Aktuell in den Filmclubs (20.3. – 26.3.2026) Walter Gasperi · Mär 2026 · Film

Der FKC Dornbirn zeigt diese Woche anlässlich des Filmstarts von Richard Linklaters „Nouvelle Vague“ mit Jean-Luc Godards „À bout de souffle – Außer Atem“ ein bahnbrechendes Meisterwerk der Filmgeschichte. Beim Filmforum Bregenz steht dagegen mit „Il sol dell'avvenire – Das Beste liegt noch vor uns“ eine autobiographisch grundierte Komödie des italienischen Altmeisters Nanni Moretti auf dem Programm.

À bout de souffle – Außer Atem: Jean-Luc Godards 1959 entstandener erster Spielfilm ist nicht nur einer der ersten Filme der französischen Nouvelle Vague, sondern der Film schlechthin, in dem sich der Beginn des modernen Kinos manifestiert: Wie 1925 Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ mit seiner Montage der Attraktionen und 1941 Orson Welles' „Citizen Kane“ mit seinen Plansequenzen revolutionierte Jean-Luc Godard das Kino durch die Missachtung aller vorgegebenen Erzählregeln.
Die Story ist klassisch, die Verbeugung vor den amerikanischen Gangsterfilmen und ihrem klassischen Helden Humphrey Bogart ist unübersehbar und auch an offenen Zitaten mangelt es nicht. Doch dann gibt es doch die inszenatorischen Brechungen. Keine Studioproduktion ist „Außer Atem“, Godard drehte auf den Straßen von Paris und verdutzte Passant:innen blicken immer wieder direkt in die Kamera. Diese Originalschauplätze verleihen dem Film eine bis heute ungebrochene Authentizität und Frische. Aber auch die jungen, natürlichen Schauspieler:innen und die improvisiert wirkenden Dialoge verhelfen „Außer Atem“ zu seiner großen Spontaneität und Intensität. Die damals revolutionären abrupten Schnitte, die jeden Szenenaufbau unterbinden, wirken heute kaum mehr verstörend, da sie längst Eingang ins konventionelle Kino gefunden haben, nichtsdestotrotz wirkt der Film auch über 60 Jahre nach seiner Entstehung immer noch unglaublich modern und hat nichts von seiner Faszination verloren. Immer noch vermittelt dieser Klassiker ein Bild des Lebensgefühls der Jugend von 1960, das an Dichte und Echtheit seinesgleichen kaum findet. Das macht diesen auch heute noch elektrisierenden Wellenbrecher des modernen Kinos auch zum aufregenden Zeitdokument.
FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 25.3., 18 Uhr + Do 26.3., 19.30 Uhr (franz. OmU.)

Il sol dell'avvenire – Das Beste liegt noch vor uns: Mit großen roten Lettern malen ein paar Männer, die sich nachts heimlich von einer Brücke abseilen, „Il sol dell'avvenire“ („Die Sonne der Zukunft“) auf die Brückenpfeiler. Rasch entpuppt sich diese Szene aber als ein Teil des Films, den der etwa 70-jährige Giovanni (Nanni Moretti) über die Haltung der Kommunistischen Partei Italiens während der sowjetischen Niederschlagung des Ungarnaufstands 1956 dreht. Dass sich die Partei damals nicht von der Sowjetunion distanzierte, will der Filmemacher kritisieren, muss aber auch erkennen, dass sich die Zeiten geändert haben. Denn jüngeren Mitarbeiter:innen ist überhaupt nicht mehr bewusst, dass die KPI in der Nachkriegszeit bis zum Zerfall der Sowjetunion in Italien eine wichtige Rolle spielte. Im Wandel befindet sich aber auch die Beziehung Giovannis zu seiner Ehefrau, die sich nach 40 gemeinsamen Jahren von Giovanni trennen möchte, aber bislang noch nicht den richtigen Zeitpunkt gefunden hat, es ihm zu sagen.
Mehr von einzelnen Szenen als von einer stringenten Handlung lebt diese sichtlich autobiografisch grundierte Komödie Nanni Morettis. Einzig durch ihn selbst in der Rolle seines in jeder Szene präsenten Alter Egos Giovanni wird dieses selbstreflexive Alterswerk zusammengehalten. Bitter könnte der Befund des Films angesichts der realen Verhältnisse sein, doch diese Rückschau bleibt immer leicht, warmherzig und versöhnlich. Das liegt nicht nur an den in warme Farben und warmes Licht getauchten Bildern von Kameramann Michele D'Attanasio, sondern auch an dessen frei bewegter Kamera, die sich bald in die Höhe erhebt, bald in langer Parallelfahrt Giovanni durch das Set des Studios folgt oder förmlich mit dem singenden Filmteam tanzt. Wenig fokussiert ist „Il sol dell'avvenire“ zwar in der ausufernden Erzählweise, aber ansteckend und berührend wird diese Komödie durch die in jeder Szene spürbare persönliche Leidenschaft und Menschenliebe Morettis.
Filmforum Bregenz im Parktheater Lindau: Do 26.3., 19.30 Uhr (ital. OmU.)

Weitere Filmkritiken, Streamingtipps, DVD-Besprechungen und Regisseur-Porträts finden Sie auf meiner Website www.film-netz.com.

Teilen: Facebook · E-Mail