Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

20.03.2011 |  Peter Füssl

Sensationeller Auftakt zum Bregenzer Frühling 2011 mit dem Australian Dance Theatre

Das Konzept des „Bregenzer Frühlings“ lässt sich leicht auf einen Nenner bringen: hochkarätige internationale Compagnien präsentieren erstklassige Produktionen, die am Puls der Zeit liegen. Was das Australian Dance Theatre zum Auftakt des 25 Jahre-Jubiläums des renommierten Tanzfestivals im ausverkauften Bregenzer Festspielhaus bot, ragt aber nochmals aus diesem ambitionierten Programm der choreographischen und tänzerischen Superlativen heraus. Garry Stewart, der ungemein einfallsreiche künstlerische Leiter der international äußerst gefragten Truppe, legt mit dem 2010 uraufgeführten „Be Your Self“ ein absolutes Meisterstück vor.

Der Auftakt von „Be Your Self“ verdeutlicht eindrucksvoll, was man dann für den Rest des eindrucksvollen Tanzabends zwar im Hinterkopf behält, angesichts der sich nahezu überschlagenden choreographischen Einfälle und deren meisterhaften, tänzerischen Umsetzungen aber leicht wieder vergisst: nämlich, welch kompliziertes Zusammenspiel von Körper und Geist denn da eigentlich auf der Bühne abläuft. Allein um verbal minutiös zu beschreiben, was im Körper und im Gehirn eines Tänzers vor sich geht, der im Zeitlupentempo seinen Fuß hebt, ihn in der Luft streckt und wieder senkt, muss eine Schauspielerin einen gigantischen, äußerst rasant gesprochenen Wortschwall vom Stapel lassen. Mit der verbalen Schilderung des eine gute Stunde dauernden Stückes wäre die gute Frau vermutlich monatelang beschäftigt.

Genialer Soundtrack zum außergewöhnlichen Bewegungsvokabular

Die folgenden Sequenzen konnte man dann mit vor Staunen offenem Mund genießen, denn dem unkonventionellen Sounddesigner Brendan Woithe ist es gelungen, alle Vorgänge in den Körpern der Tanzakteure auf gleichermaßen stimmige wie witzige Weise akustisch umzusetzen. Da werden Muskelbewegungen hörbar gemacht, Gelenke knarren, Körpersäfte blubbern, Nervenströme knistern, Herzen klopfen zum Zerspringen, die Atmungsgeräusche signalisieren Hochbetrieb. Den Tänzerinnen und Tänzern gelingt es, dies in einer unglaublichen Präzision, energiegeladen, kraftvoll und punktgenau umzusetzen, noch dazu in einem Tanzvokabular, das nur möglich ist, weil sie nicht nur in klassischen und zeitgenössischen Tanztechniken ausgebildet sind, sondern auch Kampfkunst, Breakdance, Gymnastik, Yoga und Kontakt-Improvisation trainieren. Spannender und vergnüglicher lassen sich Überlegungen zum kartesianischen Bild vom Geist/Körper-Dualismus oder auch modernere neurobiologische Konzepte wohl kaum visualisieren.

Multifunktionales Stage-Design

Garry Stewart ist es überzeugend gelungen, durch die keineswegs aufgesetzt, sondern durchwegs organisch wirkende Kooperation mit anderen Künstlern „Be Your Self“ als multimediales Gesamtkunstwerk auf die Bühne zu bringen. So haben die New Yorker Architekten Diller, Scofido + Renfro ein einfach wirkendes, aber unglaublich effizientes und vielseitig einsetzbares Bühnenbild entworfen – eine schiefe, weiße Ebene über die ganze Bühnenbreite, mit Stoff bespannt und zahlreichen Schlupflöchern gespickt. Dieses Bühnenelement dient als Projektionsfläche für die Videos von Brenton Kempster, die oftmals auf verblüffende Weise mit den Bewegungen der TänzerInnen kombiniert und nahtlos ins Tanzgeschehen integriert werden. Es wird auch als Auftrittshilfe genutzt, um die Akteure wirkungsvoll ins Geschehen hineinrutschen zu lassen, oder um sie wie von Geisterhand gelenkt wieder wegzuzaubern. Am Ende von „Be Your Self“ gewinnt die weiße Fläche nochmals ganz zentrale Bedeutung, wenn ein seltsames Ballett fragmentierter Körperteile kombiniert mit bildnerischen Elementen und einem eher einlullenden Sound den ganzen Saal in einen trancehaften Zustand versetzt. Aus dieser traumartigen Sequenz in die Wirklichkeit zurückgekehrt verabschiedete das Publikum die unkonventionellen Australier mit begeistertem Applaus. Ob es den ewigen Fragen nach dem „Ich“ und dem „Selbst“, nach Körper-Seele-Geist auch gedanklich näher gekommen ist, bleibt offen, ein fulminanter Tanzabend war es auf jeden Fall.

Das Bewegungsvokabular des Australian Dance Theatre geht weit über jenes der klassischen und zeitgenössischen Tanztechniken hinaus

Das Bewegungsvokabular des Australian Dance Theatre geht weit über jenes der klassischen und zeitgenössischen Tanztechniken hinaus

Spannender und vergnüglicher lassen sich Überlegungen zum kartesianischen Bild vom Geist/Körper-Dualismus oder auch modernere neurobiologische Konzepte wohl kaum visualisieren.

Spannender und vergnüglicher lassen sich Überlegungen zum kartesianischen Bild vom Geist/Körper-Dualismus oder auch modernere neurobiologische Konzepte wohl kaum visualisieren.

Zum Schluss versetzte ein seltsames Ballett fragmentierter Körperteile kombiniert mit bildnerischen Elementen und einem eher einlullenden Sound  in einen trancehaften Zustand. (alle Fotos: Chris Herzfeld)

Zum Schluss versetzte ein seltsames Ballett fragmentierter Körperteile kombiniert mit bildnerischen Elementen und einem eher einlullenden Sound in einen trancehaften Zustand. (alle Fotos: Chris Herzfeld)

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Das Bewegungsvokabular des Australian Dance Theatre geht weit über jenes der klassischen und zeitgenössischen Tanztechniken hinaus Das Bewegungsvokabular des Australian Dance Theatre geht weit über jenes der klassischen und zeitgenössischen Tanztechniken hinaus
  • Spannender und vergnüglicher lassen sich Überlegungen zum kartesianischen Bild vom Geist/Körper-Dualismus oder auch modernere neurobiologische Konzepte wohl kaum visualisieren. Spannender und vergnüglicher lassen sich Überlegungen zum kartesianischen Bild vom Geist/Körper-Dualismus oder auch modernere neurobiologische Konzepte wohl kaum visualisieren.
  • Zum Schluss versetzte ein seltsames Ballett fragmentierter Körperteile kombiniert mit bildnerischen Elementen und einem eher einlullenden Sound  in einen trancehaften Zustand. (alle Fotos: Chris Herzfeld) Zum Schluss versetzte ein seltsames Ballett fragmentierter Körperteile kombiniert mit bildnerischen Elementen und einem eher einlullenden Sound in einen trancehaften Zustand. (alle Fotos: Chris Herzfeld)