Beethovens große Fuge und Schuberts großer Schmerz
Das Epos:Quartett und das Schubert Theater Wien ermöglichten eine intensive Innenschau.
Silvia Thurner · Nov 2025 · Musik

Zwei wegweisende Kompositionen der Musikgeschichte präsentierte das Epos:Quartett in Zusammenarbeit mit dem Schubert Theater Wien im Frauenmuseum in Hittisau. Weil viele Musikbegeisterte das Konzerttheater „Schuberts Schweigen“ sehen und hören wollten, wichen die Organisatoren in die Aula der Mittelschule Hittisau aus. Ludwig van Beethovens „Große Fuge“ op. 133 und Franz Schuberts Streichquartett in G-Dur (D 887) standen im Zentrum des außergewöhnlichen Konzertes. Berit Cardas, Verena Sommer, Klaus Christa und François Poly spielten sensibel aufeinander abgestimmt und mit großer Aufmerksamkeit auf die dynamische Gestaltung sowie Phrasierungen, sodass die Vielschichtigkeit beider Werke eindringlich erlebbar wurde. Die überaus trockene Akustik im Saal stellte höchste Ansprüche an die Ausführenden. Als ausdrucksvoll gearbeitete Puppe (Puppenbau, Claudia Six), wurde Franz Schubert vom Puppenspieler Angelo Konzett unterhaltsam und aufschlussreich zum Leben erweckt.

Im Mai 1826 befand sich Franz Schubert in einer schwierigen Lebensphase. Während einige seiner Freunde zu einem Wanderurlaub aufbrachen, musste er wegen seiner fortgeschrittenen Syphiliserkrankung und akuten Geldmangels in Wien bleiben. Dauerregen und eine gedrückte Stimmung ließen jede Inspiration versiegen. Genau hier setzte der Regisseur Simon Meusburger mit seiner Erzählung an und zeigte Schuberts große Verehrung für sein Idol Ludwig van Beethoven. Fantasievoll schlug er eine Brücke zwischen Beethovens „Großer Fuge“, op. 133, und Schuberts letztem vollendetem Streichquartett.
Die „Große Fuge“ ließ Schubert musikalisch sprachlos zurück. Vorübergehend sah er keinen Sinn mehr in der eigenen kompositorischen Sprache. Die Atmosphäre, in der sich Schubert psychisch befand, wurde durch eingespielten Regen und gezielte Lichteffekte stimmungsvoll vermittelt. Höchst beeindruckend spielte Angelo Konzett die Doppelrolle des trübsinnigen Schubert und des lebensfroh aufmunternden Freundes Moritz von Schwind. Zitate von Zeitgenossen und Zeitungskritiken dienten als Vorlage für das Puppentheater. Die Idee für die dritte Zusammenarbeit mit dem Schubert Theater Wien stammte erneut von Klaus Christa, der bereits die beiden KonzerttheaterHAYDN – Die Musik aus mir“ (2017) sowie „Beethovens unsterbliches Geheimnis“ (2019) initiiert hatte. Simon Meusburger (Buch und Regie) und Lisa Zingerle (Produktionsleitung, Kostüm) gelang die Balance zwischen Wort und Musik exzellent. Die Musik diente nicht, wie oft in musikvermittelnden Theaterstücken, als Mittel zum Zweck, sondern stand klar im Mittelpunkt des Abends.
Zunächst interpretierten die Musiker:innen Beethovens „Große Fuge“, op. 133. Die trockene Akustik ermöglichte vor allem in diesem Werk ein besonders transparentes Hören der kontrapunktisch geführten Linien. Jede Stimme und deren Rhythmisierung waren klar zu vernehmen, freilich auf Kosten der Klangmischung. Mit höchster Konzentration verwoben die Musiker:innen den Klangfluss in einem durchsichtigen Piano und verstärkten anschließend mit aufbrechenden, gezackten Motiven die Intensität. Energiegeladen führten sie die Stimmen in musikalische Dialoge zwischen den hohen und den tiefen Streichern und formten die monströs ins Symphonische gesteigerten parallelgeführten Linien kraftvoll aus.
Wie stark Beethovens Opus 133 auf Franz Schuberts kompositorische Sprache gewirkt hat, zeigte das anschließend gespielte Streichquartett in G-Dur (D 887). Beispielsweise die abrupten Stimmungsumbrüche, die ganz unmittelbar von eruptiven Passagen in ruhige Klangfelder geführt wurden. Zukunftsweisend war zudem die motivische Gestaltung mit Spieltechniken wie Tremoli, die weniger die melodischen Linien in den Klangvordergrund stellten, sondern die Texturen des musikalischen Flusses. Unter anderem diese beiden Merkmale kristallisierte das Epos:Quartett in seinen hervorragenden Werkdeutungen prägnant heraus.
Schuberts letztes Streichquartett ist ein Kaleidoskop harmonisch changierenden Farben. Mit einem gemeinsamen Atem intonierten die Quartettmusiker:innen das Allegro molto moderato. Die tremolierenden Linien erzeugten einen flüchtigen, filigranen Klang, der sich unter den akustischen Bedingungen leider nur bedingt im Raum entfalten konnte. Mit großer Intensität und einer exzellenten Pianokultur musizierte das Epos:Quartett das Andante, gestaltete das Scherzo mit Esprit und entfaltete im Finalsatz das kraftvolle Spiel zwischen den widerstreitenden Charakteren und Farben der Moll- und Durtonarten.
Das Publikum dankte mit begeistertem Applaus für das aufschlussreiche Theater, das Musikvermittlung im besten Sinne bot, und für die sensiblen und aussagekräftigen Werkdeutungen.

Nächste Aufführung von „Schuberts Schweigen“
4.1., 19.30 Uhr, DorfMitte Koblach

Nächstes Konzert und Saisonauftakt 2026 von Musik in der Pforte:
„Ein musikalischer Neujahrsgruß“, Matinee mit den Stipendiat:innen und kulinarischem Rahmenprogramm
18.1., 11 Uhr, Palais Liechtenstein, Feldkirch
Anmeldung unter info@pforte.at
Details auf Auftakt - Pforte: Konzertreihe für Kammermusik & mehr

 

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