Aktuell in den Filmclubs (6.11. – 12.11.2026) Walter Gasperi · Nov 2026 · Film

Das Kunstmuseum Vaduz zeigt diese Woche mit Michail Kalatosows „Soy Cuba“ ein Meisterwerk, das auch über 60 Jahre nach seiner Uraufführung nichts von seiner herausragenden filmischen Kraft verloren hat. Beim Filmforum Bregenz steht im Kino Lindau dagegen mit „Bagger Drama“ ein bildstarkes und großartig gespieltes Schweizer Langfilmdebüt auf dem Programm.

Soy Cuba: 62 Jahre alt ist Michail Kalatosows Agitationsfilm, doch die Zeit hat diesem Meisterwerk nichts anhaben können. Die Kamera gleitet vom Meer aus über surreal weiß leuchtende Palmenwälder, und die Erzählerstimme hebt an: „Soy Cuba!“ („Ich bin Kuba!“). Kein Individuum, sondern die Karibikinsel selbst ist die Hauptperson des Films. Viermal fällt dieses „Soy Cuba!“ und verbindet die vier Episoden, in denen schlaglichtartig die soziale Ungerechtigkeit vor der Revolution Castros herausgearbeitet und die Dringlichkeit eines gesellschaftlichen Umsturzes aufgezeigt wird.
Doch nicht durch das Was, sondern durch das Wie entwickelt Kalatosows Film seine mitreißende Kraft und sein revolutionäres Pathos. Atemberaubend ist Sergey Urusevskys Schwarzweißfotografie, und schier von allen Fesseln befreit bewegt sich die Kamera durch den Raum, gleitet vom Dach eines Hochhauses in einer Einstellung hinunter an einen Pool zur High Society und weiter in eine Bar, in der sich reiche Ausländer an junge Kubanerinnen heranmachen. Im Flug folgt die Kamera dem Leichenzug eines getöteten Studenten, zu göttergleichen Helden werden die Unterdrückten durch extreme Untersichten erhöht, und mit einer unglaublich beweglichen Handkamera werden die Zuschauer:innen in der letzten Episode mitten hinein in einen Luftangriff versetzt.
Kaum weniger fulminant und innovativ ist aber auch die Tonspur. Auf Dialog wird weitgehend verzichtet, dafür schafft Kalatosow einen grandiosen, den Appellcharakter verstärkenden Klangteppich. Der harmonische Klang des Schlagens des Zuckerrohrs geht so nach der Nachricht des Grundbesitzers in Kakophonie über, die Arbeit mit Flugzeuglärm macht den Luftangriff fast physisch erfahrbar, und die Fokussierung auf das Geräusch der Wasserwerfer vermittelt eindringlich das rücksichtslose Vorgehen der Exekutive gegen die Student:innen.
„Soy Cuba!“ ruft nicht nur zur Revolution auf, sondern ist in seinem befreiten und durch nichts gebändigten Einsatz avanciertester filmsprachlicher Mittel selbst revolutionär. – Kein ausgewogener Dokumentarfilm, sondern ein Propagandafilm reinsten Wasser – aber von höchstem künstlerischem Niveau.
Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz: Do 12.11., 18 Uhr (span. OmU.)

Bagger Drama: Piet Baumgartner verbindet in seinem preisgekrönten Langfilmdebüt Familiendrama um Verlust und Trauer mit der Geschichte einer Baggerfirma. Inhaltlich bewegt sich „Bagger Drama“ damit zwar in bekannten Bahnen, doch aufregend macht diesen Film, wie der 42-jährige Schweizer erzählt. Schon der Auftakt mit einem Ballett von Baggerarmen und -schaufeln, die an Störche oder Giraffen erinnern, ohne dass man dabei die ganzen Maschinen sieht, erzeugt Aufmerksamkeit. Großartig lässt das Cinemascope-Format mit seiner Breite dabei mehrere, sich vor dem blauen Himmel abhebende Schaufeln nebeneinander tanzen, und auch später werden mit den rot-weißen Maschinen mehrfach solche Ballette vorgeführt. Diese Bewegungen und Geräusche der Maschinen stehen im Kontrast zur Wortlosigkeit und Erstarrung der Familie.
Da wird nicht nur über den Tod der Tochter nicht gesprochen, sondern auch die Homosexualität des Sohnes, die Mutter und Vater bekannt ist, wird lieber nicht angesprochen. Fix ist für den Vater auch, dass der Sohn einmal die Firma übernehmen wird, doch wirklich darüber geredet wird nie. Statt miteinander zu sprechen, informiert man sich lieber über den jeweils Dritten, was denn Vater, Mutter oder Sohn gesagt haben. Zu diesem Schweigen, das die Familie unweigerlich auseinanderdriften lässt, passt die trockene Inszenierung. Baumgartner baut Szenen nicht groß dramatisch auf, sondern inszeniert knapp. Gerade aber wie hier die Dinge ganz einfach zu geschehen scheinen, verleiht diesem Film Nachdruck und Dichte. Wesentlich tragen dazu aber auch die großartigen schauspielerischen Leistungen von Phil Hayes als Vater, Bettina Stucky als Mutter und Vincent Furrer als Sohn bei.
Filmforum Bregenz im Kino Lindau: Do 12.11. 19.30 Uhr (schweizerdeutsche OmU.)

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