Aktuell in den Filmclubs (18.9. – 24.9.2026) Walter Gasperi · Sep 2026 · Film

Einen alten und einen modernen Klassiker bieten die Filmclubs diese Woche: Während der Filmkulturclub Dornbirn Vittorio de Sicas zeitloses Meisterwerk „Fahrraddiebe“ zeigt, steht im Skino Schaan in der Reihe „The Ones We Love“ Park Chan-wooks ebenso brillanter wie brutaler Thriller „Oldboy“ auf dem Programm.

Fahrraddiebe – Ladri di biciclette: Vittorio De Sicas 1948 entstandenes Meisterwerk ist der prototypische Film des italienischen Neorealismus. Klein gehalten ist die Geschichte um den arbeitslosen Antonio, der im Rom der Nachkriegszeit endlich einen Job als Plakatkleber gefunden hat. Als ihm schon am ersten Arbeitstag das Fahrrad, ohne das er seine Arbeit nicht verrichten kann, gestohlen wird, macht er sich mit seinem kleinen Sohn Bruno auf die Suche nach dem Dieb.
Immer noch entwickelt dieser Film durch den Dreh an Originalschauplätzen und die Laiendarsteller:innen eine quasidokumentarische Dichte. Allein durch eine Abfolge kleiner Szenen und Begegnungen zeichnen De Sica und sein Drehbuchautor Cesare Zavattini ein Bild der Not im Nachkriegsitalien, erzählen aber gleichzeitig auch bewegend von der Gleichgültigkeit der modernen urbanen Gesellschaft gegenüber dem Schicksal des Einzelnen, von großen gesellschaftlichen Gegensätzen und schließlich auch eine Vater-Sohn-Geschichte. Ohne es besonders zu betonen, machen De Sica und Zavattini dabei auch erfahrbar, wie sich die materielle Not auf persönliche Beziehungen auswirkt und sie belastet. Kritik wird aber auch an der Kirche geübt, wenn gegen einen Messbesuch ein Mittagessen ausgegeben wird, viel gebetet und gesungen wird, aber dem Notleidenden in seiner konkreten Situation so wenig geholfen wird wie von einer Wahrsagerin.
Nichts hat „Fahrraddiebe“ seit seiner Premiere vor 78 Jahren dank seines genauen Blicks für die Realität und der Empathie für die Schwachen von seiner emotionalen Kraft verloren. Immer noch muss man bewundern, wie De Sica/Zavattini anhand dieser einfachen und geradlinig erzählten Geschichte ein treffendes Bild der italienischen Nachkriegsgesellschaft zeichnen und wie sie Privates und Gesellschaftliches mit leichter Hand verknüpfen. Auch in seiner humanistischen Haltung ist dies zweifellos ein zeitloses Meisterwerk der Filmgeschichte.
FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 23.9., 18 Uhr + Do 24.9, 19.30 Uhr (ital. OmU.)

Oldboy: Scheinbar grundlos wird Oh Dae-su (Choi Min-sik) entführt und 15 Jahre lang in einem fensterlosen Ein-Zimmer-Appartement gefangen gehalten. Seine Entführer sieht er nie, das Essen wird durch einen schmalen Wandschlitz in die Zelle geschoben. – Und plötzlich ist es so weit: Oh Dae-su wird mit Gas betäubt und findet sich, als er erwacht, auf dem Dach eines Hochhauses. Die Welt aber ist ihm in den 15 Jahren fremd geworden. Wie Alexandre Dumas „Der Graf von Monte Christo“, auf den explizit Bezug genommen wird, treibt den koreanischen Geschäftsmann nur noch der Gedanke an Rache. Den Täter (Yoo Ji-tae) macht er zwar bald ausfindig, ihn zu töten wäre ein Leichtes, doch der Grund für seine Entführung bliebe dann im Dunkeln ...
Die Rachegeschichte mag an Quentin Tarantinos „Kill Bill“ erinnern, doch viele Motive und Einzelszenen weisen viel stärker auf eine Beeinflussung Park Chan-wooks durch die Filme David Finchers hin. Wie in „Seven“, „The Game“ oder „Fight Club“ ist die Welt in „Oldboy“ ein düsteres kafkaeskes Chaos, in dem der Mensch verloren ist. Einen blauen Himmel gibt es hier nicht, die Farben sind verwaschen, auf grau, blau und grün reduziert. Nur in der Schlussszene – im Moment der Erlösung – findet sich ein kraftvolles Rot.
Aufregend machen Chan-wooks Meisterwerk seine ständigen Wendungen ebenso wie seine ungewöhnlichen und überraschenden Einstellungen und seine Mischung von elegischer Musik und äußerster Brutalität. Doch bei aller Brutalität und bei allen Thrillerelementen ist „Oldboy“ auch ein philosophischer Film über die Verlorenheit des Menschen in einer unkontrollierbaren Welt und – in den Schlussszenen – eine intensive Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Weiterleben nach Verlust und Schuld und den Möglichkeiten von Sühne und Erlösung.
Skino Schaan: Do 24.9., 20.15 Uhr – koreanische OmU.

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