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02.12.2013 |  Ingrid Bertel

Kermit bleibt verschwunden - Unter dem Titel „Drei Sekunden“ ergründet der Bregenzer Autor Wolfgang Mörth zusammen mit dem aktionstheater ensemble die Körperwelten der Angst

„Fear is a man’s best friend“ sang einst John Cale. Man muss sich die Angst aber nicht gleich zur Freundin machen; es reicht schon, wenn sie sich als Vertraute einschleicht – eine Vertraute, die man lieber nicht hätte und die doch jeder kennt. In Martin Grubers Inszenierung huscht sie durch herabhängende Neonröhren, die das Fürchten strukturieren wie ein Barcode: das Leben - ein Konsumprogramm, das wir freudlos und verstört abspulen.

Ein Kind hat sein liebstes Plüschtier, Kermit, den Frosch, verloren und sucht ihn lieber nicht unterm Autositz – denn dort könnte er nicht sein und dann wäre alle Hoffnung vorbei. Eine Mutter will ihren außer Rand und Band geratenen Sohn „freilassen“, zur Adoption freigeben. Eine Frau schickt detaillierte E-Mails ihrer Schmerzen an den Chirurgen, der die Operation versaut hat. Ein Mann schlägt die Stirn wieder und wieder blutig – Flatz ohne Kunstambition, purer Verzweiflung ausgeliefert. Zwischendurch träumt eine Pilotin davon, den Jumbojet sicher zu landen, während sie zuvor zum Gaudium des Publikums alle erdenklichen Katastrophenvarianten aufgezählt hat – Action ist unterhaltsam, solange sie auf die Kinoleinwand beschränkt bleibt.

Eingesperrt im eigenen Körper


Aus Erinnerungen und Beobachtungen baut Wolfgang Mörth sein Universum der Ängste, meist in leise ironischer Distanz. Er habe die SchauspielerInnen gebeten, dazu auch eigene Beobachtungen und Erlebnisse beizusteuern, meint Regisseur Martin Gruber. Das Ergebnis ist ein Kaleidoskop bewegter Monologe, die ihre Präsenz in erster Linie aus der Körpersprache der Akteure beziehen. Denn nie ist der Mensch so sehr auf seine Körperlichkeit reduziert wie in Momenten, da die Angst ihn beutelt. Nie ist er so unfähig zum Dialog, zum Zuhören. Nie so sehr eingesperrt in sich selbst.

Atemlosigkeit und Schweißausbrüche, Zittern, Geschrei, wilde Verrenkungen prägen denn auch das Spiel von Susanne Brandt, Kirstin Schwab und Roman Blumenschein, wobei sich Schwab als besonders beweglich und mit Komik begabt erweist. Roman Blumenschein bekommt dafür den Part eines Sängers, denn es gibt reichlich Musik in „Drei Sekunden“. Der Gitarrist Florian Kmet fügt einen Popsong ein, und es entsteht ein gemeinsamer Moment des Ausatmens, der stillen Trauer.

Echokammern des Gedächtnisses


Mit zwei Loop-Geräten fängt Kmet die Laute der Angst ein, schickt sie durch die Echokammern des Gedächtnisses. Denn auch wer einen bestimmten Schmerz, eine präzise zu verortende Angst nicht kennt: der Körper des Menschen ist ein Gedächtnis, das weiter reicht als die konkrete Erfahrung. „Drei Sekunden“ spitzt dieses Wissen zu, bis es dem einzelnen Zuhörer, der einzelnen Zuseherin schmerzhaft ins Herz sticht. Vielleicht gibt’s für Kermit ja einen Muppet-Himmel. Für uns gibt’s da oben nur Boeings mit Killerviren an Bord. Dafür hier unten ein befreites Gelächter: Wer fürchtet sich vor einem Witz!

 

Weitere Aufführungen:
3./4./5.12., jeweils 20.30 Uhr, Spielboden Dornbirn

In Martin Grubers Inszenierung huscht die Angst durch herabhängende Neonröhren, die das Fürchten strukturieren wie ein Barcode

In Martin Grubers Inszenierung huscht die Angst durch herabhängende Neonröhren, die das Fürchten strukturieren wie ein Barcode

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