Abschluss und Ausblick
Das Symphonieorchester Vorarlberg verabschiedete sich mit einem russischen Programm für fünf Monate von seinen Abonnent:innen und wird ab Juli im Rahmen der Bregenzer Festspiele sehr aktiv sein.
Michael Löbl ·
Apr 2026 · Musik
Das vergangene Wochenende stand kulturell ganz im Zeichen des Symphonieorchesters Vorarlberg. Am Samstag und Sonntag gab es die beiden letzten Abonnementkonzerte dieser Saison in Feldkirch und Bregenz, am Montagvormittag wurde dann im Rahmen einer Pressekonferenz im Casino Bregenz das neue Programm 2026/27 vorgestellt – das erste übrigens, das der neue Geschäftsführer Gerald Mair gestaltet hat.
Natürlich war auch Chefdirigent Leo McFall anwesend, nicht nur bei der Pressekonferenz, sondern auch im Konzert am Sonntag. Diesmal allerdings nicht auf der Bühne, sondern im Publikum. Das war sicherlich eine ungewöhnliche Erfahrung für den vielbeschäftigten Musiker, der neben seiner Position beim SOV auch als GMD des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden und als Chefdirigent in Thessaloniki tätig ist.
Russische Märchenmusik
Das sechste und letzte Zykluskonzert leitete der Russe Valentin Uryupin, der 2019 im Rahmen des Opernstudios der Bregenzer Festspiele P. I. Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“ dirigiert hat. Im Orchestergraben des Kornmarkttheaters saß das SOV, und Uryupins grandiose Gestaltung ist vielen Besucher:innen in Erinnerung geblieben. Wie damals ist er auch diesmal seinen Wurzeln treu geblieben, also in Russland vor Auflösung der Sowjetunion, als Aserbaidschan und Georgien noch Teile dieses riesigen Staatengebildes waren. Im ersten Teil gab es zwei Komponisten des 20. Jahrhunderts zu entdecken. Zunächst Gara Garayev aus Baku, der unter anderem bei Dmitri Schostakowitsch in Moskau studiert hat. Ausschnitte aus seinem Ballett „Die sieben Schönheiten“ eröffneten das Programm, seltsamerweise verzichtete man bei der Zusammenstellung auf den einzig bekannten Teil dieser Ballettsuite, nämlich den Walzer. Garayevs Musik überzeugt durch schöne Stimmungen und originelle Klangfarben, ist aber über weite Strecken etwas schlicht gehalten, was aber für russische Märchenmusik durchaus legitim ist.
Eine Partitur aus Puzzleteilen
Mit dem darauffolgenden Cellokonzert Nr. 2 des georgischen Komponisten Sulkhan Tsintsadze ist dem Solisten Maximilian Hornung eine echte Entdeckung gelungen. Der 1925 geborene Tsintsadze war eine bedeutende Figur des georgischen Kulturlebens als Cellist, Komponist und Pädagoge. Maximilian Hornungs ehemaliger Lehrer Eldar Issakadze hat dieses Cellokonzert gespielt und aufgenommen, von ihm bekam Hornung einen Klavierauszug und eine alte Schallplatte, die Orchesterpartitur aber musste in mühsamer Puzzlearbeit neu erstellt werden. Der Aufwand hat sich gelohnt, das zweite Cellokonzert Sulkhan Tsintsadzes ist ein bemerkenswertes Stück. Es ist in fünf Sätze bzw. Episoden aufgeteilt, das Solocello beginnt alleine bevor sich die Streicher allmählich ins Geschehen einbringen. Bald kommt es zu dramatischen Ausbrüchen, dramatischen Passagen und Ostinato-Rhythmen mit viel Schlagzeug und Bläsern. Das ist sehr intensive Musik, ebenso die vierte Episode, ein virtuoses Presto mit verschobenen Betonungen und Zitaten aus Camille Saint-Saëns erstem Cellokonzert. Es folgt ein Abgesang, eine leise, im höchsten Celloregister verklingende Coda. Das ist wirklich großartige Musik, meisterhaft instrumentiert und die enorme Ausdruckspalette des Solocellos voll auskostend. Leider hat das Werk in Episode zwei und der folgenden Kadenz einen leichten Durchhänger. Hier fällt die musikalische Substanz etwas ab und kann die Spannung der Episoden eins, vier und fünf nicht ganz durchhalten. Derzeit ist Maximilian Hornung der Einzige, der im Besitz der Noten ist. Sollte das Werk einmal verlegt werden, wird es interessant sein, zu beobachten, ob es einen Platz im Cellorepertoire erobern wird.
