Aktuell in den Filmclubs (13.3. – 19.3.2026) Walter Gasperi · Mär 2026 · Film

In der Vorarlberger Museumswelt in Frastanz wird diese Woche das starke österreichische Sozialdrama „Gina“ gezeigt. Im Kinotheater Madlen erinnert dagegen im Rahmen der „Aktionswoche gegen Rassismus“ Lars Kraumes zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielender Spielfilm „Der vermessene Mensch“ an den Völkermord der deutschen Kolonialmacht an den südwestafrikanischen Herero und Nama.

Gina: Ansatzlos wirft Ulrike Kofler die Zuschauer:innen in die Lebenswelt der neunjährigen Gina (Emma Lotta Simmer). Mit ihren zwei kleineren Brüdern lebt das Mädchen mit ihrer alleinerziehenden, hochschwangeren Mutter in einem Einfamilienhaus am Stadtrand von Wien. Detailliert fangen Kofler und ihr Kameramann Robert Oberrainer die desolaten Lebensverhältnisse ein. Nicht die Mutter Gitte (Marie-Luise Stockinger) kümmert sich hier um die Kinder, sondern vielmehr Gina muss sich um die Familie kümmern.
Aufgeräumt wird im Haus nur, wenn die Beamtin vom Jugendamt vorbeischaut. Ohne mit der Wimper zu zucken, erklärt Gina dann auch, dass die Mutter für sie und ihre Geschwister gut sorgt, verschiedenste Arten von Knödeln für sie kocht und sie immer genug zum Essen bekommen. Die Realität schaut aber anders aus: Der Kühlschrank ist meistens leer. Die Reste der Pizza, die der neue Freund der Mutter, der auch der Vater des noch ungeborenen Kindes ist, mitbringt, werden für Zeiten großen Hungers im Puppenwagen versteckt. 
Genau ist der Blick für Details, durch den die beklemmenden Verhältnisse verdichtet werden: Meist tragen Gina und ihre Geschwister die gleichen Kleider, beim Schulausflug stolpert sie mit Flipflops durch den Wald, während ihre Mitschüler:innen Turn- oder Wanderschuhe tragen und in das Schwimmbad verschaffen sich die Kinder durch ein Loch im Zaun Zutritt. Dennoch verurteilt Kofler die Mutter nicht. Sie beschränkt sich darauf zu zeigen und konzentriert sich weitgehend auf die Familie. Damit fehlt zwar die Einbettung in ein größeres Milieu, aber andererseits entwickelt „Gina“ durch diese Konzentration Dichte und mit dem Blick auf Ginas Großmutter (Gerti Drassl) und ihren Onkel, der im Heim aufgewachsen ist, wird auch die Frage aufgeworfen, ob Menschen dem Milieu, in das sie geboren wurden, entkommen können.
Vorarlberger Museumswelt, Frastanz: Fr 13.3., 18 Uhr + 20 Uhr (Deutsche Originalfassung)


Der vermessene Mensch: Lars Kraume erzählt in seinem erschütternden Spielfilm schonungslos aus der Täterperspektive vom Völkermord an den Herero und Nama (1904-1908) in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Im Mittelpunkt steht der fiktive Ethnologe Alexander Hoffmann (Leonard Scheicher), der Zeuge der Niederschlagung des Aufstands dieser indigenen Ethnien wird. Hoffmann lernt nicht nur die brutale Kriegsführung von General Lothar von Trotha kennen, der erklärt dass es keine Überlebenden geben soll, sondern sein Weg führt auch in ein Konzentrationslager, in dem die Gefangenen unter bedrückenden Verhältnissen dahinvegetieren.
So ist „Der vermessene Mensch“, dessen Titel doppeldeutig auf die mathematische Vermessung des Menschen wie auf menschliche Vermessenheit verweist, im Kern auch eine Reise ins Herz der menschlichen Finsternis. Dabei erzählt Kraume auch von einer Wandlung Hoffmanns, der zunächst als Philanthrop erscheint, sich aber sukzessive korrumpieren lässt. Vom Beobachter, der das Schlimmste verhindern will, wird er so immer mehr zum Mitläufer und schließlich auch zum Täter, der alle moralischen Grenzen überschreitet, um eine wissenschaftliche Karriere zu machen.
Kraume erzählt zwar konventionell, aber packend. Immer wieder neue Wendungen halten die Spannung hoch und Landschaftstotalen der afrikanischen Wüste bieten Augenfutter, ohne dass die Kraft dieser Bilder den ernsten Hintergrund vergessen lässt. Sichtbar wird aber auch nicht erst im Nachspann, dass schon um die Jahrhundertwende die Grundlagen der Rassentheorie der Nationalsozialisten gelegt wurden, und es wird auch daran erinnert, dass immer noch zahllose Schädel von Herero und Nama in deutschen Museen gelagert werden.
Kinotheater Madlen, Heerbrugg: Do 19.3., 17.30 Uhr (deutsch-otjiherero OmU.)

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