Auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden
Neue Ausstellung in Hohenems: „Die Morgenländer“
Ingrid Bertel ·
Nov 2025 · Ausstellung
Hanno Loewy eröffnet seine letzte Ausstellung als Direktor des Jüdischen Museums Hohenems.
Es lag einiges an Wehmut über dieser Ausstellungseröffnung. Immerhin ist es die letzte, die Hanno Loewy in den 21 Jahren seiner Tätigkeit als Direktor des Jüdischen Museums Hohenems verantwortet. Und so strömte ihm vor allem Respekt und Dankbarkeit entgegen, etwa von Ariel Muzicant, dem Vizepräsidenten des Jüdischen Weltkongresses, der eigens angereist war. Oder von Kulturlandesrätin Barbara Schöbi-Fink. Das Museum sei „grenzüberschreitend in unserem Denken“, formulierte sie, weil es stets „auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden“ sei. Dies ist auch der Untertitel der neuen Ausstellung „Die Morgenländer“.
Ganz in königliches Blau hat Ausstellungsarchitekt Martin Kohlbauer das Gewölbe im Souterrain getaucht. Strahlend weiß blickt uns im Zentrum die Büste der Nofretete an, jene Ikone der Orientalistik, die 1912 Ludwig Borchardt bei Grabungen entdeckt hatte. Sie ist das wohl berühmteste Beispiel für jene Forschungen, die vor allem jüdische Gelehrte aus Deutschland und Österreich für die Orientalistik, aber auch für die vergleichende Religionswissenschaft leisteten. Sie sahen im jüdisch-islamischen Zusammenleben ein positives Gegenbild zum jüdisch-christlichen, betont die Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek. Einer von ihnen, Simon von Geldern, ging gar so weit, sich in „türkische Tracht“ zu hüllen und als „Morgenländer“ zu bezeichnen. Andere taten es ihm durchaus nach.
Tausendundeine Nacht
Der Orient war, besonders im 19. Jahrhundert, Projektionsfläche für exotische Pracht - was Gustav Weils Übersetzung der Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“ durchschlagenden Erfolg bescherte und was man in der Schau auch den Bühnenentwürfen für die Oper „Die Königin von Saba“ ansieht. Der Orient stand aber auch für die Suche nach dem Ursprung Europas: Hier waren die Weltreligionen entstanden, hier stand auch die Wiege europäischer Philosophie, Mathematik und, und, und. So wird die Orientalistik für jüdische Gelehrte zur Suche nach den eigenen Ursprüngen, nach einem selbstbestimmten Bild der eigenen Herkunft.
Man könne den Ausstellungstitel aber auch umgekehrt lesen, nämlich als „Suche nach dem Fremden im Eigenen“, sagte Hanno Loewy in seiner Eröffnungsrede. Identitäten immer wieder experimentell auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen, gehöre zu den Kernaufgaben eines Museums. „Und Brücken zu schlagen, neue Chancen zu eröffnen“, fügte der Hohenemser Bürgermeister Dieter Egger hinzu – in Erinnerung an die „besondere Geschichte“, die ihn mit Hanno Loewy verbindet.
Thieves and Backstabbers
Dabei verschweigt die Ausstellung nicht, dass solcher Brückenschlag auch problematisch sein kann, dass er um 1900 kolonialistische Züge trug, dass er etwa im Fall Paul Borchardts kolonialwissenschaftliches Interesse mit Spionagetätigkeit verband und die Orientalistik als geopolitisches Werkzeug missbrauchte. Am Ausgang der Schau bringt Marwan Shahins 2025 entstandenes Werk „Thieves and Backstabbers“ diese Problematik auf den Punkt. Das mit UV-Farben auf Aluminium-Dibond gedruckte Bild kontrastiert zwei Formen der Gewalt: die offene, sichtbare Plünderung („Diebe“) und die subtile, verdeckte Aneignung („Backstabbers“). Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek: „Auf den ersten Blick ziehen glänzende Metallflächen und ästhetisch attraktive, aber maskenhafte Figuren den Blick auf sich, die, indem sie die/den Betrachter:in fesseln, das dahinter lauernde dynamische Geflecht aus Macht, Betrug und struktureller Gewalt verschleiern.“
Es empfiehlt sich, die große Reise, zu der die Ausstellung einlädt, mit der Lektüre des überaus sorgfältigen Katalogs zu verbinden, denn all die Abenteuer, die sie bietet, können die Augen auch im königlichsten Blau nicht entziffern. Vor allem aber empfiehlt es sich, an den Traum jener Forscher zu denken, die 1933 von ihren Lehrstühlen vertrieben, ermordet oder ins Exil gejagt wurden: den Traum von einer gemeinsamen hebräisch-arabischen Universität. Heute ist er schier unvorstellbar, aber, so betonte Hanno Loewy „an diese Utopie“ wolle er erinnern. Und zeigte als Vorschlag ein kleines Logo: das Wort „Ems“ geschrieben in einer Traumschrift aus hebräischen und arabischen Buchstaben.