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06.04.2017 |  Peter Niedermair

„Ouroboros“, eine Installation von Boris Petrovsky in der Johanniterkirche

Auf den 31. März lud Kurator Arno Egger in die Marktgasse 1 nach Feldkirch ein. Dort, in der Johanniterkirche, wurde eine Installation des in Konstanz lebenden Künstlers Boris Petrovsky, „Ouroboros“, präsentiert. Zu Beginn des Abends jedoch gedachte das zahlreich erschienene Publikum zunächst jener Persönlichkeit, die 1995 die Johanniterkirche als Ausstellungsort entdeckt hatte. Eva Jakob. Sie, die als Kulturjournalistin nach Feldkirch kam, war am 3. Februar dieses Jahres verstorben. Mit dem schweigenden Gedenken war auch ein großer Dank für ihre Kuratorinnenschaft verbunden. Sie hat die Johanniterkirche, mittlerweile im 22. Jahr, zu einem renommierten Ausstellungsort der Stadt Feldkirch gemacht.

In Feldkirch kein Unbekannter


Petrovsky, in Feldkirch kein Unbekannter, der mit Texten, Lichtobjekten und interpassiven und -aktiven Mediensystemen arbeitet, versteht seine Arbeiten als Auseinandersetzung mit der medialen Konstruktion von Wirklichkeit. 1989 bis 1996 studierte er Freie Kunst und Produktdesign an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Ausgezeichnet wurde er beim Prix Ars Elektronica 2010 und 2014 und beim Japan Media Arts Festival 2012 in der Kategorie interaktive Kunst. 2015 hat der Künstler den geladenen Wettbewerb Kunst am Bau der Wirtschaftskammer Vorarlberg in Feldkirch gewonnen. Das Hochgeschwindigkeitsprinzip der Welt des 21. Jahrhunderts steht im Zentrum der Arbeiten von Boris Petrovsky. In seiner Installation in der Johanniterkirche in Feldkirch beschäftigt sich der Konstanzer Künstler mit dem rasenden Stillstand unserer hochkomplexen Medien- und Konsumgesellschaft. das altägyptische Symbol der Schlange, die ihren eigenen Schwanz verzehrt, ist das Denkmodell seiner Analyse unseres Umgangs mit Raum und Zeit. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 17. Juni.

Selten war der Ausstellungsort so reduziert ausgestattet wie derzeit. An einem dünnen Stahlseil befestigt schwebt „Ouroboros“ knapp über dem Boden des Altarraums der Johanniterkirche. In Inneren der doppelwandigen Plexiglaskugel fährt ein Containerzug im Kreis. Die Lok, DB, Deutsche Bundesbahn und die sechs Waggons, „Toytrain“, allesamt in diesem markentypischen Rot der Eisenbahn, holen sich fast ein bei dieser unendlichen Fahrt auf der äquatorialen Scheibe. Diese Lücke zwischen der Lokspitze und dem Ende des letzten Waggons, in der sich der Zug scheinbar sich auf sich selbst zurückzubiegen versucht, verweist auf ein Zeitparadoxon, wie Boris Petrovsky erklärt: „Es geht alles so schnell, dass die Gegenwart von der Zukunft eingeholt wird, weil die Nische dazwischen unbeschreiblich klein ist. Eigentlich gibt es keine Zukunft mehr, weil unsere digitalen Netze jegliche Zukunft berechnen und damit nichts mehr offen lassen. Zukunft hat aber immer etwas mit Zufall zu tun, also mit etwas Unberechenbarem.“ Die assoziativen Verknüpfungen laufen als Erinnerungen diametral in die Kindheit zurück, in der die Modelleisenbahn sich in Bewegung setzte, sobald man den schwarzen Trafoschalter nach rechts drehte. Die Geschwindigkeit dieser Züge war regulierbar und im Wesentlichen gebunden an die Schienenlage, die Kurvenneigung und die Länge des Zuges. Die Eisenbahn ist für Boris Petrovsky das neoliberale Symbol der Verbindlichkeit, die Container stehen für globale, digitale Maßeinheiten, mit denen dieses Versprechen eingelöst wird. „Jeder will wie auf Schiene fahren, pünktlich und effizient sein und nicht vom Weg abweichen, also so sein wie alle anderen - und doch zugleich individuell und persönlich erscheinen.“

