Alte Italiener
:alpenarte 2026 in Schwarzenberg
Michael Löbl · Okt 2026 · Musik

Vier junge Musikerinnen und Musiker auf wertvollen Streichinstrumenten spielten am Samstagabend im Rahmen des Festivals :alpenarte Werke von Mozart und Mendelssohn sowie eine Uraufführung.

Bereits zum vierten Mal luden Geschäftsführer Hans Metzler, Intendant Matthias Honeck und dessen Schwester Anna Maria zu einem musikalischen Wochenende nach Schwarzenberg ein. Am Freitag standen Schulkonzerte, Auftritte mit dem Vorarlberger Pianisten Tobias Jacob, dem Cellisten Philipp Schupelius und dem Schlagzeuger Leon Lorenz auf dem Programm. Der Samstagabend stand dann ganz im Zeichen junger Musikerinnen und Musiker in Kombination mit alten Streichinstrumenten, die ihnen von der Stretton Society zur Verfügung gestellt wurden.

Philanthropen aus Berlin

Die in Berlin beheimatete Stretton Society hat es sich zur Aufgabe gemacht, jungen, hochbegabten Musiker:innen wertvolle alte Streichinstrumente zur Verfügung zu stellen und sie auf ihrem Karriereweg zu begleiten. Denn irgendwann im Leben hochbegabter Geiger:innen, Bratschist:innen oder Cellist:innen wird ein konkurrenzfähiges Instrument zu einem wichtigen Thema. Nach dem Studium beginnt für die Besten der Besten eine Post-Graduate-Phase mit Wettbewerben, Meisterkursen und weiteren Studien an Elite-Instituten wie der Kronberg Academy oder auch der Musikakademie in Liechtenstein. Jetzt ein Spitzeninstrument zu finden, ist nicht nur schwierig, sondern in den meisten Fällen auch unbezahlbar. Natürlich gibt es hervorragende neue Streichinstrumente von Geigenbauern in Europa und den USA, aber der Nimbus der alten Meister Antonio Stradivari oder Giuseppe Guarneri ist unerreicht und immer noch das Maß aller Dinge. Obwohl bei Blindvergleichen hinter einer Wand keineswegs immer die alten Italiener die Nase vorne haben – ganz oft werden neue Geigen besser bewertet, was bei Expert:innen immer wieder Erstaunen hervorruft. Und doch spielen – bis auf eine Ausnahme – alle Weltklassegeiger:innen Instrumente von Stradivari oder Guarneri. Diese „gefühlte“ Überlegenheit ist physikalisch genauso wenig erklärbar wie Homöopathie, Familienaufstellung oder Astrologie.
In den letzten 20 Jahren sind die Preise alter Streichinstrumente durch die Decke gegangen und haben sich in astronomischen Höhen festgesetzt. 2025 wechselte eine Stradivari-Violine aus dem Jahr 1715 um 23 Millionen Dollar ihren Besitzer. Konnten früher Nutzer eines teuren Leihinstrumentes zumindest für die Versicherung aufkommen, ist selbst das mittlerweile nicht mehr möglich. Aus diesem Grund sind Organisationen wie die Stretton Society oft die einzige Möglichkeit, Spitzenmusiker:innen mit Spitzeninstrumenten zusammenzubringen. So spielen Solist:innen wie Leonidas Kavakos, Vilde Frang oder Pablo Ferrández Instrumente, die durch die Stretton Society vermittelt wurden. Diese Gesellschaft ist auf diesem Gebiet nicht alleine, mehrere Organisationen haben sich dieser Problematik angenommen, zu den Big Playern gehören beispielsweise die Österreichische Nationalbank oder die Nippon Music Foundation.

