Aktuell in den Filmclubs (7.11. – 13.11. 2025) Walter Gasperi · Nov 2025 · Film

Der Spielboden Dornbirn zeigt diese Woche mit Albert Serras „Tardes de soledad – Nachmittage der Einsamkeit“ einen ebenso meisterhaften wie radikalen Dokumentarfilm über den Stierkampf. In der Kinothek Lustenau und beim Filmforum Bregenz / Parktheater Lindau – sowie im Dezember beim FKC Dornbirn – steht dagegen das warmherzige brasilianische Flussmovie „O último azul – Das tiefste Blau“ auf dem Programm.

Tardes de soledad – Nachmittage der Einsamkeit: Auf alle Hintergrundinformationen zum Stierkampf verzichtet Albert Serra in seinem Dokumentarfilm über den peruanischen Star-Matador Andrés Roca Rey. Vielmehr beschränkt sich der Katalane darauf sechsmal Roca Rey in der Arena und dazwischen jeweils in sich wiederholenden halbnahen Einstellungen im Tour-Bus zu zeigen. Nur einmal bietet eine Szene im Hotel Einblick, wie der Matador mit Hilfe eines Assistenten seine Uniform anzieht.
Das Braun des Sands der Arena und das Rot des Bluts sowie des Tuchs des Matadors (muleta) und der schützenden roten Holzplanken der Arena drücken zusammen mit dem Schwarz der Stiere und des Huts des Matadors (montera) ihren visuellen Stempel auf. Wie aus der Farbpalette Grün oder Blau nahezu gänzlich verbannt sind, so verzichtet Serra auch auf weite Einstellungen. Keine Totale gewährt hier Überblick, sondern mittels Teleobjektiven ist die Kamera von Artur Tort Pujol, der zusammen mit dem Regisseur auch für den Schnitt verantwortlich zeichnet, so nah am Geschehen dran, dass die Bilder teilweise fast ins Abstrakte verfließen.
Visuell ausgespart bleibt das Publikum, ist aber mit seinem Beifall und Johlen akustisch ungemein präsent. Große immersive Kraft entwickelt der Film in den in langen Einstellungen gefilmten Kämpfen und auch die Gefahr, der sich der Matador aussetzt, wird nicht ausgespart, wenn er mehrfach vom Stier angegriffen und verletzt wird. Andererseits deckt Serra aber auch sein gockelhaft-narzisstisches Gehabe auf, wenn er mit seinen Gesten und Blicken immer nach dem Beifall des Publikums giert. - Ebenso faszinierend wie nachwirkend ist dieser Dokumentarfilm in seiner Ambivalenz und Uneindeutigkeit. Da steht nämlich nicht nur der Kunstfertigkeit des Matadors schlussendlich bei jeder Corrida das Sterben des Stiers gegenüber, sondern die Maskulinität und das Macho-Gehabe des Matadors wird auch von der Feminität seines Aussehens und seiner Kleidung kontrastiert.
Spielboden Dornbirn: Di 11.11. + Do 20.11. – jeweils 19.30 Uhr

 

Das tiefste Blau - O último azul: In einem zukünftigen Brasilien werden die über 75-Jährigen in Kolonien abgeschoben. Die 77-jährige Teresa widersetzt sich dieser Anordnung aber, büxt aus und begibt sich, obwohl ihre Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit durch die Vormundschaft der Tochter eingeschränkt ist, auf eine Flussfahrt auf dem Amazonas.
In gewohnter Manier korrespondiert in Gabriel Mascaros bei der heurigen Berlinale mehrfach ausgezeichnetem Spielfilm die äußere Bewegung mit einer inneren, wenn der Einengung und Bevormundung durch die Behörden das Freiheits- und Unabhängigkeitsstreben der Protagonistin gegenübergestellt wird. Dem Stillstand in der Kolonie und der Enge der Käfige, in denen die Senior:innen von der Polizei eingesammelt werden, steht die Fahrt auf dem Amazonas und die Weite der Flusslandschaft gegenüber.
Beiläufig werden dabei beim Blick auf sich am Ufer türmende Autoreifen Umweltverschmutzung und - mit dem Hinweis, dass reiche Leute sich mit Geld den staatlichen Anordnungen entziehen können - Korruption angesprochen, und auch Spitzelwesen wird kritisiert.
Getragen von der charismatischen Hauptdarstellerin Denise Weinberg entwickelt sich so ein warmherziges Flussmovie, das man angesichts der widerständigen Protagonistin rasch ins Herz schließt und das berührend, aber nie aufgesetzt belehrend für Akzeptanz der Unabhängigkeit von älteren Menschen und gegen Abschiebung plädiert.
Kinothek extra in der Kinothek Lustenau: Mo 10.11., 18 Uhr + Mi 19.11., 20 Uhr
Filmforum Bregenz im Parktheater Lindau: Do 13.11., 19.30 Uhr
FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 10.12., 18 Uhr + Do 11.12., 19.30 Uhr

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