Vor den Vorhang: Silvia Thurner
40 Jahre KULTUR: Langjährige KULTUR-Schreiber:innen kurz vorgestellt
Peter Füssl ·
Sep 2026 · Jubiläum
Die in Alberschwende lebende Musik- und Erziehungswissenschaftlerin Silvia Thurner ist Leiterin der von ihr 1998 gegründeten Musikdokumentationsstelle des Landes Vorarlberg (mudok.at). Sie zählt zu den fundiertesten Kennerinnen in den Bereichen Klassik und zeitgenössische Musik und verbindet ihre Konzertbesuche seit vielen Jahren mit ihren journalistischen Aktivitäten (früher auch in den VN).
Füßl: Dein erster KULTUR-Artikel ist im November 1993 erschienen und befasste sich mit der Kompositionstechnik des 2025 verstorbenen Schlinser Komponisten Gerold Amann. Über ihn hattest du deine Diplomarbeit und deine Dissertation geschrieben. Was machte ihn zur Ausnahmeerscheinung?
Thurner: Gerold war eine ebenso kritische wie humorvolle und ideenreiche Künstlerpersönlichkeit. Er brachte Natur- und Umweltbeobachtungen originell, unangepasst und überzeugend zum Klingen. Von ihm habe ich sehr viel gelernt.
Füßl: Du hast 1998 die Musikdokumentationsstelle Vorarlberg gegründet: Was waren deine Beweggründe und wie schaut die Zukunft aus?
Thurner: Im Zuge meiner wissenschaftlichen Arbeiten habe ich festgestellt, dass die bildenden Künstler:innen und auch die Schriftsteller:innen des Landes in Vereinigungen organisiert sind, die Komponist:innen jedoch nicht. Das wollte ich ändern und eine Einrichtung installieren, in der Kompositionen einen Ort der Wertschätzung finden und das Musikschaffen im Land dokumentiert wird. Mit den derzeit in der Kulturabteilung Verantwortlichen gibt es ein gutes Einvernehmen. So habe ich Anfang 2026 wieder den Zuschlag zur Koordination für die nächsten drei Jahre erhalten.
Füßl: Grundsätzlich gefragt: Was macht eine gute Komposition, was macht ein gutes Konzert aus?
Thurner: In meiner Wahrnehmung sind die zugrunde liegenden Ideen, dem Werk entsprechende Proportionen im Kleinen und im Großen sowie die musikalische Authentizität bedeutend. Und selbstverständlich ist das Handwerk wichtig. Im Konzertbetrieb wünsche ich mir eine durchdachte Werkauswahl und Werkdeutungen, die die Intentionen der Komponist:innen zum Ausdruck bringen und nicht persönliche Eitelkeiten der Interpret:innen bedienen. Das ist nicht selbstverständlich.
Füßl: Du schreibst über Klassik, zeitgenössische Musik, Jazz. Gibt es Präferenzen?
Thurner: Ich freue mich über originelle Werkideen, die mit musikalischen Ausdrucksformen unserer Zeit realisiert werden und mag spektrale Musik sowie komplex verarbeitete, polyphone Strukturen besonders gern. Im Bereich der tradierten Musik gilt meine große Liebe dem romantischen Lied sowie dem klassischen Streichquartett.
Füßl: Wie kann man der zeitgenössischen Musik ein größeres Podium verschaffen?
Thurner: Sehr wichtig wären viele Aufführungen, um dem Publikum mannigfaltige Hörerfahrungen zu bieten. Leider muss ich im Konjunktiv sprechen, weil sich viele Veranstalter:innen und Musiker:innen mutlos aus der Verantwortung ziehen. Dahinter stehen auch finanzielle Gründe. Deshalb bin ich dafür, dass Subventionsgelder des Landes möglichst gezielt auf das zeitgenössische Musikschaffen konzentriert werden. Es braucht auch ein Umdenken: Viele meinen, Musikdarbietungen sollen allein der seelischen Erbauung dienen. Doch das greift zu kurz. Musik soll auch Unangenehmes thematisieren und aufrütteln.
Füßl: Wie haben sich die Ausbildungsmöglichkeiten hierzulande in den letzten 30 Jahren entwickelt?
Thurner: Das Musikschulwesen in Vorarlberg ist hervorragend aufgestellt. Daraus sind zahlreiche international sehr erfolgreiche Musiker:innen hervorgegangen. Doch die Ausbildung an der Stella Vorarlberg Privathochschule für Musik ist unbefriedigend. Unakzeptabel finde ich, dass eine Institution, die sich Musikhochschule nennt, keine Kompositionsklasse führt und sich vorwiegend auf die Reproduktion tradierter Musik beschränkt. Seit dem Weggang von Benjamin Lack gibt es nicht einmal mehr ein fixes Ensemble für zeitgenössische Musik. Vor 20-30 Jahren wehte noch ein ganz anderer Wind.
Füßl: Was sind deine Aktivitäten jenseits der Musik?
Thurner: Da gibt es viele: Ich bin eine begeisterte Hundeliebhaberin und oft in der Natur unterwegs. Sehr gerne musiziere ich selbst, die Literatur interessiert mich, und Kochen finde ich eine kreative Beschäftigung. Die Auseinandersetzung mit den Lebenswelten unserer erwachsenen Kinder spornt mich an. Fast alle Tage sind mir zu kurz.
Füßl: Was fällt dir zu „40 Jahre KULTUR“ ein?
Thurner: Die Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft bot immer eine Plattform für kulturelle Debatten und ist deshalb wichtig für das geistige Klima im Land. Sie agierte in der Vergangenheit bewundernswert hellhörig, kritisch und, wenn nötig, unbequem. Dieses markante Profil wünsche ich mir auch für die Zukunft.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR April 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.