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17.03.2012 |  Dagmar Ullmann-Bautz

Ein grausames Spiel – das Landestheater gewährt Einblicke in Absurditäten der heutigen Arbeitswelt

Die Premiere des Schauspiels „Die Grönholm-Methode“ von Jordi Galceran beeindruckte am Vorarlberger Landestheater. Sie hinterließ diskutierende Zuschauer, die sich sowohl über den Inhalt als auch die Inszenierung austauschten.

Sie belauern sich wie Raubtiere im Käfig, sie sind ständig auf der Hut, sie entblößen sich, setzen sich aus. Es tut fast weh und man schämt sich ein bisschen, das grausame Spiel von außen zu beobachten. Das von Martina Stoian konzipierte Bühnenbild bringt den Zuschauer mehr noch als sonst in eine Voyeursposition. Stoian platziert einen nicht sehr großen, geschlossenen Raum ganz vorn auf die Bühne – auch publikumsseitig mit einer transparenten Wand abgegrenzt. Durch die richtige, sehr spannende Beleuchtung von Arndt Rössler gerät der Konferenzraum zum kalten Versuchslabor bzw. zum Raubtierkäfig, in dem es heiß hergeht.

Aggressivität und Misstrauen

Vier Kandidaten, die sich um eine Top-Position in einem internationalen Konzern bewerben, befinden sich zu einem Auswahlverfahren in ebendiesem geschlossenen Raum. Anweisungen kommen schriftlich von außen durch eine sich selbsttätig laut öffnende Klappe. Die Probanden werden mit verschiedensten Aufgaben konfrontiert, die sie zwingen, sehr persönliche, intime Einzelheiten zu offenbaren und peinliche, ja kompromittierende Spielchen zu spielen. Jeder der vier Kandidaten will den attraktiv dotierten Job, aber nur einer wird ihn am Ende bekommen. Aggressivität und Misstrauen beherrschen die Szenerie. Ab und zu flammt ein ganz kleines Flämmchen Menschlichkeit auf, das aber sehr schnell wieder erstickt wird. In einem sich immer schneller drehenden Karussell von Lebenslügen bleibt der Mensch ganz einfach auf der Strecke.

Bis das Lachen vergeht

Das Stück ist ein Psychokrimi – spannend mit unerwarteten Wendungen bis zum Schluss – und eine schwarze Komödie zugleich. Wir lachen über die kleinen menschlichen Unzulänglichkeiten, bis die Grausamkeit dieser Versuchsanordnung das Lachen erstickt. Der spanisch-katalanische Autor Jordi Galceran hat dieses Stück vor zehn Jahren geschrieben, 2003 wurde es in Barcelona uraufgeführt. Der Anlass, das Stück zu schreiben, war eine Reportage über das Personalauswahlverfahren einer spanischen Supermarktkette, das von einem Journalisten aufgedeckt wurde.

Präzise Regie

Regisseur Tobias Materna hat in seiner Arbeit sehr genau auf die Figurenzeichnung, besonders die Körpersprache, geachtet. Er führt uns vier vollkommen unterschiedlich reagierende Menschen vor. Dabei ist jedes Augenzwinkern, jeder Fingerzeig präzise gesetzt – jede Figur präsentiert sich auf ganz individuelle Art dem unsichtbaren Beobachter. Vieles ist nicht so wie es scheint, die Wendung am Schluss ist überraschend und soll auch an dieser Stelle nicht verraten werden. Die eingeschobenen Musik-Bewegungs-Sequenzen sind nicht wirklich nachvollziehbar, sie bremsen eher das Spiel, als dass sie es weitertreiben und arbeiten somit gegen die beklemmende Dichtheit des Textes.

Großartige Schauspieler

Für die Schauspieler ist dieses Stück eine große Herausforderung, die sie meisterlich bewältigen. Allen voran Markus Menzel, der als Fernando Porta einen äußerst vielschichtigen Menschen zeigt, der die unterschiedlichsten Reaktionen auslöst, von Bewunderung über Verachtung bis zu absolutem Mitleid. Einen ganz anderen Charakter präsentiert uns Vollblutschauspieler Helmut Rühl mit seinem Enrique Font. Man fragt sich, wie dieser unsichere, ja fast clowneske Typ bloß in die Endausscheidung gekommen ist. Jugendlichen Esprit und Lockerheit bringt Kandidat drei – Alexander Julian Meile – in den Raubtierkäfig. Seine Figur verhält sich irgendwie sonderbar, was sich am Ende des grausamen Spiels erklärt und auflöst. Sehr straight präsentiert sich Katrin Hauptmann als Mercedes Degas – die einzige Frau im Raum, die Brutalität, Geschäftstüchtigkeit und soziale Intelligenz wunderbar kombiniert.

„Die Grönholm-Methode“ ist ein hochaktueller Psychokrimi, ein sarkastischer Kommentar auf die immer aggressiver werdenden Methoden auf dem Arbeitsmarkt, ein böses Stück über die Absurdität der heutigen Arbeitswelt. Und trotzdem wird gelacht!!

Ausgezeichnet und höchst präsent: Katrin Hauptmann und Markus Menzel

Ausgezeichnet und höchst präsent: Katrin Hauptmann und Markus Menzel

Peinliche Spiele: Meile, Menzel, Hauptmann und Rühl

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Misstrauen und Aggressivität beherrschen den Raum. Fotos: Anja Köhler

Misstrauen und Aggressivität beherrschen den Raum. Fotos: Anja Köhler

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  • Ausgezeichnet und höchst präsent: Katrin Hauptmann und Markus Menzel Ausgezeichnet und höchst präsent: Katrin Hauptmann und Markus Menzel
  • Peinliche Spiele: Meile, Menzel, Hauptmann und Rühl Peinliche Spiele: Meile, Menzel, Hauptmann und Rühl
  • Misstrauen und Aggressivität beherrschen den Raum. Fotos: Anja Köhler Misstrauen und Aggressivität beherrschen den Raum. Fotos: Anja Köhler