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18.05.2018 |  Anita Grüneis

„Nathan der Weise“ in Vaduz: Dieser Weg wird steinig und schwer

Die Bühne liegt voller Pflastersteine. Baumaterial oder Protestwerkzeuge? Oder vielleicht Mahnmale gegen Völkermord? Was auch immer, der Weg der Religionen zueinander hin ist ein steiniger. Das wird in dieser Aufführung von Lessings „Nathan der Weise“ deutlich. Das Staatstheater Mainz gastierte damit im Vaduzersaal. Leider nicht im TAK - im großem Saal ging allzu viel des wunderbar gesprochenen Textes unter. Da es inzwischen selten geschieht, dass ein Klassiker textgetreu wiedergegeben wird, ohne dabei staubig zu wirken, war das akustische Problem besonders ärgerlich. Inszeniert hat das Stück K.D. Schmidt, der auch gemeinsam mit Christoph Hill für das Bühnenbild verantwortlich zeichnete. 

K.D. Schmidt hat gerne Menschen von heute auf der Bühne, Personen, die wie du und ich sprechen, handeln und agieren. So wurde sein „Nathan der Weise“ zu einer Geschichte mit Menschen, die ihren Traditionen treu sind, sich in ihnen zu bewegen wissen und doch immer wieder daraus ausbrechen, um ihren Gefühlen Luft zu geben. Sie sind authentisch, mit all ihren Temperamentschüben, ihren Sehnsüchten, Träumen und Wünschen. Das Leben schubst sie hin und her, und so stoßen sie schon mal an andere Menschen und müssen sich damit auseinandersetzen. Schon Lessing wusste: „Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen, aber selten etwas Besseres“. Daran hält sich auch der Regisseur. Und so stehen seine Menschen auf der Bühne zwischen all den Steinen, sind wie sie sind, und sind doch andere.  

Überzeugende Schauspieler mit Temperament

Beim ersten Auftritt scheint Murat Yeginer als Nathan aus weiter Ferne zu kommen, ein Handelsreisender im dunklen Anzug mit Hut, der viel erlebt hat, ein wenig abwesend wirkt und sorgfältig über die Pflastersteine steigt, als ahne er, dass mit seinem Haus auch sein Heimatland abgebrannt wird. Seine Tochter Recha ist bei Paulina Jolanda Alpen ein Teenager, der noch traumatisiert ist von der Rettung aus dem brennenden Haus. In langem Rock und rotem Mohair-Pulli mit überlangen Ärmeln begrüßt sie stürmisch ihren Vater, verhaspelt sich beinahe beim Erzählen des Geschehens und bekommt Sternchen in den Augen, als sie von ihrem engelgleichen Retter spricht.
Ganz klar, dieses Mädchen ist schwer verliebt. Ihr Retter will allerdings von diesem jüdischen Mädchen nichts wissen, als Tempelherr tat er nur seine Pflicht. Rüdiger Hauffe ist ein trotziger, leicht erregbarer junger Mann, der seine Unsicherheit gut verbirgt und damit wie ein Junge von heute wirkt. In „wilder stummer Zerstreuung“ küsst er schon mal die Pflastersteine, auf denen das Mädchen ging. Recha und er sind sich in ihrer Art sehr ähnlich und deuten damit bereits an, was zum Schluss Gewissheit werden wird.  

Die Kirch' und die Kinder

Leicht exzentrisch und höchst reizbar wirkt Anna Steffens als Daja, die Gesellschafterin von Recha, die anscheinend den Tempelherren gerne für sich hätte und das auch wort- und gestenreich andeutet – sehr zum Missfallen des von der Schwärmerei leicht überforderten jungen Mannes. Ein elegantes Gespann bilden Martin Herrmann als Saladin und Leoni Schulz als Sittah – ein Geschwisterpaar, das nicht nur wegen der Kostüme (Lucia Vonrhein) als solches erkennbar ist, sondern auch in seinem Gehabe beim Schachspiel oder beim Diskutieren über Familiengeschichten.
Süffisant die Darstellung des Patriarchen von Armin Dillenberger, dessen Augen wie Gott allwissend in einer Selfie-Video Projektion das Bühnengeschehen beobachten und aus dessen Video-Mund wiederholt die Worte kommen: „Der Jud’ wird verbrannt. Er wäre es wert, dreimal verbrannt zu werden“.  Erschreckend auch seine Sätze: „Denn ist nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt? Ausgenommen, was die Kirch' an Kindern tut.“ Das wusste Lessing schon vor 240 Jahren! 

Das gute Ende ohne Umarmung 

Alles findet ein gutes Ende. Bei Lessing heißt es: „Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.“ In dieser Inszenierung umarmt sich niemand, die Personen finden sich in einer Art soap wieder. Wie „Friends and family“ stehen sie auf der Bühne, und Recha und Nathan wissen in diesem wundersamen Kreis anscheinend nicht „Should I stay or should I go“. Ein guter Schluss für eine starke Inszenierung, die das Werk von Gotthold Ephraim Lessing lebendig werden ließ. Das Publikum zeigte sich dankbar und applaudierte lange. 

Nächste Vorstellung: 18. Mai, 20 Uhr im Vaduzersaal

Recha (Paulina Jolanda Alpen) begrüßt ihren Vater Nathan (Murat Yeginer)

Recha (Paulina Jolanda Alpen) begrüßt ihren Vater Nathan (Murat Yeginer)

Der Tempelherr (Rüdiger Hauffe) und Nathan in heftiger Diskussion

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Sittah (Leoni Schulz) und Saladin (Martin Herrmann) mit Alhafi (Johannes Schmidt)

Sittah (Leoni Schulz) und Saladin (Martin Herrmann) mit Alhafi (Johannes Schmidt)

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