Aktuell in den Filmclubs (14.11. – 20.11. 2025) Walter Gasperi · Nov 2025 · Film
Am Spielboden Dornbirn bietet diese Woche der britische Spielfilm „Dreamers“ Einblick in die Gefühlswelt von Asylantinnen, die in ständiger Angst vor Abschiebung leben. In der Programmkinoschiene Kinothek extra in der Kinothek Lustenau wird dagegen mit Cédric Klapischs „Die Farben der Zeit“ ein schwungvoller Familienfilm gezeigt, der leichthändig zwischen Gegenwart und ausgehendem 19. Jahrhundert pendelt.
Dreamers: Joe Gharoro-Akpojotors von eigenen Erfahrungen inspiriertes Spielfilmdebüt setzt ohne Exposition mit der Einlieferung der jungen Nigerianerin Isio (Ronkẹ Adékoluẹjo) ins britische Abschiebezentrum Hatchworth ein. Diesen geschlossenen Raum wird "Dreamers" in den folgenden 78 Minuten nicht mehr verlassen. Mit beiläufigen Blicken auf Stacheldraht und Überwachungskameras wird dabei schon in den ersten Minuten ein Gefühl von Gefangenschaft vermittelt, aber auch Einblick in das Mobbing unter den Asylant:innen wird geboten. Scheint es zunächst keine Solidarität unter den Insassinnen, die in ständiger Angst vor negativem Asylbescheid und Abschiebung leben, zu geben, so entwickeln sich doch langsam Freundschaften. Vor allem Isio und ihre ebenfalls aus Afrika stammende Mitbewohnerin Farah (Ann Akinjirin) kommen sich näher und ihre Liebesbeziehung wird zum emotionalen Zentrum des Films.
Eindrücklich vermittelt Gharoro-Akpojotor in langen Einstellungen die Gefühle der zwischen Hoffen und Bangen zerrissenen Frauen, die mit Berufungen gegen die negativen Bescheide verzweifelt gegen die Abschiebung ankämpfen. Nicht nur in einer Erzählung Isios bei der Anhörung wird dabei Einblick in die Verfolgung, die ihr in ihrer Heimat als queere Frau droht, geboten, sondern mehr noch vermitteln kurze fragmentarische Alpträume ihre traumatischen Erfahrungen und Erinnerungen.
Verharmlost wird die bedrückende Situation von Asylantinnen allerdings durch die geschönte Schilderung der Bedingungen im Heim. Gepflegt wirken hier immer die Frauen, makellos ihre Gesichter, und es gibt nicht nur eine prächtige Bibliothek und ein doch recht komfortables Doppelzimmer, sondern zudem ist nahezu jede Einstellung in warmes Licht und kräftige Farben getaucht, die Optimismus und Lebensfreude verbreiten.
Auch die Verbindung von Asylschicksal und Liebesgeschichte kann nicht gänzlich überzeugen, dennoch ist dieses berührende Debüt aufgrund der Innensicht einer Welt, in die man sonst kaum Einblick bekommt, sehenswert.
Spielboden Dornbirn: Sa 15.11., 19.30 Uhr
Die Farben der Zeit: Völlig fremd sind sich zunächst vier Cousins, die als Vertreter einer weit verzweigten Familie das Haus einer vor Jahrzehnten verstorbenen Vorfahrin auf Wertsachen durchstöbern sollen. Bald lösen aber die Fotos und ein Gemälde, die sie dabei finden, Rückblenden aus, die sie in ihre verschüttete Familiengeschichte eintauchen lassen. Im Zentrum steht dabei die letzte Besitzerin des Hauses (Suzanne Lindon), die 1895 als junge Frau von Le Havre nach Paris aufbrach, um ihre Mutter zu suchen.
Mit dem staunenden Blick dieser Vorfahrin auf den noch neuen Eiffelturm oder auf die elektrische Beleuchtung der Avenue de l'Opéra beschwört Cédric Klapisch ebenso eindrücklich wie nostalgisch diese Umbruchs- und Aufbruchszeit und auch auf den schon aufkommenden Kinematographen wird gegen Ende hingewiesen. Hart aneinandergeschnitten werden dabei Gegenwart und Vergangenheit immer wieder, im Gegensatz zu klassischen Zeitreise- oder Multiverse-Filmen bleiben die Zeitebenen aber immer getrennt und nur in einem Drogenrausch tauchen die Cousins direkt in die Vergangenheit ein. Dafür spielt Klapisch leichthändig mit der Entwicklung der Kunst und der Bildproduktion, wenn die aufkommende Fotografie des späten 19. Jahrhunderts und die Anfänge des Impressionismus von einem rasanten Fotoshooting in der Gegenwart kontrastiert werden.
Mit dem Durchstöbern des Hauses wird aber nicht nur sukzessive die Familiengeschichte gelüftet, sondern über die Recherche entwickelt sich auch eine Freundschaft zwischen den Cousins. So feiert Klapisch familiäre Bande und Wurzeln, zeigt in seinem stimmungsvoll-sanften Sommerfilm aber auch, wie schnell es hier wieder zu Streit kommen kann, wenn es ums Geld geht.
Kinothek extra in der Kinothek Lustenau: Mo 17.11., 18 Uhr
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