Angine de Poitrine: Vol. II Peter Füssl · Jun 2026 · CD-Tipp

Ein im Dezember 2025 beim Festival Transmusicales im französischen Rennes vom alternativen US-Radiosender KEXP aus Seattle aufgenommenes und auf YouTube gestelltes Konzertvideo wurde bisher 14 Millionen Mal aufgerufen und katapultierte das musizierende, Alien-artig wirkende Duo Angine de Poitrine (auf Deutsch: Angina Pectoris) in Richtung Kultstatus. Davor war das seit 2019 an jeglichen Marktmechanismen vorbeimusizierende, auf absolute Anonymität bedachte, kanadische Brüderpaar bestenfalls ein Insider-Tipp in der alternativen Szene Quebecs.

Schon ihre konsequente Selbstinszenierung erregt Aufsehen. Die gesamte Kleidung, die mit langen Nasen bestückten, den gesamten Kopf verdeckenden Pappmaché-Masken, die Instrumente und der Bühnenhintergrund sind in Schwarz mit weißen bzw. in Weiß mit schwarzen Punkten gehalten. Khn de Poitrine spielt auf einem eigens angefertigten hybriden Doppelhals-Instrument, der untere Hals dient als E-Bass, der obere ist eine mit zusätzlichen Bünden zur Erzeugung mikrotonaler Töne versehene E-Gitarre. Er tritt barfuß auf und bedient mit den ebenfalls gepunkteten Zehen eine Loop-Station und ein ganzes Arsenal an Fußpedalen. Klek de Poitrine drischt auf ein mit einem – selbstverständlich gepunkteten – Tuch belegtes Drum-Set ein, was den Trommel-Sound etwas abdunkelt. Der Großteil der Kompositionen ist instrumental, fallweise werden einzelne Brocken in einer unverständlichen Phantasiesprache gebrummelt. Dementsprechend lauten die Titel der zumeist rund sechs Minuten langen, zwischen Math- und Prog-Rock, Techno und Psychedelischem angesiedelten Stücke auf dem soeben erschienenen Album „Vol. II“: „Fabienk“, „Mata Zylek“, „Sarniezz“, „Perep Utz“, „Yor Zarad“ und „Angor“.


 

 


So ungewöhnlich das Erscheinungsbild des Duos auch sein mag, die Musik ist mindestens ebenso unkonventionell, wobei die Musiker durchaus Klasse aufweisen. Zumeist geht es hochenergetisch und komplex zur Sache. Der sich ewig zu wiederholen scheinende Musikfluss ist mit schrägen Taktarten, abrupten Breaks und plötzlichen Taktwechseln gespickt, Loops und Effektgeräte kommen permanent zum Einsatz und verstärken die exotische Wirkung der jenseits unserer gewohnten westlichen Tonleitern angesiedelten mikrotonalen Gitarrenläufe. Angine de Poitrine haben das Rad natürlich nicht neu erfunden. Anonym auftretende und phantasievoll kostümierte Avantgarde-Rock-Bands gibt es schon seit 60 Jahren, man denke etwa an die in San Francisco angesiedelten The Residents. Mit mikrotonalen Elementen experimentierten nicht nur zeitgenössische Komponisten wie Cage, Lutoslawski, Ligeti, Nono, Feldman, Penderecki oder G. F. Haas, sondern auch die australischen Psychedelic-Rocker King Gizzard & The Lizar Wizard, oder Jazz-Musiker wie Don Ellis, Muhal Richard Abrams, Ibrahim Maalouf, David Fiuczynski und Jacob Collier. Einzigartig und ein interessiertes Publikum in höchstem Maße ansprechend sind allerdings die Wucht und Intensität der Performance und die Perfektion und Konsequenz, mit der Angine de Poitrine ihr unverwechselbares visuelles Erscheinungsbild und die Performance ihres unorthodoxen musikalischen Outputs, den sie selber in der Phantasie-Kategorie „Mantra-Rock-Dada-Pythago-Cubist-Orchestra“ verorten, miteinander kombinieren. Man darf gespannt sein, ob und wie sich das Duo musikalisch weiterentwickelt, oder ob es sich nur um ein der Exzentrik zu verdankendes, zeitlich begrenztes Erfolgsmodell handelt. Derzeit sind die geplanten Konzerte jedenfalls restlos ausverkauft und die großteils vergriffenen Vinyls und Kassetten (CDs wurden bislang keine produziert) werden zu Fantasiepreisen gehandelt. 
(Spectacle Bonzai)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juni 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

 

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