufe der Zeit weiterentwickelt und weltweit präsentiert, in Berlin, Stockholm, Chicago und natürlich mehrmals auch in Pittsburgh mit „seinem“ Pittsburgh Symphony Orchestra, wo er seit mittlerweile 17 Jahren als Music Director tätig ist. Das Grundkonzept ist immer dasselbe, es gibt leichte Anpassungen bei der Text- und Musikauswahl. Was genau unterscheidet eigentlich Honecks Version von einer üblichen Aufführung des Mozartschen Requiems?
Das Requiem KV 626 ist W. A. Mozarts letztes Werk. Der Komponist starb vor seiner Fertigstellung und hinterließ einen Torso, bestehend aus vollständig instrumentierten und ausgearbeiteten Fragmenten und zahlreichen Skizzen mit einzelnen Gesangs- und Instrumentalstimmen. Das Requiem war ein Auftragswerk, Bezahlung je zur Hälfte bei Auftragsvergabe und bei Lieferung. Nach Mozarts Tod wollte seine Frau Constanze den zweiten Teil des Honorars in Empfang nehmen, doch die Partitur war weit davon entfernt, um sie als vollendetes Werk übergeben zu können. Constanze Mozart beauftragte Joseph Eybler und Franz Xaver Süssmayr, zwei Schüler ihres Mannes, das Requiem zu vollenden. Was auch geschah. Eybler zog sich bald zurück, der Großteil der Arbeit ist zweifellos Süssmayr zuzuschreiben. Er fügte zusammen, ergänzte, komponierte neu, fälschte anschließend Mozarts Unterschrift unter dem letzten Ton und übergab das vollständige Requiem an Constanze, die es wie vereinbart dem Auftraggeber überreichte.

Süssmayrs Höhenflug

Seither haben sich viele Komponist:innen und Musikwissenschaftler:innen nicht immer positiv über Süssmayrs Arbeit geäußert und zahlreiche neue Fassungen von Mozarts Requiem erstellt. Die Version des Franz Xaver Süssmayr ist aber nach wie vor mit Abstand die beliebteste und wird am häufigsten aufgeführt. Auch Manfred Honeck orientiert sich an dieser Fassung, allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. Er streicht jene drei Teile, von denen Mozart anscheinend gar nichts notiert hat und die vermutlich von Süssmayr ganz neu komponiert wurden. Es sind das die Sätze Sanctus, Benedictus und Agnus Dei. Honeck wiederholt nach dem Hostias die ersten acht Takte des Lacrimosa und bricht genau an jener Stelle ab, wo auch Mozarts Handschrift endet. Nach einer kurzen Pause folgt dann das „Ave Verum“ KV 618. Kirchenglocken beenden die Aufführung.
Daran gibt es nichts auszusetzen, wenngleich es schade ist, die fehlenden drei Teile nicht in Manfred Honecks Interpretation hören zu können. Vermutlich hat er sie in seinem gesamten Musikerleben noch nie dirigiert. Die Sache ist schon ein wenig rätselhaft, denn entweder hatte der sonst nicht unbedingt geniale Komponist Süssmayr einen musikalischen Höhenflug, befand sich sozusagen im Flow, oder Mozart hat ihm doch etwas aufgeschrieben, möglicherweise auch mündliche Anweisungen gegeben. Denn wer es nicht weiß, würde niemals vermuten, dass in einer konventionellen Wiedergabe des Requiems ab dem Sanctus ein anderer Komponist am Werk war. Das darauffolgende Benedictus mit seiner versöhnlichen Grundstimmung ist sogar einer der berührendsten Sätze des Mozart Requiems. 

Spirituelle Atmosphäre

Bis zum Beginn des Mozartschen Kyrie haben die Besucher:innen der bis auf den letzten Platz besetzten Erlöserkirche bereits Musik und Sprache aus mehreren Jahrhunderten erlebt. Der Abend beginnt mit Glockenschlägen und einem gregorianischen Choral, der die Anwesenden schnell in eine ganz eigene Atmosphäre versetzt, in der die Zeit stehen zu bleiben scheint. Es folgen Kompositionen von Ēriks Ešenvalds, Franz Schubert, Gabriel Fauré und Henryk Górecki, eine Orgelimprovisation, dazu verschiedene Texte, die auf unterschiedliche Art immer den Tod zum Thema haben. Irgendwann kann man gar nicht mehr anders als sich auf diese spirituelle Stimmung einzulassen, einzutauchen in diesen ganz eigenen Kosmos. Wer Manfred Honeck kennt, weiß um seine tiefe Religiosität, und sie ist das eigentliche Geheimnis dieses Abends. Hier wird Glaube gelebt, Manfred Honeck verbindet sehr persönlich Musik und Religion, authentischer kann eine Interpretation nicht sein.
Aber abgesehen von diesen atmosphärischen Aspekten ist der Abend auch musikalisch ein absoluter Genuss. Gemeinsam mit Manfred Honeck sorgen der hervorragende Philharmonische Chor München, das Symphonieorchester Vorarlberg in Topform und die Gesangssolist:innen Marlene Metzger, Anja Mittermüller, Theodore Browne und Lukas Enoch Lemcke für höchste musikalische Qualität. Manfred Honeck wird jeder Wunsch von den Händen abgelesen, Michael Schwärzler an der Orgel und Franz Josef Köb als Sprecher bildeten ein perfektes Ensemble und machten jeden einzelnen Programmpunkt zum Erlebnis. Honeck ist ein Meister der Dynamik und der musikalischen Spannung. Vom ersten bis zum letzten Ton zieht er den gesamten Kirchenraum in seinen Bann. Das dynamische Spektrum, das er von den Musiker:innen fordert und auch erhält, bewegt sich zwischen vierfachem Piano und Fortissimo. Jede:r Musiker:in hat einen natürlichen Drang zum gepflegten Mezzoforte, hier arbeitet Honeck ständig dagegen, er entwickelt in nur zwei Proben eine dynamische Bandbreite, die absolut ungewöhnlich ist.

Gänsehautmomente

Es gibt mehrere Momente in Honecks Interpretation, die man, wenn man sie einmal im Ohr hat, nicht mehr anders hören möchte. Das ganz trocken und kurz gesungene „Et lux perpetua“ im Kyrie, das sich dann im Legato hinaufschwingt zum „luceat“ zum Beispiel. Oder „Quantus tremor est futurus“ im Dies irae, pianissimo geflüstert, bis die erste Violine mit einem wilden Aufgang wieder ins Fortissimo überleitet. Natürlich auch die ohne Crescendo hingetupften Worte „Qua resurget ex favilla“ im Lacrimosa. Ein weiterer absoluter Gänsehautmoment ist der Übergang, wenn Franz Josef Köb die Frage „Denn der große Tag ihres Zorns ist gekommen – wer kann da bestehen?“ aus der Offenbarung des Johannes deklamiert und Manfred Honeck den Beginn des „Dies irae“ mit unglaublicher Wucht in diese Worte hineinfahren lässt. Und immer wieder unvergesslich bleibt das letzte Musikstück des Abends, Mozarts „Ave verum“, gesungen und gespielt in einem vollkommen entrückten, mindestens vierfachen Pianissimo. Das Publikum ist längst in eine Art Trance gefallen.
Niemand weiß, wann es das nächste Mozart Requiem mit Manfred Honeck in Lustenau geben wird. Unbedingt die Augen offenhalten, rechtzeitig Karten besorgen, hingehen. Es handelt sich hier um etwas absolut Einmaliges im Musikleben Vorarlbergs.

 

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