Aktuell in den Filmclubs (19.6.–25.6.26) Walter Gasperi · Jun 2026 · Film
Das TaSKino Feldkirch zeigt diese Woche mit „Jeunes méres – Junge Mütter“ ein meisterhaftes Sozialdrama der Dardenne-Brüder. Beim Filmforum Bregenz steht dagegen im Kino Lindau mit „Melt“ ein bildmächtiger Dokumentarfilm auf dem Programm, in dem Nikolaus Geyrhalter dem weltweiten Rückgang von Schnee und Eis nachspürt.
Jeunes mères – Junge Mütter: Von der ersten Einstellung an ist man mittendrin in Jean-Pierre und Luc Dardennes, in Cannes 2025 mit dem Drehbuchpreis und dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnetem, dreizehnten Spielfilm. Hautnah folgt das belgische Regie-Duo in seinem Sozialdrama in Parallelmontage fünf Teenager-Müttern, die in einem Heim für minderjährige Mütter wohnen, durch ihren Alltag.
Ungeschminkt dokumentarisch ist der Blick. Auf Filmmusik wird ebenso verzichtet wie auf schnelle Schnitte. Vielmehr lassen die Dardennes ihren fünf großartigen Hauptdarstellerinnen in langen Einstellungen viel Raum. Ganz auf Augenhöhe mit diesen Teenagern sind die über 70-jährigen Meisterregisseure. Nahe Einstellungen dominieren, nur selten weitet sich der Blick durch eine Totale. Während die junge Naïma (Samia Hilmi) bald wieder aus dem Film verschwindet, als sie eine Praktikumsstelle als Zugbegleiterin bekommt, werden die Porträts von Jessica (Babette Verbeek), Perla (Lucie Laruelle), Julie (Elsa Houben) und Ariane (Janaïna Halloy Fokan) sukzessive verdichtet. Nichts wird breit ausgewalzt, sondern durch eher beiläufige Bemerkungen und Szenen weiten sich die Porträts zu einem dichten Bild schwieriger Lebensbedingungen und prekärer sozialer Verhältnisse, die diese Teenager geprägt haben. Hart prallen dabei Glücksmomente und Tiefschläge aufeinander, aber auch Solidarität im Heim und gegenseitige Unterstützung werden sichtbar. So nüchtern aber auch die Erzählweise ist, so mitfühlend ist doch der Blick der Dardennes. Ein klassisches Happy End kommt für sie nicht in Frage, sondern offen lassen sie „Jeunes mères – Junge Mütter“ enden, beschwören aber doch die Hoffnung, dass diese jungen Mütter einen Weg in die Zukunft finden und ihren Babys ein besseres Leben ermöglichen werden, als sie selbst es in ihrer Kindheit hatten.
TaSKino Feldkirch im Kino GUK: So 21.6. bis Do 25.6. (franz. OmU.)
Melt: Nachdem Nikolaus Geyrhalter in „Erde“ (2019) in monumentalen Bildern der Ausbeutung des Bodens nachspürte und in „Matter Out of Place“ (2022) Einblick in den Umgang mit Müll bot, widmet er sich in „Melt“ dem Schnee. Gemeinsam ist allen drei Filmen nicht nur, dass sie mit verschiedenen Schauplätzen einen Bogen um die ganze Welt spannen, sondern auch die für diesen Regisseur typische Inszenierung.
Lange statische und wortlose Totalen der Landschaften stehen in dem zwischen 2021 und 2025 gedrehten Dokumentarfilm neben kurzen Statements von in der jeweiligen Region lebenden oder arbeitenden Menschen. So gewaltige Schneemassen Geyrhalter, der auch selbst die Kamera führte, dabei im japanischen Tateyama einfängt und so endlos weit die Schneewüste um die deutsche Forschungsstation Neumayer 3 in der Antarktis auch ist, so ist doch überall der Rückgang des Schnees und der Klimawandel spürbar.
In gewohnter Manier bietet Geyrhalter aber keinen informationsreichen Dokumentarfilm, sondern setzt vor allem auf die Kraft seiner großartigen und sorgfältig kadrierten Bilder, denen er Zeit lässt, um zu wirken. Eher wenig bringen zwar ein Blick auf einen verschneiten Osttiroler Bergbauernhof und die Aussagen der Bäuerin über den Rückgang des Schnees, doch die Führung von Tourist:innen durch eine Gletscherhöhle des isländischen Vatnajökull, des größten Gletschers Europas, in dem auch im Winter die Eismassen tauen, bleibt ebenso haften, wie die Bilder vom Skizirkus in Val d'Isère.
Geyrhalter selbst beschränkt sich auf die Beobachterposition. Er meldet sich nur ganz selten mit Zwischenfragen zu Wort und erst ganz am Ende wird der warnende Gestus plakativ, wenn ein Forscher in der Antarktis ein drastisches Bild von den katastrophalen Folgen eines möglichen Schmelzens des Polareises zeichnet.
Filmforum Bregenz im Parktheater Lindau: Do 25.6., 19.30 Uhr – mehrsprachige OmU.
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