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20.01.2012 |  Dagmar Ullmann-Bautz

Minimalistisches Bild mit großen Emotionen – Schiller-Premiere am Vorarlberger Landestheater

Das Vorarlberger Landestheater zeigte am Donnerstagabend Schillers „Kabale und Liebe“ – als Experiment, als Laboranordnung unter der Regie von Katja Lehmann. Das Interesse an Klassikern ist groß und so spielte die Premiere vor einem sehr gut verkauften Haus. Friedrich Schillers Trauerspiel ist die Aufarbeitung seines eigenen schmerzlichen Erlebens. Die Kluft zwischen Bürgertum und Adel war unüberwindbar zur damaligen Zeit. Die Intrigen, die die Mächtigen spannen, waren grausam und menschenunwürdig. Aber auch das Bürgertum spielte mit, unterwarf sich duldend den Machenschaften und dem Despotismus der Herrschenden.

Schiller betrachtete das Theater als Ort der Aufklärung, als moralische Instanz – er wollte aufzeigen, anklagen, das Publikum erziehen und bilden. Mit „Kabale und Liebe“ schuf Schiller ein sehr zeitkritisches, ein rebellisches Stück. Seine Anklage beschränkte sich nicht nur auf die Intrigen und die Standeskluft – die Ungerechtigkeiten und die Willkür der Mächtigen, ihre Verschwendungssucht, der Menschen- bzw. Soldatenhandel, mit dem die Fürsten sich ihre Ausschweifungen finanzierten, das Mätressenwesen baute der Autor um die Geschichte der Liebenden Ferdinand und Luise. Einer Liebe, die unmöglich ist, ist doch Ferdinand der Sohn des Präsidenten und Luise nur die Tochter des Musikers Miller. Einer Liebe, die an den äußeren Umständen zerbricht, aber auch an der eigenen Selbstsucht.

Inszenierung mit Laborcharakter

Thomas Wörgötter hat einen reduzierten Raum geschaffen, eine Art Labor, wo verschiedenste Versuchsanordnungen genauestens unter die Lupe genommen, beleuchtet werden. John Badhams Militärroboter Nummer 5 kommt einem in den Sinn, wenn man die beiden beherrschenden Bühnenelemente betrachtet. Zwei Scheinwerfer, wie große Augen auf ein bewegliches galgenartiges Gestell montiert, beleuchten jede Szene genau und erzählen auch in ihrer jeweiligen Position und Ausrichtung, in welchem gesellschaftlichen Umfeld sich das Spiel gerade befindet. Die einheitlich hellen Kostüme unterstreichen den Laborcharakter. Die unterschiedlichen Wesensarten und gesellschaftlichen Stellungen erklären sich durch fein ausgewählte Accessoires.

Luise berührt – Ferdinand mit Licht und Schatten

Ist das Bild auch sehr statisch, die inneren Zustände der Figuren sind von Regisseurin Katja Lehmann sehr genau und kräftig herausgearbeitet worden. Orkanartig fegen die Leidenschaften über die Bühne. Ludwig Bergers Musik bekräftigt die inneren Zustände eindeutig, aber auch unaufdringlich – ähnlich guter Filmmusik. Lehmann hat auch großes Augenmerk auf Schillers Sprache gelegt, die sehr genau und bis auf eine Ausnahme von allen Schauspielern mit einer spielerischen Leichtigkeit und Transparenz über die Rampe kommt. Leider ist es gerade Ferdinand (Lukas Kientzler), bei dem die Artikulation etwas mühsam wirkt. Auch die große leidenschaftliche, alles verzehrende Liebe ist nicht wirklich zu spüren, wohingegen er zum Schluss in seiner Wut, Eifersucht und dem Leid zu überzeugen weiß. Indessen berührt Olga Wäscher als Luise von Anfang an in ihrer zarten Gestalt mit einer unbändigen Kraft und einer sichtbaren, ja geradezu spürbaren Zerrissenheit. Ein wunderbares Paar – Martin Olbertz und Helga Pedross – als Eltern von Luise. Beide zeigen ein großes Spektrum an Emotionen, durch die sie geradezu gepeitscht werden. Eine exzellente Charakterstudie eines Despoten präsentiert Stefan Maaß als Vater von Ferdinand, Präsident von Walter. Als Fels in der Brandung überzeugt Mario Plaz als Kammerdiener mit stoischer Ruhe.

Viele eindrucksvolle Momente

Großartig Andreas Jähnerts clowneske Darstellung des Hofmarschalls von Kalb, der als geschwätziger, heuchelnder und nur auf Äußerlichkeiten bedachter Höfling den gesamten höfischen Lebensstil personifiziert. Lady Milford, die Mätresse des Fürsten, verkörpert gleichzeitig beide Welten – die des Bürgertums und des Adels. Sie ist eine Frau mit moralischen Werten, die sie in dieser Form aber nicht zu leben im Stande ist. Laura Louisa Garde spielt höchst eindrucksvoll diese von Sehnsucht erfüllte und von der Realität überrollte Frau, fein unterstützt wird sie dabei von Alexandra Maria Nutz als Kammerjungfer Sophie. Als rücksichtslos, unmenschlich, absolut skrupellos erweist sich der Sekretär des Präsidenten, der eigentliche Initiator der niederträchtigen Intrige gegen die Liebe. Der in seiner Bösartigkeit gefangene Wurm wird einfach grandios dargestellt von Alexander Julian Meile.
Ein Theaterabend mit sehr vielen eindrucksvollen, spannenden, berührenden Momenten, mit einem hinreißenden Ensemble und ästhetisch schönen Bildern geht nach etwas zu langen drei Stunden zu Ende und erntet viel Applaus.

Ein emotionsgeladenes, kraftvolles Ensemble – Olbertz, Pedross, Maaß, Kientzler, Wäscher

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Olga Wäscher und Lukas Kientzler alias Luise und Ferdinand: eine Liebe, die nicht sein darf

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Laura Louisa Garde und Olga Wäscher – zwei starke Frauen, den Umständen ausgeliefert

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Stefan Maaß und Andreas Jähnert: Der Präsident zwingt den Hofmarschall zur Intrige. Fotos: Anja Köhler

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