Ganz nah am perfekten Cellosound
Der Cellist Maximilian Hornung feierte 2026 nicht nur seinen 40. Geburtstag, sondern auch sein 20-jähriges Bühnenjubiläum in Vorarlberg, 2006 hat er als Solist beim SOV debütiert. Damals war er noch Student, seit 2017 unterrichtet er selbst nach einem kurzen Intermezzo am Feldkircher Landeskonservatorium an der Musikhochschule München. Im September 2025 spielte er erstmals als Solist mit den Berliner Philharmonikern. Beim Symphonieorchester Vorarlberg war er nun bereits zum fünften Mal zu Gast. Das technisch und musikalisch schwierige Konzert von Tsintsadze spielte er absolut überzeugend, man konnte spüren, dass es ihm ein persönliches Anliegen ist, dieses von ihm zu neuem Leben erweckte Werk dem Publikum zu präsentieren. Hornung verfügt über einen extrem präsenten Celloton, der sich mühelos bis in die hintersten Winkel des Festspielhauses ausbreitet und auch dick instrumentierte Passagen im Orchester überstrahlt. Das wird nicht durch klangliche Schärfe erreicht, sondern durch Fokus innerhalb eines wunderbar runden Klanges. Es scheint, als hätte Maximilian Hornung die goldrichtige Kombination des Obertonspektrums gefunden, ein Zusammenwirken von Spieler, Instrument und möglicherweise einem sehr erfahrenen Geigenbauer.
Orchestrales Feuerwerk
Nach der Pause, als letztes Stück der diesjährigen Abo-Saison, stand eine der farbigsten Partituren des gesamten Orchesterrepertoires auf dem Programm, Igor Strawinskys Suite aus dem Ballett „Der Feuervogel“. Wenn man jemandem, der mit klassischer Musik gar nichts am Hut hat, die Möglichkeiten eines Orchesters demonstrieren will, wäre der „Feuervogel“ eine hervorragende Wahl. Da ist wirklich alles drin, leise und lyrisch, knallig und virtuos, Soli für alle Instrumente von der Geige bis zum Xylophon. Strawinsky selbst hat aus seinem Ballett drei Suiten zusammengestellt, beim SOV hat man sich für die letzte aus dem Jahr 1945 entschieden. Sie enthält zwar um fünf Nummern mehr, als die häufiger gespielte Version von 1919, im Gegenzug hat Strawinsky das Orchester deutlich reduziert, möglicherweise um auch kleineren Orchestern eine Aufführung zu ermöglichen. Leider geht dadurch einiges an Volumen verloren, was bei diesem Werk die Gesamtwirkung ein wenig schmälert. Um eine Saison abzuschließen und dem Publikum gleichzeitig die neue schmackhaft zu machen, braucht man ein richtiges Orchester-Showpiece wie den „Feuervogel“. Valentin Uryupin kennt die Partitur in- und auswendig und konnte diese Souveränität auf das Orchester übertragen. Alle virtuosen, rhythmisch komplizierten Stellen gelangen makellos, Uryupin forderte dynamische Extreme und bekam sie auch. Ihm beim Dirigieren zuzusehen wäre auch ohne die dazugehörige Musik ein Genuss, seine natürliche Körpersprache und die klaren Impulse wirken absolut organisch und vollkommen unangestrengt. Das SOV glänzte durch zahlreiche Bläsersoli auf Weltklasseniveau, ab und zu vermisste man aber den Überwältigungs-Wumms, den diese Musik unbedingt braucht. Im Finale stellte sich dieses Gefühl dann plötzlich ein, alle Mitwirkenden gaben ihr Letztes und sorgten für einen fulminanten und würdigen Saisonabschluss.