Toytrain und Cargo


Petrovski zeigt uns einen Zug, eingehäust in diese Plexiglaskugel, aus der er nicht heraus kann. Es ist ein Zug, der endlos im Kreis fährt, dem das trägere Auge Kreise ziehend nachschaut, immer hinterdrein, und immer wieder fast ums Kennen meint, dass die Lokomotive auf den letzten Waggon auffährt, das, was man in einem Bild als die Schlange bezeichnet, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Der Zug verbreitet, von unten auf dieser Plattform stehend besehen, eine Geräuschkulisse, die vermittelt, dieser Toytrain, der so gänzlich anders ist als jene Zügle der Kindheit, führe einem durch den Kopf. Dass dieser Cargo Zug keine Aussicht hat, diese Kugel zu verlassen, versteht man erst kurz danach, weil einem diese Kreisbewegung in den Bann zieht, der nur verändert werden könnte, zöge man den Stecker, der Zug bliebe stehen und das Licht ginge aus, man müsste also sehen, wie man da wieder hinaus auf die Marktgasse käme, wo die freitagabendliche Feldkircher Stadtgesellschaft in angenehmen Frühlingstemperaturen flaniert. Drinnen nämlich wird es einem kalt. Was sich drinnen im Kirchenraum dem Auge nicht unmittelbar erschließt, ist die Öffnung, eben doch auch so etwas wie ein Weg aus dem Kreis der ewigen Wiederkehr, die Petrovsky dem Zug und seiner Bewegung lässt: eine goldene Spur, die die BesucherInnen nur dann werden sehen können, wenn man, wie der Vernissageredner, der Konstanzer Literaturwissenschaftler Albert Kümmel-Schnur, trefflich anmerkt, die Ausstellung immer wieder besucht. Die Öffnung „braucht ein wenig, um zur Erscheinung zu kommen. Erzeugt wird sie von der Reibung der Räder des Zuges auf den Schienen, deren Material so weich ist, das sie sich im Laufe der Zeit abreiben und ihren Abrieb als goldene Metallspur auf der äquatorial angebrachten Plexiglasscheibe, auf der der Zug seine Runden dreht, zeigen. Diese Spur gibt der Zeit des Zuges eine Richtung oder, vielmehr, sie ist der Indikator der Endlichkeit der Zugbewegung: einmal wird das Schienenmaterial so weit aufgebraucht sein, dass der Zug entgleist. Petrovsky zeigt uns also das Bild einer angekündigten Katastrophe oder auch Apokalypse.“

