Aufrüttelnde Klangerfahrungen zwischen Kreuzweg und Meditation
Standing Ovations für Werkdeutungen von Michael Floredo in Dornbirn
Silvia Thurner ·
Mär 2026 · Musik
Viele Musikinteressierte folgten der Einladung von Michael Floredo und Jürgen Natter in die Stadtpfarrkirche St. Martin in Dornbirn. Dort gestalteten sie, zufällig, aber pünktlich zu Johann Sebastian Bachs Geburtstag (nach dem Julianischen Kalender), ein dramaturgisch hervorragend konzipiertes und dichtes Konzert. Passend zur Passionszeit wurden Kompositionen von Michael Floredo, J.S. Bach und Max Reger in Beziehung zueinander gesetzt. Besonders Michael Floredos „Kreuzwegstationen“, interpretiert von der Sopranistin Coco Lau, Markus Lässer am Schlagwerk und Jürgen Natter an der Behmannorgel, rüttelten das Publikum auf. Zudem brachte die Cellistin Isabella Fink Floredos „Meditation in memoriam Carl Lampert“ zur Uraufführung. Die Musiker:innen bespielten den gesamten Kirchenraum, nahmen die Zuhörenden in die Mitte und zogen sie unmittelbar in ihren Bann. Ein derart eindrückliches Hörerlebnis im sakralen Raum hat Seltenheitswert.
Michael Floredo lebt in Altach, seine musikalisch-künstlerische Heimat liegt jedoch im Stift St. Florian in Niederösterreich. Für die St. Florianer Brucknertage komponierte er bereits mehrere Werke, derzeit entsteht ein Auftragswerk für die Eröffnung des diesjährigen Festivals. Im Rahmen der Brucknertage wurden die „Kreuzwegstationen“ im Jahr 2016 uraufgeführt. Nun gab es endlich die Möglichkeit, dieses Werk auch in Vorarlberg zu hören. Darin stellt Michael Floredo historische Überlieferungen infrage und thematisiert Kreuzwegstationen unserer Zeit, ausgeführt von niederen, hohen und höchsten Amtsträgern weltlicher und kirchlicher Seiten.
In enger Verbindung agierten der Vokal- und der Orgelpart miteinander. Die drängende Frage der Sängerin „Was ist Wahrheit?“ wurde musikalisch eindringlich ausformuliert und der Ausdrucksgehalt intensiviert, bis sich der musikalische Fluss in höchsten Registern zuspitzte. Kreuzsymbole in der musikalischen Struktur sowie gezackte, parallel geführte Linien der Orgel und des Soprans erzeugten eine große Symbolkraft. Zwischendurch trug die Orgel die melodische Linie der textdeutlich gestaltenden Sopranistin.
Am Kernpunkt des Werkes erklang der Orgelpart raumgreifend, äußerst dicht und wirkte fast erdrückend schwer. Coco Lau stellte sich der Herausforderung und stemmte sich gegen den fast übermächtigen Orgelklang. So entfaltete die Musik eine intensive Aussage, die den Zuhörenden auch Raum für eigene Interpretationen ließ. Markus Lässer akzentuierte am Schlagwerk den Orgelpart, für den Jürgen Natter „alle Register gezogen“ hatte.
In dieser und auch in den anderen Werkdeutungen wurde deutlich, was die große Behmannorgel in St. Martin zu einem so einzigartigen Instrument macht.
Das Orgelsolowerk „Nacht“ hat Michael Floredo 2002 speziell für die Dornbirner Orgel komponiert. Zur Musik verfasste Robert Schneider den Text „zur nacht - eine preisung“. Dem Publikum konnte er als lyrischer Wegweiser durch das emotional vielschichtige Werk dienen. Farbenreiche Klangballungen und Klangtürme wurden aufgebaut und in meditativen Feldern ausgebreitet. Die farbenreiche Registrierung und die Spielart von Jürgen Natter ergaben eine starke Präsenz und hohe klangliche Dichte.
Meditativ in sich gekehrt
Dramaturgisch war die Werkauswahl hervorragend kombiniert, zudem bezogen die Musiker:innen den gesamten Kirchenraum mit ein. Isabella Fink präsentierte die „Meditation in Memoriam Carl Lampert“ im Chorraum. Sie musizierte eindringlich und brachte durch transparent ausgestaltete mehrstimmige Passagen die musikalischen Inhalte hervorragend zur Geltung. Wie sprechende Impulse wirkten die unterschiedlichen Arpeggien und die zwischengelagerten Pizzicati. Eine zusätzliche Bedeutungsebene brachte der Organist mit den sparsamen, aber bedeutungsvoll gesetzten Glockenschlägen ein.
Das „Liebeslied aus den Psalmen Salomons“ von Michael Floredo interpretierten Coco Lau und Markus Lässer vom zentralen Altarraum aus. Der Vibraphonist reagierte sensibel auf die fein disponierte Sopranistin. Verbunden mit dem Rezitationston des Vokalparts entfaltete sich die Musik wie ein Gebet, das im Mittelteil impulsiv gesteigert wurde.
Reflexionsflächen und Entspannung
Zwischen den emotionsgeladenen Kompositionen von Michael Floredo erklangen die beiden Bachchoräle „Wenn wir in höchsten Nöten sein“ (BWV 641) und „O Mensch, bewein dein' Sünde groß“ (BWV 622). Den einen spielte Jürgen Natter auf der großen Hauptorgel, den anderen auf der Chororgel. Sehr gesanglich legte er die melodischen Linien an und führte dabei den Vokalklang der Sopranistin feinfühlig weiter. Gleichzeitig boten die Choräle eine willkommene Entspannungs- und Reflexionsfläche zwischen den klangwuchtigen Kompositionen von Michael Floredo.
Den Rahmen bildete Max Regers Toccata in d-Moll, op. 129/1, die Jürgen Natter virtuos interpretierte, sowie am Schluss eine ausdrucksstarke Improvisation von Michael Floredo. Mit ruhigem Duktus und versöhnlicher Harmonie beendete er das wirkmächtige Konzert.