Aktuell in den Filmclubs (28.11. – 4.12. 2025) Walter Gasperi · Nov 2025 · Film

In der Kinothek Lustenau steht diese Woche im Rahmen der Programmkinoschiene Kinothek extra mit „Mit dem Feuer spielen – Jouer avec le feu“ ein packendes Familiendrama auf dem Programm, in dem ein linksliberaler Vater verzweifelt um seinen in die rechtsextreme Szene abdriftenden Sohn kämpft. Das Filmforum Bregenz zeigt dagegen im Parktheater Lindau mit „Bugonia“ eine pechschwarze und auch zunehmend blutige Gesellschaftssatire von Yorgos Lanthimos.

Mit dem Feuer spielen – Jouer avec le feu: In ihrem vierten langen Spielfilm fokussieren die Schwestern Delphine und Muriel Coulin auf einen linksliberalen Vater, der verzweifelt um seinen in die rechtsextreme Szene abgleitenden Sohn kämpft. Geschickt brechen die beiden Französinnen so ein aktuelles gesellschaftspolitisches Thema auf ein intimes Familiendrama herunter. In Kauf nehmen muss man dabei aber, dass die gesellschaftlichen Hintergründe bestenfalls angedeutet werden, Nebenfiguren kaum Profil gewinnen und auch die rechte Gruppierung diffus bleibt. Auch die Opposition von fürsorglichem Umgang in der Familie und Anziehungskraft einer gewaltbereiten radikalen Masse, in der man in der Anonymität untertauchen kann, wird zwar mit dem Besuch eines Fußballspiels und eines Cage-Fights angeschnitten, aber nicht entschieden weiterentwickelt.
Stark ist „Mit dem Feuer spielen“ vor allem in den Begegnungen zwischen dem Vater und seinen beiden Söhnen. Intensive Szenen gelingen den Coulins hier dank eines großartigen Schauspielertrios. Ideal besetzt ist Pierre mit Vincent Lindon. In jeder Szene überzeugend ist der 2024 bei den Filmfestspielen von Venedig als bester Darsteller ausgezeichnete, 66-jährige Franzose als Streckenwärter der Bahn, der vor allem als fürsorglicher Vater bewegt, der an der Einstellung und den Aktionen seines Sohnes zunehmend verzweifelt und zerbricht. Eindringlich vermittelt er die Liebe des Vaters und gleichzeitig seine Ohnmacht, aber auch seine Schuldgefühle, bei der Erziehung Fehler gemacht zu haben, und seine Scham über die Entwicklung seines Sohnes.
Stark ist aber auch Benjamin Voisin, der den Frust des Sohnes über fehlende Zukunftsperspektiven und die Wut über die gesellschaftlichen Verhältnisse intensiv erfahrbar macht, dessen Abdriften in die rechten Kreise damit aber letztlich nicht völlig erklärt wird. Plastisch vermittelt das Regie-Duo in den Auseinandersetzungen mit dem Vater, wie sich die Gräben zwischen den Generationen durch die Unfähigkeit zur echten Kommunikation sukzessive vergrößern.
Kinothek extra in der Kinothek Lustenau: Mo 1.12., 18 Uhr

 

Bugonia: Ein Anhänger von Verschwörungstheorien (Jesse Plemons) plant mit seinem geistig beeinträchtigten Cousin die Entführung der Chefin eines Chemiekonzerns (Emma Stone), da er sie für eine gefährliche Außerirdische hält.
Mit gewohnt kaltem Blick deckt Yorgos Lanthimos mit einer Parallelmontage der heruntergekommenen Welt der beiden Underdogs und der modernen Villa der Konzernchefin sowie dem von Glas bestimmten Unternehmenssitz die heutige gesellschaftliche Kluft auf. Großartig wird die kalte und beunruhigende Atmosphäre dabei auch durch die Musik von Jerskin Fendrix intensiviert.
Den beiden Hinterwäldlern steht die stets topmodisch gekleidete und durchtrainierte Chefin gegenüber, die wie eine Königin selbstbewusst auftritt und über ihr Unternehmen regiert. Ihren Angestellten gegenüber gibt sie sich nach außen hin zwar umgänglich, möchte im Grunde aber doch nur deren Arbeitsleistung steigern.
Abrupt endet dieses Leben aber, als das Duo die Businessfrau entführt und in ihr im Wald gelegenes Haus bringt. Im Keller entwickelt sich so ein Psychoduell, bei dem einerseits die Entführte mittels drastischer Methoden gezwungen werden soll, ihre Identität als Alien zu gestehen, andererseits die Gefangene wiederum versucht, die beiden Chaoten auszutricksen und zu entkommen.
Mit knochentrockenem, schwarzem Humor macht sich Lanthimos in diesem Kammerspiel über die Dummheit der Verschwörungstheoretiker, aber auch unermessliche Ignoranz und die gesellschaftliche Kluft lustig und dreht sukzessive an der Eskalationsschraube, bis mächtig Blut spritzt und die Satire im furiosen Finale den Grad der Absurdität, aber auch der Bitterkeit nochmals steigert.
Filmforum Bregenz im Parktheater Lindau: Mi 3.12., 19.30 Uhr

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