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22.11.2017 |  Anita Grüneis

Anna Seghers „Transit“ im TAK - Denn Bleiben ist nirgends

Die deutsche Autorin Anna Seghers schrieb im Jahr 1944 mit „Transit“ eine Geschichte, die heute aktueller ist denn je. Das Deutsche Theater Berlin gastierte mit einer ungewöhnlichen Inszenierung dieser Geschichte im TAK.  Am Anfang war die Bühne fast leer, ein Stuhl stand darauf, daneben eine Flasche Rosé mit einem leeren Glas. Am Ende der Vorstellung werden über diese leere Bühne ganze Flüchtlingsströme gewankt sein, werden sich heimatlose Menschen heimlich in Paris und Marseille getroffen haben, wird die „weiße und kahle“ Hafenstadt vor aller Augen lebendig geworden sein. Zu verdanken war dies der Schriftstellerin Anna Seghers, ihrer Geschichte „Transit“, dem Regisseur Alexander Riemenschneider und vor allem dem Schauspieler Thorsten Hierse, der ein ebenso begnadeter Erzähler ist wie die Autorin selbst.

„Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, geschieht uns“, schrieb Anna Seghers in einem anderen Stück. Genau dies zeigte die „Transit“-Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin. Alles geschieht uns jetzt und hier und geschah genauso vor vielen Jahren. „Mir kommt vor, als sei das Schiff vor uralten Zeiten abgefahren“, meinte der Erzähler gegen Schluss des Stücks. Leider fahren die Flüchtlingsschiffe immer noch und immer wieder ab, mehr denn je.          

Eine wahre Geschichte und ihre Folgen

Anna Seghers beschrieb in ihrem Werk „Transit“ unter anderem auch ihre eigene Flucht, die sie mit ihren Kindern aus dem besetzten Paris nach Marseille führte, wo sie sich um die Freilassung ihres Mannes wie auch um eine Ausreise für die ganze Familie bemühte. Im mexikanischen Generalkonsulat hatte sie damit Erfolg und sie erhielt eine Einreisegenehmigung für alle. Regisseur Alexander Riemenschneider und Dramaturgin Meike Schmitz schneiderten die vielen kleinen Geschichten aus „Transit“ zu einem Maßanzug für den Schauspieler Thorsten Hierse. Er war es ganz alleine, der auf dem Stuhl Platz nahm und dem Publikum eineinhalb Stunden lang die Geschichte erzählte. Unterstützt wurde er dabei von einer Musik-Collage, die Tobias Vethake live im Hintergrund produzierte.     

Die Kraft des magischen Erzählens

Mit einer nahezu magischen Bühnenpräsenz ließ Thorsten Hierse sein Ankommen in Paris, die Begegnung mit Paul, der ihn zum (toten) Schriftsteller Weidel führte, und die weitere Flucht nach Marseille lebendig werden. Oft waren es nur geraunte Worte wie „Transit“ oder „Visum“ oder Sätze wie „Hat jemand mein Kind gesehen?“ und „Hast du Geld?“, um die jeweiligen Stimmungen zu beschreiben. In Marseille angekommen, ließ der Schauspieler all seine Zuhörerinnen und Zuhörer das „Glück zu leben“ spüren, er beschrieb aber auch die fahrige Nervosität der Stadt, in der alle nur wegwollten, er selbst aber gerne geblieben wäre, um seinen Traum von einem normalen Leben zu realisieren. Man erlebte den Schmerz des Abschiednehmens ebenso wie die verzweifelte Jagd nach gültigen Papieren oder die Suche nach vertrauten Menschen. „Es ist spät geworden. Haben Sie noch Zeit?“, fragte der Schauspieler zwischendurch ins Publikum, und dann war er wieder der Transitbürger aus dem Café in Marseille, der all das schilderte, was er sah, beobachtete und erlebte, wie beispielsweise auch das schicksalhafte Treffen mit Marie, der Frau des (toten) Schriftstellers, in dessen Namen er selbst ein Visum bekommen hatte. Wiebke Mollenhauer huschte als Frau immer wieder über die Bühne, war nicht zu fassen, und als sie dann endlich blieb, wollte sie auch nur Abschied nehmen.

Der Schauspieler Thorsten Hierse vermittelte einen Abend lang die Geschichte einer Flucht mit all ihren Höhen und Tiefen und ließ gleichzeitig die Sehnsucht nach Normalität und Zuhause durchschimmern, die wohl jeder Flüchtling auf seinem gefährlichen Weg ins Unbekannte mitnimmt. Ein starker Abend, der an die Zeilen von Rainer Maria Rilke erinnerte: „Denn Bleiben ist nirgends“. 

Nächste Aufführung im TAK am 22. November um 20.09 Uhr

Der Schauspieler Thorsten Hierse trägt den Abend

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