„Aus meinem Leben“


Wenn man Franz Michael Felders Beobachtungen anlässlich seiner ersten Begegnung mit einem Zug in seiner Autobiographie „Aus meinem Leben“ (aus 1869, veröffentlicht 1904, neu erschienen 2004 im Limbus Verlag) liest, sieht man die kulturgeschichtliche Differenz. Petrovskys Zug ist kein eigentliches Monster, sondern eine hoch rationale Maschine, genormt, uniformiert, bis ins Kleinste geplant, ein Techno-Meisterwerk der Logistik. „Cargo“ steht auf den Wagons. Man weiß zwar nicht, was da transportiert wird. Hauptsache, es wird etwas transportiert, ganz im Sinne jener Ordnung einer menschengemachten Zurichtung von Welt, die uns in den äußeren Glanzfolien den Schein vermittelt, das alte Chaos sei ersetzt von Ordnung. Der Zustand des Zuges in dieser Abgeschlossenheit der Kapsel, die einen Planeten repräsentiert, der sich verschließt, abkapselt, abschottet und gleichzeitig in seiner Transparenz Offenheit und mögliche Andockphantasien suggeriert, spiegelt den Zustand des Menschen in einer systemisch eingerichteten Welt im Allgemeinen wie im Detail, vielleicht mit ein paar wenigen Ausnahmen, Menschen, die sich dem wilden, verselbständigten Galopp der Zeit und sich einer Welt entziehen, die in der Beschleunigung der Zeit aus den Fugen zu geraten droht. „Ouroboros“ ist ein „Sinnbild“ – ein Modell – dieses kritischen Zustandes – jener Beschleunigungsphilosophie in unserer jetzigen Medien- und Konsumgesellschaft. Schneller, besser, höher, geiler, redbulliger, alles, alles wird zum Prinzip der Hochgeschwindigkeit und des sich Zudröhnens in Permanenz. Wie Laurie Anderson 1982 auf „Big Science“ im Song „Oh Superman“ singt; „And the voice said: Neither snow nor rain nor gloom / of night shall stay these couriers from the swift / completion of their appointed rounds.“ Dieses Zitat steht auf der Stirnseite des American Post Office, das zwischen der West 31st und 33rd Street on 8th Avenue steht, es war einmal 24 / 7 Stunden geöffnet. Die Welt als Selbstläufer. Petrovskys Installation befindet sich in einer Johannes dem Täufer gewidmeten Kirche, dem Patron des Johanniter-, später Malteserordens. Johannes ist eine Figur des Übergangs, ein apokalyptischer, weil enthüllender Prophet in der Wüste, der Jesus als Messias enthüllt oder aber, wie man auch vermuten kann, ihn zu diesem erst macht in einer Taufe, die eine Einsetzungszeremonie ist. Der Ort für diese Installation könnte nicht besser gewählt sein.

Kugel und Zug kommen durch die Fahrt in eine leicht schlingernde Bewegung. Videobilder aus dem Innern eines Containerwaggons zeichnen diese Vibrationen als Schattenwurf in Grautönen in den Altarraum. Die Kugel wird nach und nach durch den Abrieb der Schienen mit feinem, goldenem Staub überzogen, wie eine Blase, die sich selbst versorgt und austariert. Boris Petrovsky: „Die schwankende Kugel referiert auf die Welt im Taumel zwischen Euphorie und Depression, Sicherheitsbedürfnis und Risikobereitschaft, zwischen Hybris und Verzweiflung, zwischen Sollwert und Istwert. Alles was bleibt, ist ein sich zerspielender Kreislauf, in dem sich der Zug über seine geloopte Bewegung zu feinem, goldenem Staub verbraucht, der die Lücken zwischen den Schwellen mit der Zeit vergoldet, während der Schatten von Zug und Kugel an der Wand ein freskenhaft wirkendes Diagramm der Zeitschlieren wirft. Der Sound des Zuges erscheint wie das Grundrauschen der Daten- und Warenströme.“ Wie verführerisch schaudernd ist der Gedanke, Wirklichkeitsmodelle mit Spielzeug gleichzusetzen. Alles scheint beherrschbar und gleichsam bläst es sich zu einer riesigen Blase auf.

Ouroboros – Toytrain

Ouroboros – Toytrain

Boris Petrovsky: Plexiglaskugel

Boris Petrovsky: Plexiglaskugel

Der Künstler Boris Petrovsky und der Vernissageredner Albert Kümmel-Schnur (alle Fotos © Patricia Keckeis)

Der Künstler Boris Petrovsky und der Vernissageredner Albert Kümmel-Schnur (alle Fotos © Patricia Keckeis)

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  • Ouroboros – Toytrain Ouroboros – Toytrain
  • Boris Petrovsky: Plexiglaskugel Boris Petrovsky: Plexiglaskugel
  • Der Künstler Boris Petrovsky und der Vernissageredner Albert Kümmel-Schnur (alle Fotos © Patricia Keckeis) Der Künstler Boris Petrovsky und der Vernissageredner Albert Kümmel-Schnur (alle Fotos © Patricia Keckeis)