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02.08.2010 |  Silvia Thurner

Tanzender Klangzauberer bei den Bregenzer Festspielen - Jubel für den Dirigenten Teodor Currentzis und sein Kammerorchester der Oper Nowosibirk MusicAeterna

Einen atemberaubenden Konzertabend genossen gestern die ZuhörerInnen mit dem Kammerorchester der Oper Nowosibirsk MusicAeterna. Was im Programmheft nach einem unspektakulären Ereignis klang, entpuppte sich dank des charismatischen Dirigenten Teodor Currentzis als Glücksgriff der Bregenzer Festspiele. Begeisterte Zustimmung fand die Flötistin Maria Fedotova als Solistin in Weinbergs Flötenkonzert. Mozarts allseits bekannte Symphonie Nr. 40 wirbelte in erfrischend individueller Gestalt durch die trockene Akustik im Kornmarkttheater.

Schon als Dirigent in Weinbergs Oper „Die Passagierin“ machte der Dirigent Teodor Currentzis auf sich aufmerksam, einerseits durch eine intensive Körpersprache, andererseits mit seiner meisterhaften Diktion. Der aus Griechenland stammende Dirigent, der in zwei Jahren seinen vierzigsten Geburtstag feiert, ist eine Ausnahmeerscheinung am Dirigentenpult. Er modelliert die Musik von den Zehen- bis in die Fingerspitzen und tanzt die Musik mit einer ausdrucksvollen Körpersprache. Entscheidend dabei ist für mich, dass jede seiner ausladenden Bewegungen authentisch wirkt und nie als aufgesetztes Spektakel aufgefasst wird. So entsteht der Eindruck, als ob Currentzis die Töne und Klänge, die melodischen und rhythmischen Themen und Motive quasi aus der Luft greifend formt. Die durchwegs jungen MusikerInnen des Kammerorchesters der Oper Nowosibirsk folgten seiner Diktion sehr genau. Gestalterische Kraft und Transparenz wurden deshalb mit facettenreichen Deutungen sowohl akustisch als auch optisch nachvollziehbar. Klar, dass das Publikum auf diese Interpretationen mit Jubel reagierte.

Dramaturgie der Werkauswahl

Die Werkauswahl für das Orchesterkonzert war durchdacht gewählt. Neben Weinbergs Flötenkonzert wurde auch die Sinfonietta Nr. 2 vorgestellt. Ergänzt wurde das Programm mit Mozarts Symphonie Nr. 40. Die berühmte große g-Moll Symphonie, KV 550 hatte Weinberg in Form von Allusionen und Zitaten in seiner Oper „Die Passagierin“ verarbeitet. Einzig auf Prokofjews Symphonie Nr. 1, op. 25, die so genannte „Klassische Symphonie“ hätte ich gerne verzichtet. Dieses anachronistische Werk passte meinem Empfinden nach nicht in dieses dichte Programm.

Meisterhafte Solistin

Die Flötistin Maria Fedotova spielte das expressive Flötenkonzert von Weinberg mit großer Aussagekraft. Die Hauptthemen im Eröffnungssatz zeichneten sich durch einen großen Aufforderungscharakter aus, hatten innerhalb des melodischen Flusses eine rufartige Funktion. Die Korrespondenzen zwischen Solostimme und Orchester wirkten auch im motorischen Drängen durch die Stimmgruppen hindurch stets prägnant. Spannend wurden die Soloflöte und der Orchesterklang als gleitende Schichten miteinander verbunden. Im Gegensatz dazu erklang der langsame Mittelteil harmonisch gut ausbalanciert. Über einen atmenden dunklen Klanggrund breiteten sich weite Linien in der Flöte aus. Eine in sich kreisende Ruhe mit einem verhaltenen Duktus fesselte das Publikum. Die großen Gesten im Finale spielte die Solistin meisterhaft, allerdings war hier die Balance zwischen Solistin und Orchester nicht immer optimal.

Mozart in einer individuellen Wekdeutung

Mozarts Symphonie Nr. 40 formte das Kammerorchester mit einem interpretatorischen Zugang, der glücklich machte. Bis ins Detail ausgestaltet, erklangen die einzelnen Themen- und Motivgruppen. Vor allem die Korrespondenzen zwischen Vorder- und Nachsätzen in den einzelnen Stimmgruppen wirkten derart durchsichtig, dass sie Mozarts KV 550 - zumindest für mich - neu erlebbar machten. Teodor Currentzis baute in seinen Werkdeutungen auch Gewichtungen in den einzelnen Sätzen ein. Damit unterstrich er die Charakteristika der einzelnen Sätze. Darüber hinaus ergaben sich daraus Licht- und Schattenwirkungen mit  individuellen Phrasierungsbögen und Artikulationsmustern.

Gewalt und Krieg zerstören Kindheitserinnerungen nicht

Mieczyslaw Weinbergs „Sinfonietta Nr. 2“ ist ein autobiografisches Werk mit einer großen suggestiven Wirkung. Vor allem der erste Satz ließ mich an „Die Passagierin“ denken. Aufsteigende Linien, die einem Aufschrei glichen, wirbelnde polythematisch verzahnte Themen sowie insistierend auf einem Platz verharrende Gesten, die das Gefühl des Unabänderlichen eindringlich verstärkten, wurden eher reflektierenden Abschnitten voran gestellt. Zu Beginn  resolut erklingende Tonfloskeln transformierten die virtuosen Musiker im zweiten Satz in introvertierte Motive. Eine eigentümliche Kraft ging von den Solokantilenen der Violine und Viola sowie dem Violoncello aus, bis am Schluss die Musik in einen wiegenden Klangfluss mündete, wohl Erinnerungen an die frühe Kindheit.
An diesem Werk war wieder eindrücklich die kompositorische Meisterschaft von Weinberg abzulesen, unter anderem in jenen Details, wenn sich im Adagio das melodische Gewebe allmählich aufzulösen schien, quasi zerbröckelte.

Das Kammerorchester MusicAeterna spielte ein eindringliches und beglückendes Konzert

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Teodor Currentzis könnte eine große Karriere machen (Foto: Philip Andrukhovich)

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Maria Fedotova begeisterte als Solistin

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