Aktuell in den Filmclubs (3.7.–9.7.2026) Walter Gasperi · Jul 2026 · Film
Die Artenne Nenzing zeigt diese Woche anlässlich ihres Umbaus vier Filme zum Thema Baustelle. Im Kinotheater Madlen steht dagegen mit „Silent Rebellion – À bras-le-corps“ ein starkes Schweizer Frauendrama auf dem Programm.
„auf und von der Baustelle“: Anlässlich des Umbaus der Artenne Nenzing werden in Kooperation mit den Hans Bach Lichtspielen im Garten der Artenne vier zum Thema Baustelle passende Filme gezeigt. Im 1967 entstandenen Spielfilm „Playtime“ (3.7.) erzählt Jacques Tati keine lineare Geschichte, sondern zeichnet vielmehr in langen starren Totalen mit einer Vielzahl an Szenen und Figuren ein Bild der Großstadt Paris. Immer wieder begegnet man zwar dem von Tati selbst gespielten Monsieur Hulot und einer amerikanischen Reisegruppe, aber wichtiger sind die Räume, die sie besuchen, vom Flughafen über ein Bürogebäude und einen Nachtclub bis zu einem Restaurant. Mit großer Liebe zum Detail und enormem Aufwand auch bei der Gestaltung der Tonspur erschafft Tati dabei das Bild einer von Beton, Stahl und Glas bestimmten modernen Welt, in der die Menschen keinen Kontakt mehr zueinander finden und das alte Paris nur noch in Souvenirs und als Spiegelung auf einer Glasscheibe aufblitzt.
Dem Feinsinn Tatis steht der wilde Anarchismus Claude Faraldos gegenüber, der in dem auf jeden Dialog verzichtenden „Themroc“ (1973; 4.7.) von einem Proletarier erzählt, der gegen die Umwelt protestiert, indem er seine Wohnung zu einer Höhle macht, in der er wie ein urzeitlicher Höhlenmensch lebt.
Den Abschluss des Filmwochenendes bilden Buster Keatons 20-minütige Stummfilmkomödie „One Week“ (1920; 5.7.) und Harald Sicheritz’ „Hinterholz 8“ (1998; 5.7.). Während der große amerikanische Stummfilmregisseur mit viel Slapstick von einem frischvermählten Paar erzählt, das versucht, in einer Woche ein in Kisten verpacktes Haus selbst zusammenzubauen, steht im Mittelpunkt der österreichischen Komödie ein Wiener Kleinbürger, der ein verfallenes Haus auf dem Land kauft, das er sanieren möchte, sich dabei aber mit zunehmend größeren Problemen konfrontiert sieht.
Artenne Nenzing, Garten: Fr 3.7. – So 5.7., jeweils 21.15 Uhr
Silent Rebellion – À bras-le-corps: Nicht leicht ist das Leben für die 15-jährige Emma (Lila Gueneau) im Jahr 1943 in einem nahe der französischen Grenze gelegenen Dorf im Schweizer Jura. Da die Mutter abwesend ist, muss sie sich um ihre beiden kleineren Geschwister kümmern und gleichzeitig noch als Haushaltshilfe bei der Pastorenfamilie den als Schneider arbeitenden Vater finanziell unterstützen. Dennoch träumt Emma von einem Ausbruch aus diesem ländlichen Milieu und dem Besuch einer Krankenpflegeschule. Von einer Kommission wird sie zwar wegen ihres Fleißes und ihrer Frömmigkeit für einen „Tugendpreis“ vorgeschlagen, doch dann wird sie von einem jungen Genfer Journalisten vergewaltigt. Leise, aber quälend intensiv ist diese Szene, wenn Marie-Elsa Sgualdo nur zeigt, wie Emma erfolglos versucht, den jungen Mann wegzudrücken, dann auf ihre zur Faust geballte Hand fokussiert, mit der sie Grasbüschel ausreißt.
Minimalistisch ist die Inszenierung. Keine spektakulären Einstellungen und Kamerafahrten gibt es, und wohl auch aus finanziellen Gründen wurde auf Massenszenen und große Kulissen verzichtet. Aber gerade durch die Konzentration auf Emma, die von Lila Gueneau mit großer Intensität gespielt wird, entwickelt dieses geradlinig und sehr klassisch erzählte Drama seine Dichte und Durchschlagskraft. Auf Schritt und Tritt folgt der Film dieser jungen Frau, deren Situation sich durch die aus der Vergewaltigung resultierende Schwangerschaft verschärft.
Dicht zeichnet Sgualdo das Bild einer patriarchal-konservativen Gesellschaft, in der der Handlungsspielraum der Frauen überall eingeengt wird. Doch Sgualdo stellt nicht die Unterdrückung und Ausbeutung Emmas ins Zentrum, sondern deren Widerstandswillen und Entschlossenheit und zeigt, wie sie um ihre Selbstbestimmung kämpft und Wege findet, sich zu behaupten.
Kinotheater Madlen, Heerbrugg: Mo 6.7., 20.15 Uhr (franz. OmU.)
Weitere Filmkritiken, Streamingtipps, DVD-Besprechungen und Regisseur-Porträts finden Sie auf meiner Website www.film-netz.com.