Art is like oxygen Ingrid Bertel · Mai 2026 · Aktuell
Für ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit engagiert sich das soeben in Zürich gegründete Netzwerk „Arts + Health“. Es erforscht, wie stark Kunst auf das Wohlbefinden einwirkt. Gestern wurde es im Kunsthaus Zürich der Öffentlichkeit vorgestellt.
„Endlich!“ So begrüßt Jacqueline Fehr, Regierungsrätin im Kanton Zürich die Initiative Arts + Health und fügt hinzu: „Die Krankenkassen sollten nicht nur körperliche Fitness, sondern auch Theater- und Museumsbesuche finanzieren.“ Fehr weiß, wovon sie spricht. Als Direktorin der Justiz und des Inneren kennt sie etwa Straftäter, die Probleme haben, ihre Gefühle wahrzunehmen. Als Kulturministerin weiß sie andererseits, dass Kunst sichtbar macht, was sonst oft verborgen bleibt.
Zwei Jahre lang wurde das nun vorgestellte Netzwerk Arts + Health vorbereitet - und zwar von Johann Steurer und Ann Demeester. Johann Steurer, langjähriger Leiter des Horten-Zentrums für praxisorientierte Forschung und Wissenstransfer der Universität Zürich, ist hierzulande bestens bekannt als engagierter Mit-Organisator der Landgespräche Hittisau, ein Mann, der sich praktisch und als Denker stets um's Gemeinwohl bemüht. Ann Demeester ihrerseits, Direktorin des Kunsthauses Zürich, hat mit ihm zusammen das neue Netzwerk Arts + Health zunächst in Einzelprojekten erprobt, kennt aber andererseits die „Liebesbeziehung zwischen Kunst und Medizin“ seit ihrer Geburt. Geboren wurde sie nämlich im Sankt Jansspital in Brügge - heute ein dem Maler Hans Memling gewidmetes Museum.
Dass Krankenhäuser über Jahrhunderte hinweg auf die heilende und tröstende Wirkung der Kunst setzten, wird zum Beispiel deutlich an Matthias Grünewalds „Isenheimer Altar“ oder dem Pilgersaal von Santa Maria della Scala in Siena. Nach Jahrzehnten der kahlen Technikfixiertheit hat man heute erkannt, dass sie nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Im Bemühen um ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit entstand etwa An Fonteynes Hospiz „Coda Wuustwezel“ in Belgien. Die Architektin präsentierte die Palliativeinrichtung für Menschen mit Pflegebedarf und ihre Angehörigen vor einem beeindruckten Zürcher Fachpublikum.
Auf einen Aperitif im Krankenhaus
Es ist ein wunderbar stimmungsvoller Ort mit großzügigen Innenhöfen und weiten Fluren, ein Ort, wo man sich gerne zum Aperitif trifft - im Krankenhaus. Dass solche Architektur der Gesundheit förderlich ist, beweist auch das neue, von Herzog und de Meuron geplante Universitäts-Kinderspital in Zürich.
„In Italien war es lange Zeit üblich, schwangeren Frauen eine besonders schöne Umgebung zu bieten“, erzählt Beatrice Beck Schimmer, Direktorin der Universitären Medizin Zürich, „einen Palazzo zum Beispiel, voll von betörenden Gemälden, in dem Konzerte gespielt und geistvolle Gespräche geführt wurden.“ Das spürten die Bambini, ist Beck Schimmer sicher. Und zwar aus Erfahrung. Ihre Kollegin Petra Hüppi, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, hat dazu eine Studie vorgelegt: Frühchen, also Babies, die vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen, wurde eigens komponierte Musik von Andreas Vollenweider zum Einschlafen vorgespielt. Und siehe da: Ihre Gehirnentwicklung glich sich rasch der von Kindern mit Termingeburt an.
Eine WHO-Studie aus dem Jahr 2019, die über 3.000 Studien einer Meta-Analyse unterzog, bestätigt unter anderem, dass Kunst das ungeborene Leben prägt, dass sie aber auch den Alterungsprozess verlangsamen, Stress reduzieren, die Wahrnehmung schärfen oder das Wohlbefinden steigern kann.
Old Ladies Clubbing
„Stimmt“, sagt Ann Demeester. Zum Beispiel habe Techno-Musik eine positive Wirkung auf Frauen mittleren Alters. Das geht aus einer Studie der Universität Leeds hervor. Old Ladies Clubbing ist demnach die vergnüglichere, geselligere Alternative zum Fitness-Studio.
Die Tänzerin Clare Guss-West geht gleich zur Praxis über. Zu den Klängen von Händels „Wassermusik“ gerät ein Saal voller Mediziner:innen, IT-Leuten und Leiter:innen von Kunst-Institutionen in anmutige Bewegung. Clare Guss-West leitet am Opernhaus Zürich das Projekt „Connect“ für Menschen mit MS oder Parkinson. Dass sie zu imaginierten Bildern wie „Sterne vom Himmel pflücken“ flüssige Bewegungen ausführen, die ihnen bei reiner Physiotherapie nicht gelingen, das, sagt die Tänzerin, erfülle sie jedes Mal wieder mit Stolz und Freude.
art.in
In der Schweiz ist Suizid die häufigste Todesursache bei Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren, erzählt Susanne Walitza. Alle drei Tage nimmt sich ein junger Mensch das Leben. Dieser verstörenden Tatsache begegnet die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich mit dem Programm „art.in“ in Kooperation mit dem Kunsthaus. „Nicht jede Heilung beginnt mit einem Medikament“, sagt dazu der Zürcher Stadtrat Andreas Hauri. „Manchmal kann es auch ein Bild sein.“
Heilung beginnt dort, wo Menschen Menschen begegnen. Und damit auch Ärztinnen und Ärzte nicht zu kurz kommen, plant die Universität Zürich, Kunstunterricht ins Medizinstudium aufzunehmen. Sicher, Kunst kann nicht die Welt verändern. Aber sie kann ein Katalysator sein. 2023 hat das Bode Museum Berlin das Programm „Das heilende Museum“ gestartet. 2025 begann das vorarlberg museum mit dem Projekt „Museum auf Rezept“. Die Richtung ist also klar. Arts + Health bietet dafür Anregungen, Forschungsergebnise und vor allem inspirierenden Austausch.