Lisa Schrammel als Göttin Dionysa (Foto: Dietmar Mathis)
Sophie G. Gruber · 04. Aug 2025 · Musik

Der Regenguss als Bühne

Impressionen vom Szene Open Air 2025

Trotz Dauerregen und Schlamm lieferte das Szene Open Air am vergangenen Samstag musikalische Höhepunkte und emotionale Kontraste: Christina Stürmer mit ihrem neuen, authentischen Unplugged-Programm und die Fäaschtbänkler, die das Publikum mit einem musikalischen Feuerwerk und akrobatischen Einlagen begeisterten. Ein Abend, der bewies, dass sich musikalisches Können von keinem Wetter trüben lässt.

An diesem Samstag beim Szene Open Air in Lustenau war das Wetter nicht einfach nur eine Begleiterscheinung. Es war ein Regisseur, der seine nasse Hand über das Geschehen legte. Es goss, es nieselte, der Boden verwandelte sich in eine schlammige, rutschige Masse. Doch genau diese unwirtlichen Bedingungen schienen die musikalischen Darbietungen noch zu verstärken. Der Regen wurde zur Metapher. Er spülte nicht nur den Schlamm von den Schuhen, sondern auch die Grenzen zwischen den Genres durch. 
Die musikalische Bandbreite des Tages war enorm. Von den jazzigen Klängen des Jazzseminars Lustenau über den deutsch-italienischen Pop von Gigi und die Hyperpop-Sounds von Zsá Zsá bis hin zur brachialen, drückenden Schwere des Metals von The Browning. Doch zwei Acts stachen heraus, nicht nur musikalisch, sondern auch in ihrer grundlegend unterschiedlichen Herangehensweise an Bühne und Publikum: Christina Stürmer und die Fäaschtbänkler.

Das stille Wasser, das die Musikindustrie besiegt

Man kennt Christina Stürmer als Powerfrau, die auf großen Bühnen Stadien füllt. Doch an diesem regennassen Samstag präsentierte sie sich auf der Alter-Rhein-Bühne von ihrer intimeren Seite. Sie war mit einem neuen Unplugged-Programm angereist und stellte dabei ihre aktuelle Single „Ein halbes Leben“ vor. Das Set war durchdrungen von einer berührenden Authentizität. Stürmer wirkte nahbar, verletzlich und gleichzeitig unglaublich stark. Ein Moment stach besonders hervor, als sie auf ihre Entdeckung bei Starmania vor 23 Jahren zu sprechen kam. Eine Aussage, die mehr als eine Anekdote war. Sie ist ein Kommentar zu einer Musikindustrie, die schnelllebigen Hypes mehr Bedeutung als nachhaltiger Kunst beimisst. Der damalige Sieger, Michael Tschuggnall, verschwand nach relativ kurzer Zeit aus der Öffentlichkeit, während Christina Stürmer eine Karriere aufbaute, die seit über zwei Jahrzehnten auf höchstem Niveau funktioniert. Der ORF wollte damals einen Sieger, keinen Star. Aber Christina Stürmer, die starke Frau mit dem unerschütterlichen Selbstverständnis, hat der Industrie getrotzt und gewonnen. Ihr Auftritt war nicht nur ein Konzert, sondern das Zeugnis einer Frau, die ihren eigenen Weg gefunden hat – abseits der Strömungen, die andere mit sich reißen. Ihr Auftritt, so sanft er auch daherkam, war ein Statement von ungeheurer Kraft.

Der tosende Fluss der Lebensfreude

Nach der emotionalen Tiefe von Christina Stürmer brauchte das Publikum auf derselben Bühne eine Art Weckruf. Und genau den lieferten die Fäaschtbänkler. Sie starteten ihr Set mit dem mittlerweile legendären „25 Genres“-Medley, das sie in gewohnt perfekter Manier präsentierten. Faszinierend zu beobachten war, wie ein Medley, das ursprünglich für die sozialen Medien konzipiert wurde, live und mit voller Wucht funktioniert. Die Fäaschtbänkler scheinen eine ganz eigene Liga zu spielen. Es geht ihnen nicht mehr darum, ob sie in den schrägsten Turnstellungen noch die richtigen Töne treffen – das setzen sie sich selbst als Grundvoraussetzung. Ihre musikalische Perfektion im Querbeet-Spielen ist eine Kunst für sich, und es scheint nichts zu geben, was sie nicht können.
Ihr Auftritt war ein einziges Feuerwerk, eine Stunde purer Festival-Energie. Gefühlsbetontes wie „Ein Leben lang“ suchte man vergeblich, aber es hätte in dieser euphorischen Stimmung wohl auch nicht gepasst. Stattdessen gab es einen unerwarteten Höhepunkt, als sich die Musiker auf eine Wanderung begaben. Von der Hauptbühne ging es auf die gegenüberliegende, kleinere Bühne. Das dicht gedrängte Publikum machte respektvoll Platz – wie das in diesem Schlamm-Chaos möglich war, bleibt ein Rätsel. Mit dabei war auch die „Fäschti-Drum“, eine Gruppe von 27 Schlagzeugerinnen und Schlagzeugern aus den Rheintaler Guggenmusiken, die beim Song „Eskalation“ für eine zusätzliche Welle der Ekstase sorgte. 
Zum Schluss gab es noch einen humorvollen Augenschmaus. Die Band versuchte sich in knallorangenen Anzügen mit artistischen Turnübungen. Ein passender Abschluss für ein Konzert, das sich anfühlte wie ein tosender Fluss – unaufhaltsam, mitreißend und voller Lebensfreude.

https://www.szeneopenair.at/