Aktuell in den Filmclubs (9.1. – 15.1.2026) Walter Gasperi · Jän 2026 · Film
In der Programmkinoschiene Kinothek extra in der Kinothek Lustenau und beim Filmforum Bregenz im Parktheater Lindau erzählt diese Woche Eran Riklis in „Reading Lolita in Tehran“ nicht nur vom repressiven Regime der Mullahs, sondern auch von der Kraft der Literatur und weiblicher Solidarität. Im Skino Schaan brilliert dagegen Channing Tatum in Derek Cianfrances wunderbar unaufgeregtem „Roofman“ als Serieneinbrecher, der sich über Monate in einer Toys'R'Us-Filiale versteckt.
Roofman: Derek Cianfrance lässt den Serieneinbrecher Jeffrey Manchester (Channing Tatum) selbst rückblickend seine Geschichte erzählen. Um seiner Tochter gleich viel wie andere Väter bieten zu können, brach der Ex-Soldat um die Jahrtausendwende in zahlreiche McDonald's-Filialen ein. Schließlich wurde er zwar verhaftet, floh aber bald aus dem Gefängnis und versteckte sich über Monate in einer Toys'R'Us-Filiale. Sanft anarchistische Stoßkraft entwickelt „Roofman“ dabei, wenn Jeffrey mehrfach heimlich mit Manipulation der Dienstpläne oder Diebstahl von Spielsachen zwecks Spende für eine Kirchengemeinde gegen den fiesen Filialleiter (Peter Dinklage) einschreitet. Die Liebe zu einer Angestellten (Kirsten Dunst) lässt ihn aber zunehmend sein Versteck verlassen.
Trotz der zunehmenden Gefahr der Entdeckung erzählt Cianfrance entspannt und unaufgeregt. Vertrauen kann er dabei auch auf Channing Tatum, der Jeffrey mit viel Charme als liebenswerten Kriminellen spielt, der sich vor allem nach einer Familie sehnt, den seine Taten aber in die Isolation im Spielzeuggeschäft treiben. Melancholie durchzieht dabei diesen Mix aus Drama und Komödie, wenn der Intelligenz, die Jeffreys Einbrüche kennzeichnet, die Unvernunft gegenübersteht, die mit den Gefühlen ins Spiel kommt. Gleichzeitig kann man sowohl in der Überfülle an Spielsachen im Toys'R'Us-Shop, die im Kontrast zur prekären Situation Jeffreys steht, als auch in der Eroberung von Kinderherzen durch Geschenke eine konsum- und gesellschaftskritische Note sehen.
Skino Schaan: Sa 10.1., 18 Uhr; So 11.1., 20.15 Uhr, Di 13.1., 18 Uhr, Mit 14.1., 20.15 Uhr (engl. OmU)
Reading Lolita in Tehran – Lolita lesen in Teheran: Voller Hoffnungen kehrt die Iranerin Azar Nafisi (Golshifteh Farahani), die in den USA amerikanische und englische Literatur studierte, nach der Islamischen Revolution 1979 mit ihrem Mann in ihre Heimat zurück. Doch diese Stimmung wird sofort gedämpft, wenn bei der Zollkontrolle Schikanen wegen eines Lippenstifts in der Handtasche und englischsprachiger Bücher wie Vladimir Nabokovs „Lolita“, F. Scott Fitzgeralds „The Great Gatsby“ und Henry James' „Daisy Miller“ im Koffer folgen.
Diese Bücher strukturieren auch „Reading Lolita in Tehran“. Gegensätze prallen aufeinander, wenn sie im Hörsaal von „The Great Gatsby“ schwärmt, während die männlichen Zuhörer Kritik an dem westlichen Roman üben. Zunehmend repressiver wird die Stimmung und bald kann sich Nafisi nur noch in ihrer Wohnung mit sechs Studentinnen treffen, um über westliche Romane zu diskutieren.
Überzeugungskraft gewinnt diese Verfilmung von Azar Nafisis 2003 erschienenen Memoiren „Reading Lolita in Teheran“ auch dadurch, dass Eran Riklis die Rollen mit im Exil lebenden Iraner:innen besetzte, die auch auf eigene Erfahrungen zurückgreifen konnten. Damit verleihen sie dem Film bewegende Kraft und sie erinnern im historischen Geschehen auch an die ungebrochene Unterdrückung der Frauen im Iran. Gleichzeitig feiern Riklis und Nafisi aber auch die Kraft der Literatur, die nicht nur in tristen Zeiten Glück beschert, sondern mit ihren Figuren auch zu Widerständigkeit und zu einem Ausbruch aus den Verhältnissen anregen kann.
Kinothek extra in der Kinothek Lustenau: Mi 14.1., 20 Uhr + Mo 19.1., 18 Uhr (farsi OmU)
Filmforum Bregenz im Parktheater Lindau: Do 15.1., 19.30 Uhr (farsi OmU)
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