Win-Win-Win

In einer Konzerteinführung vermittelte Jessica von Wrede die Philosophie hinter Stretton und stellte die drei Musiker:innen vor, die im folgenden Konzert auf Instrumenten dieser Organisation spielen werden. Die ganze Sache kann man ohne Einschränkung als Win-Win-Win-Situation bezeichnen. Junge Musiker:innen erhalten außergewöhnliche Instrumente, die sie künstlerisch beflügeln und die sie selbst nicht finanzieren könnten. Die Besitzer der Instrumente sparen vermutlich irgendwo auf der Welt Steuern und erhalten eine extrem stabile Geldanlage mit weit überdurchschnittlicher Wertsteigerung. Gleichzeitig tun sie Gutes, indem sie junge Musiker:innen unterstützen, deren Weg mitverfolgen und sich in Konzerten am Klang der eigenen Instrumente erfreuen.
Nach einer ausgedehnten Pause, in der man sich kulinarisch stärken und die Ausstellung des Geigenbauers Martin Schleske bewundern konnte, folgte das „Grand Concert“ im Großen Saal mit dem Stretton Quartett, das sich in der aktuellen Besetzung erst vor ganz kurzer Zeit zusammengefunden hatte. Der ursprünglich vorgesehene Geiger Leonhard Baumgartner aus Wien, auch ein Stretton-Stipendiat, musste wegen eines Solokonzerts in Frankreich absagen und wurde durch die durch zahlreiche Wettbewerbserfolge hochdekorierte Amerikanerin Elli Choi ersetzt. Auf dem Programm standen neben Mozarts d-Moll Quartett KV 421 und dem letzten Streichquartett op. 80 von Felix Mendelssohn-Bartholdy auch eine Uraufführung mit dem Titel „Jenseits: Echoes Beyond The Mountain“ des südkoreanischen Komponisten Haram Kim.

Vier junge Ausnahmekünstler:innen

Es war hochinteressant, in diesem Saal, wo sich im Rahmen der Schubertiade seit Jahren die weltbesten Streichquartette die Klinke in die Hand geben, ein junges, ganz frisch zusammengestelltes Ensemble zu erleben. Das Stretton Quartett hat sich in kürzester Zeit einen runden, sehr homogenen Quartettklang erarbeitet, den man sowohl bei Mozart als auch bei Mendelssohn genießen konnte. Der Erste Geiger, Michael Shaham aus Israel, hatte seine neue Violine aus der Stradivari-Familienwerkstatt erst vor wenigen Tagen in Empfang genommen, und die beiden waren offensichtlich noch in der Kennenlernphase. Shahams Klang blieb über alle vier Sätze des Mozart-Quartetts etwas verhalten und konnte sich gegenüber seinen drei Quartettpartner:innen nicht immer durchsetzen. Bei Mendelssohn war die Balance dann ausgewogener, vor allem die letzten beiden Sätze, das wunderbare Adagio und das Finale, spielte Michael Shaham großartig. Vielleicht wäre es eine gute Idee gewesen, für eine Programmhälfte mit Elli Choi die Plätze zu tauschen, aber sie spielt kein Instrument der Stretton Society. Was nicht ist, kann ja noch werden.
Das Publikum erlebte an diesem Abend vier internationale, junge Musiker:innen auf höchstem Niveau. Michael Shahams Schwester Noga an der Bratsche ließ durch ihre samtig-dunkle Klangfarbe aufhorchen, der deutsche Cellist Arne Zeller strahlte Ruhe und musikalische Souveränität aus. Ein großer Teil der knappen Probezeit wurde vermutlich in die Uraufführung des Werkes von Haram Kim gesteckt. Der Südkoreaner wurde unter anderem von Berglandschaften inspiriert und hätte sich damit in der Umgebung des Bregenzerwaldes vermutlich wohlgefühlt. Als Geiger weiß er natürlich, wie ein Streichquartett am besten zum Klingen zu bringen ist. Sein Werk überzeugt durch einen nachvollziehbaren Aufbau und seine dynamischen Kontraste. Zahlreiche Zitate waren zu erkennen, „Jenseits: Echoes Beyond The Mountain“ ist auf jeden Fall eine Komposition, der man gerne wiederbegegnen würde.   

Generation Z

Das schön gestaltete, aufwändige Programmheft enthält selbstverständlich auch alle Biographien der Mitwirkenden. Das Agenturdeutsch ist teilweise lustig zu lesen: „Der österreichische Pianist Tobias Jacob zählt zu den bemerkenswertesten jungen Nachwuchstalenten seiner Generation“, „Leon Lorenz zählt zu den vielseitigsten jungen Perkussionist:innen seiner Generation“, „Elli Choi gilt als eine der faszinierendsten Geigerinnen ihrer Generation“, „Noga Shaham zählt zu den vielversprechendsten jungen Bratschistinnen ihrer Generation.“ Bemerkenswert, vielseitig, faszinierend, vielversprechend – um diese Musiker:innengeneration muss man sich wohl keine Sorgen machen. Das :alpenarte-Wochenende ging am Sonntag mit einer Gottesdienst-Gestaltung, dem Musikalischen Dorfspaziergang inklusive zahlreicher heimischer Musiker:innen sowie einem weiteren Konzert im Saal zu Ende. Im nächsten Oktober gibt es ein Wiedersehen in Schwarzenberg.  

www.stretton-society.org

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