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26.11.2011 |  Dagmar Ullmann-Bautz

In den Händen des Volkes liegt die Macht! Molières Komödie „Tartuffe“ feierte Premiere am Vorarlberger Landestheater

Das Durchschnittsalter des Premierenpublikums an diesem bemerkenswert anderen Theaterabend lag weit über dem Durchschnittsalter der Protagonisten auf und hinter der Bühne. Ein Traum sei in Erfüllung gegangen, meinte Intendant Alexander Kubelka nach der Premiere. Er hatte einem ganz jungen Team – die meisten absolvierten 2010 und 11 gerade erst ihren Ausbildungsabschluss – eine große Chance eröffnet und die Youngsters wussten diese trefflich zu nutzen.

Doch nicht allein die Bühne, auch die Premierenfeier stand ganz im Zeichen der Jugend und war dementsprechend durchgeplant. Das Theaterhaus für junge Menschen zu öffnen, sie mit einer coolen Afterparty zu locken und ihr Interesse damit zu wecken, ist eine durchaus spannende Idee. Das Premierenpublikum unmittelbar vor der Aufführung noch darauf aufmerksam zu machen und es zu bitten, seinen Nachwuchs, seine Enkel, danach auf die Schnelle per SMS noch dazu einzuladen, war ein geschickter Schachzug und stimmte die Zuschauer positiv.

Die Jugend eroberte die Bühne im Sturm

Tatsächlich wurde es ein besonderer Theaterabend. Die noch unverdorbene Spielfreude der blutjungen Schauspielerinnen und Schauspieler, die spielerische Lust aneinander und miteinander, war deutlich zu spüren. Doch nicht allein dies – die Qualität ihres Könnens entfaltete sich auf hohem Niveau. Jede, jeder Einzelne agierte hervorragend und blieb dennoch Teil des Ensembles.

Großer Ideenreichtum

Letztes Jahr begeisterte der blutjunge Regisseur Steffen Jäger das ganz junge Theaterpublikum und nicht weniger deren erwachsene Begleitung mit seiner Inszenierung des „Lebkuchenmanns“. Jetzt  beweist er  mit „Tartuffe“ zum zweiten Mal sein interpretatives Talent und seinen Ideenreichtum. Jäger verbindet in seiner Arbeit Raum, Zeit und Handlung auf fein gestrickte Art. Seine Verweise auf die Verführer unserer Tage sind überdeutlich, unüberseh- und unüberhörbar.  Am Schluss – anders als bei Molière – nicht den König, sondern das Volk als Souverän ins Spiel zu bringen und dem Polizisten, der sich auf die Seite des Volkes stellt, Engelsflügel zu verleihen, ist zwar äußerst plakativ, doch auch zeitgemäß. Das Spiel um Sein und Schein verdeutlicht Jäger durch den mehrmaligen Einsatz von Masken.

Erotische Momente

Vor einer vergoldeten Wand spielt Molières bitterböse Komödie um einen charismatischen Schwindler und sein leichtgläubiges Opfer. Molière hat den Blick in seinem Stück dabei weniger auf den Schwindler Tartuffe, als vielmehr auf das verführte, ihm verfallene Opfer Orgon gerichtet. Lukas Kientzler spielt Orgon leidenschaftlich, überzeugt mit starker Bühnenpräsenz. Orgons Gattin, hingebungsvoll dargestellt von der schönen Laura Louisa Garde, versucht wiederholt scheiternd die Situation im Haus zu ordnen und bringt letztendlich mit weiblicher List Tartuffe zu Fall – leider zu spät. Der beim Bregenzer Publikum sehr beliebte Alexander Julian Meile zeigt einen gleichzeitig hitzigen und doch verträumten Sohn reicher Herkunft, der nichts auf die Reihe kriegt. Das naiv-liebreizende Töchterchen, das sich den Wünschen des geliebten Vaters nicht zu entziehen vermag, selbst wenn es ihr „die Eingeweide aus dem Leib zieht“, wird von Lisa-Maria Sexl auch mit wunderschöner (Sing-)Stimme präsentiert.
Es ist herrlich, Andreas Jähnert  in verschiedensten Rollen auf der Bühne zu erleben – ganz besonders als Großmutter, als Madame Pernelle. Olga Wäschers vorlaute Zofe Dorine ist bezaubernd, wunderbar komisch und äußerst erotisch. Cleante, der intelligent-blasierte Schwager, erweist sich als großer Redner und missionierender Prediger, von Dorine jedoch lässt er sich ganz freiwillig an die Leine nehmen – witzig dargestellt von Robert Finster.

Musik und Licht – wichtige Elemente des Abends

Mit seinen konzeptionellen Musik- und Geräuscharrangements muss auch das Duo Boris Fiala und Andreas Niedzwetzki genannt sein, das einen ebenso schönen und wichtigen Beitrag zum Erreichen der von Regisseur Steffen Jäger postulierten Zielvorgaben leistete wie Arndt Rössler, der mit der neuen Lichtanlage offensichtlich wunderbar zurechtkam.

Viel Applaus für das gelungene Gesamtkonzept

Ob die Premierenfeier, wie von Intendant Kubelka angekündigt und gewünscht, bis morgens um vier oder fünf Uhr andauerte, kann leider so nicht bestätigt werden. Die hervorragende Stimmung des zum größten Teil noch zur Premierenfeier gebliebenen Publikums scheint jedoch darauf  hinzuweisen! An dieser Stelle auch einen großen Applaus, mit vielen Vorhängen – geradeso wie nach der gelungenen Vorstellung.

Das jugendliche Ensemble begeisterte: (v.l.) Robert Finster, Lisa-Maria Sexl, Laura Louisa Garde, Olga Wäscher, Alexander Julian Meile

Das jugendliche Ensemble begeisterte: (v.l.) Robert Finster, Lisa-Maria Sexl, Laura Louisa Garde, Olga Wäscher, Alexander Julian Meile

Köstlich: Andreas Jähnert als Madame Pernelle

Köstlich: Andreas Jähnert als Madame Pernelle

Tartuffe (Nikolaus Barton) begehrt ganz offen die Ehefrau (Laura Louisa Garde) des Hausherrn.

Tartuffe (Nikolaus Barton) begehrt ganz offen die Ehefrau (Laura Louisa Garde) des Hausherrn.

Laura Louisa Garde als verführerische Elmire

Laura Louisa Garde als verführerische Elmire

Tartuffe wird vom „braven Polizisten" (Andreas Jähnert) abgeführt. Fotos: Anja Köhler

Tartuffe wird vom „braven Polizisten" (Andreas Jähnert) abgeführt. Fotos: Anja Köhler

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  • Das jugendliche Ensemble begeisterte: (v.l.) Robert Finster, Lisa-Maria Sexl, Laura Louisa Garde, Olga Wäscher, Alexander Julian Meile Das jugendliche Ensemble begeisterte: (v.l.) Robert Finster, Lisa-Maria Sexl, Laura Louisa Garde, Olga Wäscher, Alexander Julian Meile
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