Vor den Vorhang: Walter Gasperi
40 Jahre KULTUR: Langjährige KULTUR-Schreiber:innen kurz vorgestellt
Peter Füssl · Sep 2026 · Jubiläum

Als Lateinlehrer kennt man Walter Gasperi vorwiegend im Bregenzerwald, wo er bis zu seiner Pensionierung am BORG Egg unterrichtet hat. Als Filmfachmann (seine Website film-netz.com ist sehr zu empfehlen) und ehrenamtlichen Kurator bei diversen Filmclubs kennt man ihn im ganzen Land. Seit 2000 ist Gasperi auch journalistisch tätig, seine ersten KULTUR-Artikel sind im Juli/August-Heft 2001 zu finden – über das Filmprogramm der poolbar und ein Interview zur Alpinale. Drei Jahre lang arbeitete Walter Gasperi auch direkt in der Redaktion mit.

Peter Füßl: Wie bist du zum Cineasten geworden, gibt es ein Schlüsselerlebnis?
Walter Gasperi: Ein Saulus-Paulus-Schlüsselerlebnis gab es da nicht, das Interesse hat sich im Teenageralter sukzessive entwickelt. Aber Coppolas „Apocalypse Now“ und Ridley Scotts „Alien“ waren damals schon prägende Kinoerlebnisse, dazu kamen Klassiker von Hitchcock und Co. im Fernsehen. Zum Filmgenuss kam dann zunehmend das Studium von Filmbüchern zur Filmgeschichte und zu Regisseuren.
Füßl: Was macht für dich einen guten Film aus? 
Gasperi: Beeindruckend finde ich immer die Filme, die völlig neue und unerwartete Wege gehen, wie in den letzten Jahren beispielsweise Óliver Laxes „Sirāt“, Mascha Schilinskis „In die Sonne schauen“ oder zuletzt auch Kristen Stewarts „The Chronology of Water“. Andererseits kann mich aber auch ein ganz klassischer, vielleicht sogar altmodischer Film begeistern wie Richard Linklaters „Blue Moon“ oder Clint Eastwoods „Juror #2“.
Füßl: Gibt es Genres, die du besonders magst, oder Lieblingsregisseure?
Gasperi: Den klassischen Film noir finde ich besonders interessant, weil er mit seiner Abgründigkeit das klassische Hollywood-Kino untergräbt. Lieblingsregisseur:innen gibt es viele, von den aktuellen würde ich da Jonathan Glazer, Ryusuke Hamaguchi oder auch Paul Thomas Anderson an erster Stelle nennen.
Füßl: Wenn man deine Website mitverfolgt, fragt man sich, wie viele Filme du dir pro Woche anschaust.
Gasperi: In der Regel werde ich wohl auf drei bis vier Kinobesuche pro Woche kommen, wobei ich mir die meisten Filme im Skino Schaan oder im Kinok in St. Gallen anschaue.
Füßl: Einen Film anzuschauen, ist das eine, aber worin bestehen die Tücken, darüber zu schreiben?
Gasperi: Eine Schwierigkeit sehe ich in der Flüchtigkeit der Bilder. Da kann man leicht etwas übersehen oder falsch sehen, und Ziel sollte es doch immer sein, dem Film mit der Rezension möglichst gerecht zu werden.
Füßl: In Vorarlberg gab es ein großes Kinosterben. Wie siehst du die Situation heute?
Gasperi: Das Cineplexx Hohenems ist eine fixe Größe für das kommerzielle Kino. Bei den Kleinkinos ist die Lage sehr labil und eine langfristige Zukunft scheint mir nicht gesichert. Problem sehe ich auch darin, dass die lokalen Kinobetreiber teilweise nicht gerade große cineastische Leidenschaft an den Tag legen. 
Füßl: Wie wichtig sind da die Filmclubs?
Gasperi: Die Filmclubs sind in Vorarlberg seit Jahrzehnten weitgehend der einzige Garant für ein kontinuierliches Angebot an eigenwilligeren Filmen und Vorführungen in Originalfassung mit Untertiteln. Wenig erfreulich ist freilich ihre Abhängigkeit von den kommerziellen Kinos, denn mit deren Stillstand oder Schließung fällt auch der Filmclub weg. Das sah man vor ein paar Jahren in Feldkirch und sieht man derzeit in Bregenz. Für Stabilität könnte hier nur ein unabhängiges Programmkino sorgen, das sich zentral im Rheintal befinden müsste, da kaum jemand für einen Kinobesuch mehr als 15 bis 20 Kilometer fährt. 
Füßl: Wo bist du als Kurator überall dabei?
Gasperi: Beim FKC Dornbirn und bei der Filmgruppe des Spielboden arbeite ich mit. Für den Bludenzer Verein allerArt programmiere ich die LeinwandLounge, die sehr gut läuft, und die letzten zwei Jahre auch in Lustenau die Programmkinoschiene „Kinothek extra“.
Füßl: Könnte es ein Kino-Revival geben – analog zur Schallplatte im Musikbereich?
Gasperi: An ein spektakuläres Revival glaube ich eher nicht. Ich denke aber doch, dass es weiterhin das kommerzielle Kino auf der einen Seite geben wird, und auf der anderen Seite ein künstlerisch anspruchsvolles und gesellschaftlich relevantes Kino, das freilich wie andere kulturelle Sparten von der öffentlichen Hand entsprechend gefördert werden muss.
Füßl: Womit verbringst du deine Zeit, wenn du dir nicht gerade einen Film anschaust oder über einen schreibst? Als Lehrer bist du ja auch schon pensioniert.
Gasperi: Da lese ich oder muss an die frische Luft und mich körperlich betätigen, gehe also wandern.
Füßl: Was fällt dir zu „40 Jahre KULTUR“ ein?
Gasperi: Die unglaubliche Kontinuität, die Ausführlichkeit der Vorberichte und der ziemlich umfassende Überblick über das Kulturgeschehen im Land, aber auch die gesellschaftskritischen Positionen, die immer wieder bezogen werden und die zahlreichen aktuellen Rezensionen auf der Homepage.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Mai 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

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