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09.03.2013 |  Christina Porod

„Venedig im Schnee“ – ChouChou und die Abwege westlicher Wohltätigkeit

Mit der intelligenten Komödie „Venedig im Schnee“ des französischen Autors Gilles Dyrek bringt der Kulturverein „kult pur“ seine erste Eigenproduktion zur Aufführung. Ein Stück, das sich amüsant und bissig der Thematik widmet, wie sich viele in unserer Gesellschaft mit scheinbar mildtätigen Gaben ein ruhiges Gewissen gegenüber ärmeren Ländern erkaufen wollen. Nicht umsonst gehört das 2003 uraufgeführte Stück derzeit zu den meistgespielten in Europa. Auf seinem Siegeszug ist es nun, unter der Regie von Augustin Jagg, in Nüziders angekommen.

Kurz zum Inhalt

Zwei Liebespaare: Das eine, Jean-Luc und Nathalie, unerträglich turtelnd, wie frisch verliebt und bald verheiratet; das andere, Christophe und Patricia, frisch verzankt.
Patricia wird von ihrem Lebensgefährten Christophe zu einem Essen bei seinem ehemaligen Studienkollegen Jean-Luc mitgeschleift. Wegen der vorangegangenen Auseinandersetzung beschließt Patricia kein Wort von sich zu geben, was beim Gastgeberpaar zu einem Missverständnis führt: Sie wird für eine Ausländerin gehalten. Anfänglich noch wütend über das seltsame Verhalten der Gastgeber, findet sie jedoch schnell mit schelmischem Vergnügen Gefallen an ihrer Rolle als Flüchtling aus einem vom Krieg heimgesuchten armen Land. Und sie wird kreativ. Die gekränkte Patricia erfindet eine Phantasiesprache, die in einem Land mit dem Namen Chouvenien gesprochen wird. Die Hochzeiter, die sich unaufhörlich mit ChouChou anreden, bemerken Patricias Spott nicht. Im Gegenteil, sie zeigen Mitleid. Jean-Luc und Nathalie sind bestürzt über Patricias angebliches Schicksal und wollen ihr und ihren angeblich notleidenden Landsleuten helfen. Die beiden überhäufen sie mit Spenden, die sie selbst - mehr oder weniger - nicht mehr brauchen. Ein hässlicher Pullover, abgelaufene Medikamente, eine Kuckucksuhr oder Bundstifte wandern in Patricias Hände, die mit Freude zugreift. Christophe bleibt nichts anderes übrig als beim Zirkus seiner Freundin mitzumachen, die immer gieriger wird und ihr Spiel auf die Spitze treibt. Doch als die Glaskugel mit Venedig im Schnee verschenkt werden soll, kippt die Stimmung.

Eingespieltes Quartett

Alle Amateur-Schauspieler überzeugen in ihren Rollen und sind ein eingespieltes Quartett: Die Turteltauben Elke Kikelj-Schwald als eifrig bemühte, aufgekratzte Gastgeberin Nathalie und Edi Muther als Spaßvogel Jean-Luc, sowie Karl Müller als nüchterner, zeitweise verzweifelter Christophe und seine Partnerin Susanna Ackermann als kratzbürstige, diabolisch mondäne Patricia. Das Publikum juchzt vor Freude, wenn das Ensemble mit großartiger Spielfreude und bestechendem Mienenspiel die Abwege westlicher Wohltätigkeit aufzeigt.
Das Bühnenbild zeigt einen einfachen Innenraum, das Esszimmer von Jean-Luc und Nathalie, inklusive Wandbehang und Kamin, indem der Fernseher sein Plätzchen findet. Die Wände bestehen aus aufeinandergestapelten Kartons, auf einigen ist die Aufschrift fragile zu lesen. Eine Allegorie auf die Fragilität der Beziehung, die wie ein Kartonhaus zusammenfallen kann oder ein Wink auf die Spenden, die in Kartons verschifft werden? Oder beides? Auf jeden Fall eine herzhaft erfrischende Gesellschaftssatire, die am gestrigen Freitagabend mit tosendem Applaus im Gemeindehaus in Nüziders großen Gefallen gefunden hat.

 

Nächste Aufführungen:
Sa, 09.03.13, 20 Uhr
So, 10.03.13, 17 Uhr
Gemeindehaus Nüziders
www.kultpur.at

Ein turbulentes, temporeiches Verwirrspiel und eine spritzige Gesellschaftssatire (© Wolfgang Bickel)

Ein turbulentes, temporeiches Verwirrspiel und eine spritzige Gesellschaftssatire (© Wolfgang Bickel)

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  • Ein turbulentes, temporeiches Verwirrspiel und eine spritzige Gesellschaftssatire (© Wolfgang Bickel) Ein turbulentes, temporeiches Verwirrspiel und eine spritzige Gesellschaftssatire (© Wolfgang Bickel)