Abschied mit Paukenschlag!
Aus dem Theater Kosmos wird das Schauspielhaus Bregenz
Dagmar und Heinz Franziska Ullmann-Bautz · Okt 2026 · Theater

Ein Abend voller Erinnerungen, Humor und Emotionen – und eine Überraschung, mit der wohl kaum jemand gerechnet hatte. Nach 30 Jahren verabschieden sich Hubert Dragaschnig und Augustin Jagg von ihrem Theater Kosmos. Ihr Nachfolger Josef Maria Krasanovsky kündigt nicht nur einen künstlerischen Neubeginn an, sondern gleich einen neuen Namen.

Es hätte ein Abend werden können, an dem vor allem zurückgeblickt wird. Auf drei Jahrzehnte Theaterleidenschaft, unzählige Geschichten und ein beeindruckendes Stück Vorarlberger Kulturgeschichte. Doch wer am Freitag, dem 23. Oktober, im gut besuchten Theater Kosmos in Bregenz Platz genommen hatte, erlebte weit mehr als eine nostalgische Abschiedsfeier. Denn während zwei Theaterpioniere ihren gemeinsamen Abschied als Intendanten zelebrierten, wartete bereits die nächste Überraschung hinter dem Vorhang.

Zwei Theatermacher, eine Vision und 30 Jahre Leidenschaft

1996 war es eine ebenso mutige wie ungewöhnliche Idee: Hubert Dragaschnig und Augustin Jagg wollten in Bregenz einen Ort schaffen, an dem Theater abseits ausgetretener Pfade möglich sein sollte. Zeitgenössische Dramatik, gesellschaftliche Reibungsflächen und neue künstlerische Handschriften sollten hier ihren Platz finden.
Die Anfänge waren bescheiden. In der ehemaligen Benger-Fabrik nahm das Abenteuer seinen Lauf, anschließend wurde die Hinterbühne des Festspielhauses zur Spielstätte. Mit „Der Disney Killer“ von Philip Ridley feierte das Theater Kosmos 1996 eben dort seine erste wegweisende und äußerst erfolgreiche Produktion. Seit 2005 ist das Kosmos im Schoeller-Areal im Bregenzer Vorkloster zu Hause.
Was aus dieser Initiative entstand, kann sich sehen lassen: Rund 150 Produktionen, darunter etwa 100 Ur- und österreichische Erstaufführungen, stehen für eine bemerkenswerte Bilanz. Vor allem aber wurde das Kosmos zu einer unverwechselbaren Adresse für anspruchsvolles Gegenwartstheater. Zu einem Haus, das seinem Publikum etwas zutraute, unbequeme Fragen stellte und immer wieder den Blick über den vertrauten Horizont hinaus wagte.

Eine Doppelconférence mit Charme und feinem Humor

Wie sehr dieses Theater von seinen beiden Gründern geprägt wurde, zeigte sich an ihrem Abschiedsabend auf besonders liebenswürdige Weise. Statt pathetischer Rückschau boten Dragaschnig und Jagg eine wunderbar eingespielte Doppelconférence. Mit Witz, Selbstironie und unverkennbarer Vertrautheit ließen sie die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren. Da wurden Erinnerungen lebendig, Anekdoten ausgepackt und manche Hürde der Theatergeschichte mit einem Augenzwinkern betrachtet.
Natürlich durfte auch die offizielle Würdigung nicht fehlen. Walter Rhomberg, Kulturstadtrat Reinhold Einwallner, Vizebürgermeister Roland Frühstück, Kulturlandesrätin Barbara Schöbi-Fink und Martina Feurstein, Obfrau des Klub Kosmos, gehörten zu jenen, die den beiden Theatermachern ihre Anerkennung aussprachen.
Für den musikalischen Glanz sorgte ein ausgezeichnetes Trio: Herwig Hammerl an Kontrabass und E-Bass, Theresia Natter am Klavier und mit Gesang sowie Stefan Greussing am Schlagzeug. Ihre Musik verlieh dem Abend zusätzliche Leichtigkeit und atmosphärische Tiefe.
Schließlich erhob sich das Publikum. Minutenlanger Applaus im Stehen würdigte nicht nur zwei beeindruckende Künstlerpersönlichkeiten, sondern auch ein Lebenswerk, das die Vorarlberger Theaterlandschaft nachhaltig verändert hat.

