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11.07.2018 |  Peter Niedermair

„Auf der Flucht: Gargellen – Sarotla – Schweiz. Eine partizipative theatrale Performance“

Das teatro caprile geht mit diesem Stück als Interaktives Theater mit geführter Tageswanderung in eine weitere Saison. An drei Wochenenden wird im Sommer wird unter der Regie von Andreas Kosek „Auf der Flucht“ aufgeführt. Für 25 Jahre teatro caprile und sechs Jahre Interaktives Theater hat Bundespräsident Alexander van der Bellen den Ehrenschutz übernommen. Das Stück thematisiert ausgewählte Flüchtlingsbiographien aus der NS-Zeit an Originalschauplätzen, die sich Publikum und Schauspieler gemeinsam erwandern. Wenn Sie teilnehmen möchten, ist eine baldige Kartenreservierung ratsam.

Das Projekt verknüpft eine nicht unbedingt neue, auf der Folie der exponierten Gebirgssituation jedoch sehr beeindruckende Theaterform mit einer regional historischen Kontextualisierung und spürt anhand von Zeitzeugenberichten, historischen Dokumenten und literarischen Texten von unter anderem Franz Werfel und Jura Soyfer, eingebettet in theatralische und tänzerische Szenen, Fluchterfahrungen während der NS-Zeit nach. Entstanden ist das Stück 2013 als Kooperation der Montafoner Museen und Michael Kaspar mit dem teatro caprile im Rahmen der Kulturreihe Septimo 2013. 

Interessante Blick- und Wahrnehmungsachsen

Aus dem teatro caprile Pressetext: „Diese Inszenierung schafft eine dynamische Entwicklung von Täter-, Opfer- und Augenzeugenperspektiven durch  situative Veränderungen in den Blick- und Wahrnehmungsachsen, die bei den ‚Mitflüchtenden‘  sowohl Bedrohung als auch Bedrohtwerden evozieren. Natürliches Licht, Originalschauplätze und die Fähigkeit von Regisseur und Ensemble mit einem Minimum an Mitteln maximale Ausdruckskraft zu erlangen, verdichten sich in der Dramaturgie dieses Stückes zu einer kammerspielengen Dichte. Gelände, Geräusche von Wind, Wasser und Steinen, Licht und Schatten; Nebel, Regen und Schnee, Tiere, die den Weg kreuzen, werden zu Orientierungsmarken. Gemeinsam mit den Wanderbegleitern und den Schauspielern lotet diese Theaterproduktion das Verhältnis von Grenze und deren Überschreitungen aus. Absolute schauspielerische Intensität, emotionale Dichte und historische Fakten machen ‚Auf der Flucht‘ zu einem beeindruckenden Theatererlebnis. Gespielt wird im Hotel Madrisa, in Alphütten und im freien Gelände, die dargestellten Figuren und das Publikum durchmessen gleichermaßen das herrliche Gebirgspanorama mit dem einen Ziel: das Sarotla-Joch.“

Situatives Handeln als Option zum anders Handeln

Das Stück ist geprägt von menschenverachtenden historisch-politischen Ereignissen, die von der Entwurzelung von Menschen auf der Flucht, ihren Strapazen in einer hochalpinen, ausgesetzten Landschaft, ihrer oft tödlichen Abhängigkeit von lokalen FluchthelferInnen inmitten kleinräumiger Dorfstrukturen und sozialer Kontrolle oder der (Un-)Menschlichkeit der Grenzwächter geprägt waren. Die Bedeutung lokaler Geschichte und ihrer Protagonisten innerhalb nationaler und internationaler Politik wird besonders sichtbar. Sichtbar wird auch, dass historisch gesehen oft auch Handlungsoptionen als Handlungsalternativen gegeben waren und dass individuelle Entscheidungen von Personen in den meisten Situationen möglich gewesen wären. Die schauspielerisch großartigen Leistungen des gesamten Ensembles bringen eine hohe emotionale Dichte hervor, ohne dabei die Perspektiven einzuengen. „Auf der Flucht“ wird auf der Folie historischer Fakten, die latent spürbare Parallelitäten zu Fluchtgeschichten der Gegenwart nahelegen, zu einem beeindruckenden zeitgeschichtlichen Dokument.
Gespielt wird im Hotel Madrisa, in Alphütten und im freien Gelände, die dargestellten Figuren und das Publikum gehen im eindrücklichen Gebirgspanorama in Richtung Sarotla-Joch an die Schweizer Grenze. Die Natur ist dabei nicht nur Kulisse, sie ist ein bedeutender Protagonist, der die Dramaturgie wesentlich mitbestimmt. Das Panorama der Berge ist alles andere als Trenker’sche Schrofen-Idylle. Die Tragik der Menschen auf der Flucht an sich ist hochdramatisch, die innere Angst ist Antrieb ebenso wie die Sehnsucht, in die Freiheit zu fliehen.