Die Saison 2026/27
Bevor die nächste Saison am 26. September startet, ist das Symphonieorchester Vorarlberg zunächst bei den Bregenzer Festspielen gut beschäftigt. Die Aufgaben umfassen die Festmesse, das Projekt „Singalong am See“, eine Musiktheateruraufführung in der Werkstattbühne, Donizettis „Liebestrank“ im Theater am Kornmarkt und die traditionelle Orchestermatinee am 23. August. Langeweile kommt da nicht auf.
Eine von der Agentur Kapitel4 in Lustenau wunderschön gestaltete Broschüre stimmt auf die neue Saison ein. Kooperationen mit Vorarlberger bildenden Künstlern wie Harald Gfader oder Marbod Fritsch gibt es in diesem Jahr nicht. Wer unter 35 ist und sich für ein Abonnement in der ersten Kategorie interessiert, der hat es gut. Sechs Konzerte für 92 Euro! Das ist tatsächlich ein absolutes Schnäppchen. Lässt man sich allerdings bis nach dem 3. Juli Zeit und hat den 35. Geburtstag bereits gefeiert, für die oder den wird es richtig teuer: Dasselbe Produkt kostet nun sage und schreibe 428 Euro. Haben sich die Verantwortlichen das wirklich genau überlegt?
Kein Anruf aus dem Orchesterbüro
Im Abonnement findet man Orchesterhits wie Antonín Dvořák „Symphonie aus der Neuen Welt“ oder die Große C-Dur-Symphonie von Franz Schubert, Solokonzerte für Horn und Viola von Richard Strauss und William Walton aber auch Wiener Klassik und Raritäten wie die Sinfonietta op. 23 von Alexander Zemlinsky. Zum 70. Geburtstag des Komponisten Herbert Willi wird gleich zur Abo-Eröffnung sein Klarinettenkonzert „Ego eimi“ zu hören sein, mit jener Solistin, die bereits die Uraufführung gespielt hat: Sharon Kam. Zwei junge, hochinteressante Dirigentinnen werden beim SOV debütieren. Die aus Wien stammende Katharina Müllner, derzeit Erste Kapellmeisterin an der Deutschen Oper am Rhein, und die Polin Marzena Diakun, Chefdirigentin der Rheinischen Philharmonie Koblenz. Der langjährige Chefdirigent Gérard Korsten kommt wieder und wird das letzte Konzert im Mai leiten, auf dem Programm steht neben der Ersten Symphonie von Johannes Brahms das beliebte Tripelkonzert von Ludwig van Beethoven. Wäre das nicht die perfekte Gelegenheit gewesen, statt dem TrioVanBeethoven aus Wien einige der jungen Spitzenmusiker:innen aus der Region auf die Bühne zu bitten? Den Geiger David Kessler (Wiener Philharmoniker) oder den Cellisten Moritz Huemer (Berliner Philharmoniker) beispielsweise? Auch junge Pianist:innen aus Vorarlberg gäbe es mehrere, die sich über einen Anruf aus dem Orchesterbüro vermutlich gefreut hätten. Und der Kartenverkauf hätte ebenfalls davon profitiert.
Außer den Festspielen und dem Abonnement gibt es noch zahlreiche „Nebengeräusche“ im Programm des Orchesters, vom Projekt „Outreach“ über das Festival „texte & töne“, von Schulpartnerschaften bis zu einem Konzert in den „Lechwelten“ am Arlberg. Ein intensives Studium der Broschüre lohnt sich, der Kauf eines Abonnements selbstverständlich auch. Nicht nur für unter 35-Jährige …
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