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03.08.2011 |  Peter Füssl

Aktueller geht’s kaum mehr – das Wiener Schauspielhaus spielt „Waisen“ von Dennis Kelly im Rahmen der Bregenzer Festspiele

Als das 2009 uraufgeführte Stück „Waisen“ des vierzigjährigen britischen Dramatikers Dennis Kelly vergangenen März im Wiener Schauspielhaus seine österreichische Erstaufführung erfuhr, erhielt es hervorragende Kritiken für die eindrucksvolle Darstellung vielschichtig verschachtelter gesellschaftspolitischer, familiärer und individueller Probleme. Durch den Wahnsinn in Norwegen hat „Waisen“ zusätzlich an Brisanz gewonnen, da die in der westlichen Welt grassierende Islam-Paranoia eine wesentliche Rolle spielt. Es ist ein knallhartes und dennoch berührendes Stück, das es beinahe unmöglich macht, sich als Zuschauer nicht die Frage zu stellen, wie man selber handeln würde, wenn man einmal in die Lage der Protagonisten geraten würde.

Zerstörte Idylle

Das junge Mittelschichtspaar Helen (Nicola Kirsch) und Danny (Thomas Reisinger) wollen es sich gerade beim Candle-Light-Dinner gemütlich machen. Verstörend wirkt aber schon das von Regisseur Ramin Gray minimalistisch gehaltene Bühnenbild, da sie am äußersten Ende einer absurd langen Tafel Platz genommen haben. Wer oder was sitzt denn da noch unsichtbar am übergroßen Tisch und hat eine Wirkung auf die mühevoll inszenierte, etwas an den Rand gedrückte Idylle, die durch das Hereinplatzen von Helens blutverschmiertem Bruder Liam (Vincent Grandler) jäh zerstört wird. Er gibt vor, einem bei einer Messerstecherei verletzten Jugendlichen geholfen zu haben, doch schon bald verstrickt sich der vorbestrafte, ewige „Pechvogel“ in Widersprüche und seine Rolle des selbstlosen Samariters schlägt immer mehr ins Gegenteil um.

Opfer- und Täterrolle wechseln

Nur zu gerne glauben Helen und Danny, dass der Junge überfallen wurde, wohnt man doch in einer von arabischen Jugendgangs terrorisierten Wohngegend und fühlt sich ganz generell durch die unberechenbaren und stetig sich vermehrenden islamischen Zuwanderer bedroht. Hier wird dann plötzlich jenes paranoide gesellschaftliche Klima wirksam, das von den Rechtspopulisten mit ihren Hasstiraden gegen Ausländer im Allgemeinen und „Islamisten“ im Besonderen europaweit seit vielen Jahren angefeuert wird. (Ein kleiner Exkurs sei hier erlaubt: auch das Vorarlberger Zentralorgan „VN“ ging angesichts gewohnter Erwartungshaltungen sogenannten „Experten“ auf den Leim und vermittelte einen Tag nach den furchtbaren Anschlägen von Oslo und Utøya mit Schlagzeilen wie „Rache für Mohammed-Karikaturen“ und „Norwegen im Kampf gegen den Terrorismus – 406 Soldaten in Afghanistan, Kampfflugzeuge in Libyen“ den Eindruck, hier seien islamistische Terroristen am teuflischen Werk gewesen, obwohl die norwegischen Behörden längst das Gegenteil behaupteten.)
Allein, die Opfer- und Täterrolle wechseln, und auch Helen und Danny können sich nicht heraushalten. Mit geschickt zugespitzten Dialogen treibt Dennis Kelly die zunehmend Unheilvolles verheißende Handlung voran. Immer wenn man glaubt (oder hofft), die Spirale der Gewalt sei nun am Ende angelangt, windet sie sich noch ein paar Drehungen weiter in den bitteren Wahnsinn hinein.

Hehre Ideale prallen auf persönliche Bindungen


„Waisen“ geht aber weit über diese zu besonderer Aktualität gekommene Islam-Debatte hinaus und stellt ganz allgemeine Fragen: Was passiert, wenn die an sich aufgeschlossene und humanistische Grundhaltung eines Menschen durch persönliches Betroffensein, beispielsweise durch die familiäre Beziehung zu einem Täter, auf die Probe gestellt wird? Wie viel „blinde“ Solidarität darf man vom Partner oder in einer Familie einfordern, und bringt es die „schwarzen Schafe“ wirklich weiter, wenn man ihre Machenschaften immer wieder deckt? Gibt es eine realistische Möglichkeit, einem über die Gesellschaft ausgebreiteten Geflecht aus Angst und Lügen, als Individuum zu entkommen? Wann wird man vom Getriebenen zum (Mit-)Schuldigen?
Da können sich dann buchstäblich Abgründe auf tun, wie das brillant agierende Schauspiel-Team eindrücklich vermittelt. Die knappen zwei Theaterstunden, die von Ramin Ray mit einfachsten aber wirkungsvollen Mitteln zu einem gefangen nehmenden Psychothriller ausgebaut werden, lassen sichtlich kaum jemanden unberührt und wurden mit lang anhaltenden Applaus bedacht.

Weitere Termine:
3. und 4. August, 19.30 Uhr
Theater Kosmos, Bregenz
Karten: www.bregenzerfestspiele.com
Tel: 0(043)5574 407-6
ticket@bregenzerfestspiele.com

Virtuoses Trio: Thomas Reisinger (Danny), Nicola Kirsch (Helen) und Vincent Glander (Liam)

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Wie viel „blinde“ Solidarität darf man vom Partner oder in einer Familie einfordern?

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Trotz hehrer Ideale ist man nicht davor gefeit, in Extremsituationen zum Täter zu werden

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Kollektive Paranoia und individuelle Schuld (alle Fotos: Alexi Pelekanos/Schauspielhaus Wien)

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