Aktuell in den Filmclubs (12.6.–18.6.26) Walter Gasperi · Jun 2026 · Film

Das Filmforum Bregenz zeigt diese Woche im Kino Lindau Markus Schleinzers meisterhaftes historisches Frauendrama „Rose“, in dem Sandra Hüller in der Titelrolle brilliert. Beim Stadtkino Hohenems steht dagegen in der cooltourszene Gianfranco Rosis aufwühlender Dokumentarfilm „Fire At Sea – Seefeuer“ auf dem Programm.

Rose: Mit einer Totalen eines verwüsteten und noch qualmenden Feldes sowie menschlichen Skeletten evoziert Markus Schleinzer knapp die Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs, in dem die fiktive Protagonistin (Sandra Hüller) als Soldat gedient hat. Aus dem Krieg kommt die Frau, die sich als Mann ausgibt, um in der Männergesellschaft akzeptiert zu werden, in ein Dorf, in dem sie mit einem Dokument ihren Anspruch auf einen verfallenen Hof durchsetzt. Trotz anfänglichen Misstrauens findet sie sich langsam in der Gemeinschaft ein, doch als sie ein benachbarter Großbauer drängt, eine von dessen Töchtern zu heiraten, droht ihre wahre Identität aufzufliegen.
Unterstützt von einer großartigen Sandra Hüller in der Titelrolle entwickelt Schleinzer ein ruhiges, aber sehr präzises historisches Drama. An die Stelle der strengen Stilisierung seines vorigen Films „Angelo“ (2018) tritt hier eine realistischere und fließende, gleichzeitig aber auch zurückhaltende Erzählweise. Nichts wird aufgebauscht, sondern in großartigen Schwarzweißbildern von Kameramann Gerald Kerkletz erzählt Schleinzer in langen statischen Einstellungen, dennoch entwickelt sein Film bewegende Kraft. 
Erschütternd deckt er anhand der Geschichte der Protagonistin die Unterdrückung der Frau in der von der Religion geprägten Gesellschaft auf und vermittelt bewegend den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung. Scharf kontrastiert wird das kurze Glück, das sich dabei durch weibliche Solidarität für eine kurze Zeit einstellt, durch die bald folgende drastische gesellschaftliche Repression. Dennoch lassen auch die letzten Szenen, die in der formalen Strenge an Carl Theodor Dreyers „La passion de Jeanne d'Arc“ erinnern, Rose trotz ihres Schicksals nie zum hilflosen Opfer werden, sondern durch ihre Unbeirrtheit ihre innere Unabhängigkeit und Selbstbestimmung bewahren.
Filmforum Bregenz im Kino Lindau: Mi 17.6., 19.30 Uhr (deutsche Originalfassung)

Fire At Sea – Seefeuer: Am Beginn von Gianfranco Rosis 2016 bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnetem Dokumentarfilm steht ein Insert zu Lage und Größe der Mittelmeerinsel Lampedusa sowie zum Ausmaß der Flüchtlingsströme und der Zahl der Opfer, die diese bislang forderten. Auf jeden Kommentar verzichtet Rosi im Folgenden. Er beschränkt sich auf die Rolle des geduldigen, sich jeder Position enthaltenden Beobachters und lässt dabei zwei unterschiedliche Aspekte aufeinanderprallen. 
Auf der einen Seite begleitet er den zwölfjährigen Samuele durch den Alltag. In langen, ruhigen Einstellungen zeigt er ihn beim Bau einer Steinschleuder, in der Schule, beim Gespräch mit dem als Fischer arbeitenden Vater oder beim Spaghettiessen. Auf der anderen Seite stehen Einsätze zur Rettung von Flüchtlingen, schildert ein Arzt, welche erschütternden Erfahrungen er dabei machte und dass er sich an die Toten nie gewöhnen werde. Rosi zeigt, wie Flüchtlinge fotografiert und perlustriert, Verletzte versorgt und auch – schwer zu ertragende Bilder – Tote geborgen werden.
Schockierend wirkt der Gegensatz von Idylle und Schrecken, gleichzeitig macht der italienische Filmemacher in der gleichwertigen Abfolge dieser gegensätzlichen Szenen deutlich, wie das eine neben dem anderen besteht, das ganz normale Leben neben dem Schrecklichen einfach weitergeht. So überzeugend „Fuocoammare“ – der Titel im Original bezieht sich auf ein Lied, das einmal im Radio gewünscht und gespielt wird – im ruhigen und genauen Blick aber auch ist, so sehr sind doch auch Redundanzen in der Schilderung von Samueles Alltag nicht zu übersehen. Lange wirken zwar die im Vergleich zu diesen Szenen sehr kurzen, aber zutiefst erschütternden Bilder von der Flüchtlingskatastrophe gerade durch den Kontrast nach, doch tiefere Einblicke vermittelt Rosi nicht.
Stadtkino Hohenems in der cooltourszene: Do 18.6., 19 Uhr (mehrsprachiges OmU.) Im Anschluss an den Film: Podiumsgespräch mit dem Ethnologen Gilles Reckinger, Professor an der Ostschweizer Fachhochschule St. Gallen und Privatdozent an der Universität in Graz.

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