Zur architektonischen Dramaturgie des Stücks

"Der gewählte Wanderweg geht auf historischen Spuren an jenen Orten, an denen sich die ins Stück eingearbeiteten Szenen ereigneten", sagt Katharina Grabher, die selbst Schauspielerin im Stück ist. Das Theaterspiel ereignet sich mitten im Rätikon, ganz nahe am Publikum und auch mit dem Publikum, das eingeladen ist, selbst Teil des Theaterstücks zu werden. Die Dramaturgie, für die Andreas Kosek verantwortlich ist, umfasst eine hochkomplexe Architektur. Die einzelnen Schichten, die das Stück durchziehen, sind sehr lebendig ineinander verschränkt, einzelne Passagen, Sätze zum Beispiel, stechen hervor, verbrauchen beim Wandern zusätzlich Sauerstoff. Die einzelnen Abschnitte und Stationen sind in einem gut rezipierbaren Rahmen konstruiert. Sie fordern das Publikum, aber überfordern nicht. Den Wanderern bleibt die Freiheit, das Gesehene und Gehörte gut mitzunehmen und es setzen zu lassen.

Friedrich Juen selbst ist eng mit dem Stück „Auf der Flucht“ verbunden. Der Montafoner begleitet die Wanderung und schlüpft zwischen den Szenen in die Rolle des Erzählers. Was er berichtet, ist in etlichen Passagen Teil seiner eigenen Familiengeschichte. Sein Großonkel Meinrad Juen war ein Schmuggler, der sich in der Kriegszeit durch den illegalen Handel mit Waren nicht nur seine Lebenssituation verbesserte, sondern auch zahlreichen Menschen das Leben rettete. Unter Lebensgefahr gelang es ihm, insgesamt 42 Juden über die Grenze in die Schweiz zu begleiten und sie damit vor der tödlichen Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu bewahren.

„Von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen“

Motiv für die Wiederaufnahme des Stücks ist, dass maximal 45 Personen pro Aufführung mitkommen können, der zweite Grund liegt darin, dass Montafon Tourismus Mitveranstalter dieser Inszenierung ist und froh ist, dass das Stück so stark nachgefragt wird.
„Auf der Flucht“ ist mit seinem Inhalt in der Gegenwart Teil einer umfassenden Auseinandersetzung mit dem Thema der Grenze. „Sag Shibboleth!“, Untertitel siehe obiger Zwischentitel, die derzeit gezeigte Ausstellung am Jüdischen Museum in Hohenems, berichtet in vielen kenntnisreichen Details über Aspekte der Flucht und Ausgrenzung an Orten weltweit. Die historischen Fluchtgeschichten über den Alten Rhein bei Hohenems und das Rohr in Lustenau hinüber nach Diepoldsau sind seit Jahren ideale Orte, aus der Geschichte zu lernen. Ende Juli 2017 waren über 180 Nachkommen jüdischer Familien bei der dritten Reunion in Hohenems. Zu diesem Nachkommentreffen gibt es eine weitere Zeitung in der Reihe „alte freiheiten von ems“, die unter anderem auch ausführlich über die Fluchtgeschichten über den Alten Rhein berichtet. Neben der Paul Grüninger Geschichte gibt es zahlreiche andere, kleinere Fluchtereignisse, gelungene und gescheiterte, die in den letzten Jahren erforscht worden sind.
Das historische Fluchtthema um den größten Zivilisationsbruch der Geschichte reicht in unerhörten Maßen ins gegenwärtige Europa. Hier werden die heftigen Streitereien um Flucht, Asyl, Aufenthalt und Abweisung seit 2015 im Wesentlichen dafür instrumentalisiert, die „Grenzen dicht zu machen“ und nationale Politik zu befördern, hüben wie drüben des großen Teiches. Der Vorteil, Montafon Tourismus als Co-Veranstalter beim Stück mit dabei zu haben, liegt auch darin, dass Urlauber von diesen Fluchtgeschichten erfahren können. Die Nachfrage ist, wie bereits erwähnt, groß.

Theatersettings als Lernort

Die Resonanzen zu den Aufführungen sind sehr gut. Das Stück selbst gibt keine Antworten auf die prekären politischen und historischen Fragen zur Grenze, das heißt die BesucherInnen geraten in den Sog dieser Fragen, die zum Teil noch am Tag während und nach der Wanderung besprechbar sind.
Im Gespräch mit KULTUR betont Katharina Grabher den Bruch zwischen dieser wunderschönen Landschaft und den historischen Biographien, die im Stück zur Sprache gebracht werden. Über die Frage, inwieweit solche Theatersettings als Lernorte, zumal bei schlechtem Wetter, Kälte, Regen und Schnee, geeignet sind, über die Geschichte zu lernen, kann man geteilter Meinung sein. Die Meinungen dazu gehen auch auseinander. Von den TeilnehmerInnen verlangt diese Theaterwanderung allemal hohe Anstrengungen. Die Wandersequenzen zwischen den einzelnen Theaterschauplätzen bieten jedenfalls die Möglichkeit, das Thema für sich individuell weiter zu denken.