Und plötzlich steht auch der Name auf dem Spiel

Doch dann wechselte die Dramaturgie des Abends überraschend die Richtung. Josef Maria Krasanovsky, der ab 2027 die künstlerische Verantwortung übernimmt, betrat die Bühne und sorgte für jenen Moment, der dem Publikum wohl besonders in Erinnerung bleiben wird: Das Theater Kosmos erhält einen neuen Namen.
Ab Jänner 2027 soll das Haus Schauspielhaus Bregenz heißen. Eine Ankündigung mit Sprengkraft. Schließlich verschwindet damit eine Bezeichnung, die längst zum festen Bestandteil der Vorarlberger Kulturlandschaft geworden ist.
Dass dieser Schritt auch bei den scheidenden Intendanten nicht ausschließlich Begeisterung auslöste, wurde an diesem Abend keineswegs verschwiegen. Jagg und Dragaschnig räumten offen ein, wie schwer es ihnen fällt, sich von dem vertrauten Namen zu trennen. Besonders Dragaschnig ließ humorvoll durchblicken, dass ihn die Nachricht zunächst gehörig aus der Fassung gebracht hatte. Verständlich. Wer drei Jahrzehnte lang ein Theater aufgebaut, geprägt und durch alle Höhen und Tiefen begleitet hat, verbindet mit dessen Namen weit mehr als eine Marke.
Und doch könnte gerade dieser radikale Schnitt eine kluge Entscheidung sein. Das Theater Kosmos trägt unverkennbar die Handschrift seiner Gründer. Ein neuer Name eröffnet Krasanovsky die Möglichkeit, eine eigene künstlerische Identität zu entwickeln, ohne ständig am Erbe seiner Vorgänger gemessen zu werden.

Ein neues Kapitel mit vertrauten Wurzeln

Der 1976 in Salzburg geborene Regisseur und Autor ist in der Vorarlberger Theaterszene kein Unbekannter. Für seinen Theatertext „Mondmilch trinken immer und jetzt / dein Solarplexus ist mir egal“ erhielt er 2023 den Autorenpreis der Österreichischen Theaterallianz. 2024 inszenierte er das Stück im Rahmen der Bregenzer Festspiele. Krasanovsky bringt Erfahrung aus zahlreichen Theaterhäusern und ein ausgeprägtes Interesse an Gegenwartsdramatik mit. Sein Anspruch ist es, das künstlerische Profil des Hauses weiterzuentwickeln und insbesondere neuen Stimmen auf der Bühne Raum zu geben. Der Wechsel verspricht also keineswegs die Abkehr von allem Bisherigen. Vielmehr könnte aus der Verbindung von gewachsener Theatertradition und neuen Ideen etwas Eigenständiges entstehen.
Lange müssen Neugierige nicht warten: Im Februar 2027 will Krasanovsky seinen ersten Spielplan vorstellen. Bereits im April wird das Schauspielhaus Bregenz seine erste Premiere feiern.
So wurde aus einem Abend des Abschieds zugleich ein Abend des Aufbruchs. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge, mit Musik, großen Gefühlen und einer ordentlichen Portion Theaterhumor. Der Name Kosmos wird verschwinden. Was bleibt, sind 30 Jahre Theatergeschichte – und die spannende Frage, welche Geschichten unter dem neuen Namen entstehen werden.
Eines jedenfalls haben Dragaschnig und Jagg eindrucksvoll bewiesen: Wer Theater mit Leidenschaft, Mut und Beharrlichkeit betreibt, kann weit mehr bewegen als nur die Menschen im Zuschauerraum.

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