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27.02.2016 |  Dagmar Ullmann-Bautz

Keine Erlösung ohne Judas – Das Vorarlberger Landestheater in der Pfarrkirche in Hard

Ein gemischtes Publikum traf sich gestern Abend zur Premiere von „Judas“ in der Harder Pfarrkirche. Einerseits die bekannten Gesichter, die Menschen, die man fast immer bei Theateraufführungen trifft und andererseits die mit der Pfarrkirche Hard verbundenen Interessierten. Und gerade bei diesen spürte man die knisternde, aufgeregte Neugierde: „Was passiert hier Neues, Spannendes in unserer Kirche?“

Schöner stimmiger Raum


Das Vorarlberger Landestheater präsentierte das Stück „Judas“ der holländischen Autorin Lot Vekemans in einer passenden Außenspielstätte, der Kirche St. Sebastian in Hard. Ausstatter Davy van Gerven nutzte den schönen Raum, indem er den Spielort nach hinten verlegte, die Säulen mit warmem Seitenlicht hervorhob und somit eine tempelähnliche Atmosphäre schuf, die sich keineswegs aufdrängte, sondern einen stimmigen Rahmen bildete. Und Regisseur Markus Trabusch machte das einzig Richtige, er vertraute auf die Spiel- und Ausdruckskraft von Schauspieler Toomas Täht.

2000 Jahre danach


Vom ersten Satz weg, gleich nach einem kurzen, schrägen, kraftvoll aggressiven Orgelspiel, vereinnahmte Toomas Täht sein Publikum und ließ es bis zum letzten Satz nicht mehr los. Er spielte meisterhaft auf der Klaviatur der Gefühle der Zuschauer. Man hatte Mitleid, war wütend, man verstand und dann doch wieder nicht. Unmöglich sich einfach zurückzulehnen, unweigerlich wurde man Teil des Geschehens. Sein Name Judas, ein Name, der keiner mehr ist, sondern ein Synonym, ein Schimpfwort, ein Terminus für den schlimmsten Verrat, den Verrat am Freund. Nach 2000 Jahren ist er erschienen, um seine Geschichte zu erzählen, eine Geschichte, die mehr Zwischentöne hat, als uns die Bibel, die Kirche zu lehren versucht. Und er steht nicht alleine da, erfährt Unterstützung von prominenter Seite, denn schon seit Jahren wird von Kritikern, Theologen und Wissenschaftlern die Auslegung vom verräterischen, egoistischen, geldgierigen Judas in Frage gestellt. War er nicht vielleicht der größte, der leidenschaftlichste Anhänger von Jesus? Und wäre die Erlösungsgeschichte ohne ihn überhaupt möglich gewesen? Was wäre die christliche Kirche ohne Judas?!

Bestechender Text, sensible Regie, toller Schauspieler


Toomas Täht, der in Tallinn geborene und aufgewachsene Schauspieler, verkörpert diesen zerrissenen und leidenschaftlichen, diesen warmherzigen und aggressiven Jünger Jesu glaubwürdig, mit großer Tiefe und Präzision.

Markus Trabusch hat den Schauspieler sehr genau und sensibel geführt, man spürt die Auseinandersetzung mit dem Thema und die Hinterfragung jeden Satzes.

Lot Vekemans Text besticht durch seine Einfachheit, durch eine Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor, durch eine klare Aussage, einer anderen Sicht auf die Dinge und das Implizieren des Zuschauers.

Nicht versäumen!


Langanhaltender und wohl verdienter Applaus für den großartigen Schauspieler! Judas' Geschichte und Bedeutung in diesem so entscheidenden Moment christlicher Entstehungsgeschichte kontrovers und in solch einem Rahmen aufgezeigt zu bekommen und zu erleben, sollte man keinesfalls versäumen.

 

Weitere Aufführungen:
04/03, 21/03, 22/03, 19.30 Uhr
Kirche St. Sebastian, Hard

Toomas Täht beeindruckt als Judas

Toomas Täht beeindruckt als Judas

Fotos: Anja Köhler

Fotos: Anja Köhler

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