Als Andreas Kosek und Katharina Grabher vor 25 Jahren mit dem teatro caprile begonnen haben, war Literatur das Medium, das sie in Theater wandeln wollten. Die ersten beiden Autoren waren Jura Soyfer und Franz Werfel. Maßgeblich war die Biographie von Jura Soyfer, der am Schlappinerjoch verhaftet und ins KZ Dachau verbracht wurde, (vgl. „Dachaulied“) und seine Texte, weiters Werfels Texte und jene von Jean Amery, der auch Hohenemser Familienwurzeln hat. Eine weitere Anregung für das jetzige Stück kam 2013 von Michael Kaspar, der das Montafon Museum leitet und teatro caprile damals einlud, am Septimo, einer Kulturveranstaltungsreihe im Montafon, teilzunehmen. Die Referenzplätze für den historischen Teil sind die Publikation von Edith Hessenberger und Forschungen von Michael Kaspar sowie Publikationen der Johann August Malin Gesellschaft.

Die AkteurInnen
Regie: Andreas Kosek 
SchauspielerInnen:
Roland Etlinger, Katharina Grabher, Maria King, Andreas Kosek und Mark Német, Friedrich Juen
Konzept:
Katharina Grabher
Choreographie: Maria King
Bergcoaching, Komparserie und Moderation: Friedrich Juen, Herbert Egle

Die Termine
13./14./15.7. (14./15.7. ausverkauft!); 24./25./26./31.8.; 1./2.9.
jeweils 9.00 Uhr, Treffpunkt: Kirche Gargellen/Montafon -  Dauer ca. 5 ½ Stunden, Anstieg 500 Höhenmeter! Die Mitnahme von Hunden ist verboten.

Karten                                                                                                                                                                   27,-- / Bezahlung bar vor Ort oder gegen Vorauszahlung
Nützen Sie die Onlinebuchung - beachten Sie ebendort die verfügbaren Plätze!
Jugendliche von 13 bis 18 Jahre kostenlos.

teatro caprile bei Sparkasse Bludenz Bank AG
IBAN: AT36 2060 7032 0004 2459 BIC SSBLAT21XXX; Bitte Name und Aufführungstag angeben! Die Theaterwanderung findet bei jedem Wetter statt! Eine verkürzte Route und Szenen in trockenen Ausweichquartieren sind vorbereitet. Weitere Informationen: info@ montafon.at oder +43 050 6686

Der Aufstieg von Gargellen erfordert Trittsicherheit und eine entsprechende Grundkonditon. Überdies wird eine bergwegtaugliche Ausrüstung, Schuhe mit griffiger Sohle, Regenschutz, evt. Wanderstöcke empfohlen. Bitte nicht vergessen: Wasser und ggfs. einen kleinen Imbiss sowie Sonnenschutz; Fernglas mitnehmen! Labestation auf dem Rückweg: Alpe Rongg.

Literatur:
Hessenberger, Edith (Hrsg.) Grenzüberschreitungen. Von Schmugglern, Schleppern, Flüchtlingen. Sonderband 5 zur Montafoner Schriftenreihe, 2008
Brändle Hermann: Rätikon Reader. Bucher Verlag, Hohenems, 2009, 2. Auflage 2017

 

 

 

 

Menschen auf der Flucht, die nicht nur Strapazen in einer hochalpinen Landschaft, sondern auch ihren lokalen FluchthelferInnen ausgesetzt sind

Menschen auf der Flucht, die nicht nur Strapazen in einer hochalpinen Landschaft, sondern auch ihren lokalen FluchthelferInnen ausgesetzt sind

Gespielt wird im Hotel Madrisa, in Alphütten und im freien Gelände, die dargestellten Figuren und das Publikum gehen im eindrücklichen Gebirgspanorama in Richtung Sarotla-Joch an die Schweizer Grenze.

Gespielt wird im Hotel Madrisa, in Alphütten und im freien Gelände, die dargestellten Figuren und das Publikum gehen im eindrücklichen Gebirgspanorama in Richtung Sarotla-Joch an die Schweizer Grenze.

Das Stück ist geprägt von menschenverachtenden historisch-politischen Ereignissen

Das Stück ist geprägt von menschenverachtenden historisch-politischen Ereignissen

(Un-)Menschlichkeit der Grenzwächter

(Un-)Menschlichkeit der Grenzwächter

Die Tragik der Menschen auf der Flucht an sich ist hochdramatisch, die innere Angst ist Antrieb ebenso wie die Sehnsucht, in die Freiheit zu fliehen.alle Fotos: c) Stefan Kothner - Montafon Tourismus GmbH, Schruns

Die Tragik der Menschen auf der Flucht an sich ist hochdramatisch, die innere Angst ist Antrieb ebenso wie die Sehnsucht, in die Freiheit zu fliehen.alle Fotos: c) Stefan Kothner - Montafon Tourismus GmbH, Schruns

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  • Menschen auf der Flucht, die nicht nur Strapazen in einer hochalpinen Landschaft, sondern auch ihren lokalen FluchthelferInnen ausgesetzt sind Menschen auf der Flucht, die nicht nur Strapazen in einer hochalpinen Landschaft, sondern auch ihren lokalen FluchthelferInnen ausgesetzt sind
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