Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies
Neue Publikation von Hans Weiss
Ingrid Bertel · Feb 2026 · Literatur

Mit seiner Autobiografie „Aufgedeckt. Ermittlungen gegen mich selbst“ zieht Hans Weiss eine Bilanz seiner Recherchen als Sachbuch-Bestsellerautor, seiner ungetrübten Freude an der Fotografie und seiner getrübten Freude am Roman-Schreiben.

Wie schreibt man einen Bestseller? „Ich weiß es bis heute nicht“, versichert Hans Weiss, „obwohl ich mehrere geschrieben habe und gemessen an der Zahl der verkauften Bücher – mehr als fünf Millionen – einer der erfolgreichsten Autoren des deutschen Sprachraums bin.“ Und ganz gewiss einer, der sein Handwerk versteht. Dramaturgisch versiert, wählt er als Einstieg in die „Ermittlungen gegen mich selbst“ seine aufsehenerregende Dissertation. Basis ist ein Tagebuch, das er als Hilfspfleger in der Valduna geschrieben hat und das unhaltbare Zustände festhält, etwa die „Behandlung“ und auch Bestrafung von Patient:innen mittels Elektroschocks, „eine Foltermethode, wie sie nur in brutalen Diktaturen verwendet wurde“.
„Was mich bei dieser grauenhaften Arbeit am Leben erhielt, war der Entschluss, alles genau zu dokumentieren und später zu veröffentlichen.“ Das tut er, und zwar in der Zeitschrift „profil“, die den Text mit Illustrationen von Gottfried Helnwein als Titelgeschichte bringt. Der Direktor der Valduna muss gehen.

„Ich will nicht Spengler werden!“

Was hat den Sohn eines Spenglers aus Hittisau zu seiner so überaus erfolgreichen journalistischen Laufbahn gebracht? Es ist ein geradezu Proust‘sches Glückserlebnis in der Kindheit: „Ich sog die Luft durch den Mund ein und hatte das Gefühl, alles in mich einsaugen zu können, nicht nur das Blau des Himmels, sondern den ganzen Himmel mit seiner ganzen Tiefe. Er nahm Platz in meinem Atem, in meinem Körper, und obwohl ich ihn eingeatmet hatte, sah ich ihn gleichzeitig immer noch vor mir. Nun allerdings gehörte er mir und war Teil von mir.“ 
Es ist paradiesisch! Aber das Paradies wird er nach ein paar Tagen unwiederbringlich verlieren und fortan danach suchen. „Alles, was danach kam“, heißt es am Ende der Autobiografie, „waren unbewusste Versuche gewesen, das verlorene Paradies zurückzuerobern, durch mein Schreiben und Fotografieren.“
Die akademische Welt, das wird dem promovierten Psychologen bei Forschungsaufenthalten in Wien und Cambridge schnell klar, hat nicht viel Anziehendes für ihn. Eher schon sind es die Recherche-Methoden eines Günter Wallraff. In Zusammenarbeit mit dem (damals noch) Pharmavertreter Peter Sichrovsky, dem ORF-Filmer Kurt Langbein und dem Jus-Studenten Hans Peter Martin entsteht „Gesunde Geschäfte“, ein Buch, das einschlägt „wie eine Bombe“. Weiss hat sich für seine Recherchen bei den Pharmaunternehmen Sandoz und Bayer zum Pharmavertreter ausbilden lassen und dabei zehntausende Seiten aus den Geschäftsunterlagen heimlich kopiert, auch jene über „Geld-Überweisungen an prominente Ärzte, darunter sogenannte ‚persönliche Zuwendungen‘, wie die damals branchenübliche Bezeichnung für Bestechungen lautete.“ Bei Bayer erklärt ihm der Marketingchef, „dass Bayer in Österreich rund vier Prozent des gesamten Firmen-Umsatzes für ‚persönliche Zuwendungen‘ ausgab.“

Hilfsarbeiter, Pharmavertreter, Manager und noch einiges mehr

Wer solche Ungeheuerlichkeiten, zumal mit angenommener Identität, aufdeckt, handelt sich naturgemäß nicht nur Lorbeeren, sondern auch viel Ärger ein – mit Klagsdrohungen und wirklichen Klagen, mit Verlagen und sogar mit der Autorengemeinschaft, die Weiss mit Langbein und Martin eingeht und die am vielen Geld und Ruhm bald zerbricht. Denn es folgt mit „Bittere Pillen“ ein weiterer Bestseller. „Wir hatten uns bei diesem Buch Gegner ausgesucht, die über unbegrenzte Finanzmittel verfügten.“ Verlagschef Neven DuMont aber ignoriert den Rat seiner Juristen, und siehe da: Die Klagen bleiben aus.
Hans Weiss hat eine ganze Serie weiterer erfolgreicher Sachbücher geschrieben – allein oder in Bürogemeinschaft mit Krista Federspiel. Das Paradies fand er dabei nur bedingt, suchte es als Fotograf in New York (mit beträchtlichem Erfolg), suchte es aber auch als Romancier – mit Achtungserfolg. Mehr nicht. Möglicherweise hat ihn sein Freund Christoph Ransmayr, mit dem er jahrelang in einer Wohngemeinschaft lebte, zur Belletristik animiert? Weiss schweigt sich darüber aus, erzählt allerdings mit Wärme von Büchern wie „Die Leute von Langenegg“, die ihm emotional ein Durchatmen ermöglichten – zumal auch seine Beziehungen zu Frauen immer wieder in Krisen geraten und zu schmerzhaften Trennungen führen.
Und dann ist er wieder in New York, wird Mitglied der renommierten Soho Photo Gallery, schaut aus seiner Wohnung auf das Empire State Building. „Es war keine Fantasie und ich schrieb an meinem Roman ‚Kulissen des Abschieds‘. Ich spürte ein Kribbeln am ganzen Körper und ein Gefühl von Glück überschwemmte mich.“ New York und Hittisau sind die Pole in diesem Schriftstellerleben. Wenn er darüber schreibt, wird seine Erzählung atmosphärisch dicht. Wien hingegen, meist der Hauptwohnort, bleibt blass. 
2018 beschließt Weiss, mit den Sachbüchern aufzuhören und mit den Romanen auch. Wie fällt seine Bilanz aus? Der Direktor der Valduna musste gehen „und die Anstalt wurde von Grund auf renoviert. Meine Veröffentlichungen über die Medizin und die Pharmaindustrie haben vielleicht dazu geführt, dass im deutschen Sprachraum die Götter in Weiß nicht mehr so strahlen wie früher und vielleicht auch ein wenig menschlicher geworden sind.“ Sein „Schwarzbuch Markenfirmen“ hat das Konsumverhalten ein bisschen bewusster gemacht. „Tatort Kinderheim“ hat die Augen geöffnet für das, was Kindern in Heimen angetan wurde. Hans Weiss hat Arbeiten vorgelegt, die gesellschaftlich bedeutend sind. Und jetzt lauscht er gerne dem Gesang der Vögel. Wer will es ihm verdenken?

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Februar 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Hans Weiss: „Aufgedeckt. Ermittlungen gegen mich selbst.
Buchpräsentation & Gespräch
Do, 26.2., 19.30 Uhr
Vorarlberger Landesbibliothek, Kuppelsaal, Bregenz
www.vlb.at 

Hans Weiss: Aufgedeckt. Ermittlungen gegen mich selbst. Buchschmiede, Wien, 2026, 284 Seiten, Paperback, ISBN 978-3-99192-163-9, € 25,95

 

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